Inhalt

Ursprung von Sars-Cov-2
Nina Jeglinski
»Werden auch in Zukunft mit solchen Viren zu tun haben«

Der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht hält eine Übertragung vom Tier auf den Menschen am wahrscheinlichsten

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie stellt sich die Frage, woher das Virus stammt? Welche These vertreten Sie?

Ich bin Zoologe und denke, dass das Corona-Virus in der Form aufgetaucht ist, die wir in der Entstehung von Epidemien und Pandemien im historischen Rahmen schon öfters gesehen haben; dass es von einem Tier auf den Menschen übertragen wurde, möglicherweise durch einen Zwischenwirt. Ich halte diese Phänomene für wahrscheinlicher als die Laborthese, die sehr politisch und soziologisch geprägt ist.

Ist die Laborthese also reine Verschwörungstheorie?

Die Laborthese beschreibt eine Möglichkeit, die ich als die unwahrscheinlichere ansehe. Dass damit Stimmung gemacht wird, halte ich bei der Suche nach dem Ursprung des Virus für kontraproduktiv.

Warum kam die Laborthese überhaupt auf?

Das ist sicher auch der Tatsache geschuldet, dass in vielen virologischen Labors sogenannte "Gain of Functions"-Experimente durchgeführt werden. Das sind Experimente, um die Entstehung und die Gefährlichkeit von Zoonosen besser zu verstehen und daraus vorbeugende Strategien abzuleiten. Mit RNA-Viren lässt sich im Labor vieles untersuchen, was auch in der Natur durch Mutation und Rekombination passiert. Das ist aber nicht annähernd ein Beweis, dass im Fall von Sars-CoV-2 ein gefährliches Virus freigesetzt wurde. Allerdings wurde diese Art von Experimenten auch in China durchgeführt, während sie etwa in den USA untersagt sind.

Und wo hat das Corona-Virus seinen Ursprung?

Wir haben sehr viele Hinweise auf den Übersprung von Viren, die sowohl von Wild- wie auch von Nutztieren stammen, mit denen Menschen vermehrt in Kontakt kommen. Das war nicht nur bei den Corona-Vorgängern wir Sars und Mers so, sondern bei vielen bekannten Kinderkrankheiten, etwa Masern, aber auch bei vergangenen Epidemien wie der Pest oder der Spanischen Grippe. Masern-Viren beispielsweise haben sich vor 2.500 Jahren von Rindpestviren abgespalten und auf den Menschen übertragen. Bereits um 400 vor Christus, in der Zeit des Peloponnesischen Krieges, sind in Griechenland nachweislich regional verheerende Seuchen aufgetreten, die ihren Ursprung in einer Zunahme von Viehhaltung im Zusammenhang mit der entstehenden Polis haben.

Solche Hinweise gab es auch bei SARS-1?

Richtig, in den Jahren 2003/2004 kam es zu dem Ausbruch von SARS-1 und damals konnte tatsächlich der Zwischenwirt gefunden werden. Sowohl Fledermäuse als Reservoir der Viren und der Larvenroller - eine Schleichkatze, die in Südostasien vorkommt - als Zwischenwirt wurden identifiziert. Damals wurde diese Tiere lebend in einem Restaurant in China angeboten, eine Servierkraft und ein Gast erkrankten kurz darauf, Anfang 2004, an einer Lungeninfektion, die als SARS-1 identifiziert und deren Virus-Erreger isoliert wurde. Damals wurden auch noch andere zum Verzehr und Verkauf angebotene Wild- und Nutztiere, darunter etwa Marderhunde, untersucht und festgestellt, dass auch sie Überträger der Viren waren.

Und was könnte der Zwischenwirt von Sars-CoV-2 sein?

Neben dem Tempo bei der Entwicklung der Impfstoffe ist es auch höchst beachtlich, dass man durch Sequenzvergleich in nur wenigen Monaten ein Virus aus Fledermäusen der Gattung Rhinolophus als nächstverwandt mit Sars-CoV-2 des Menschen identifizieren konnte. Die chinesische Virologin Zheng-Li Shi hat bestätigt, dass dieses Fledermaus-Virus bereits vor Jahren entdeckt wurde. Wir wissen inzwischen, dass auch bei anderen Rhinolophus-Fledermäuse, etwa aus Laos und Kambodscha, ähnliche Viren vorkommen, die aufgrund ihrer Eigenschaften potentiell ebenfalls auf den Menschen überspringen könnten. Dies dürfte bereits sehr viel häufiger bei Menschen in Asien vorgekommen sein, jedoch kam es zuvor nie zu einer Epidemie oder gar Pandemie. Durch Mutationen - beim Zwischenwirt, den wir nicht kennen - oder beim Menschen könnte es dann erst bei Covid-19 zu entscheidenden Veränderungen gekommen sein, so dass eine Ansteckung auch von Mensch zu Mensch stattfindet.

Das hört sich an, als wären das natürliche Vorgänge....?

Exakt, diese Vorgänge werden neuerdings vom Menschen befördert! Wir bereiten mutierenden Viren geradezu die beste Bühne zur weiteren Evolution. Angetrieben vom enormen Bevölkerungswachstum verändert sich die Umwelt gerade in China rasant, durch Entwaldung, zunehmende Landwirtschaft und Verstädterung. Zudem liegt Wuhan, eine Stadt mit elf Millionen Einwohnern, in die das Virus vermutlich aus dem Süden Chinas eingeschleppt wurde und in der die Pandemie dann ihrem Ausgang nahm, am Jagtse-Fluss aufgereiht zwischen der 23-Millionen-Metropole Shanghai und Chongqing, der mit 34 Millionen Einwohnern größten Stadt der Welt.

Wird überhaupt noch geklärt werden, wann das Corona-Virus seinen Ursprung hatte?

Mehrere epidemiologische Untersuchungen deuten darauf hin, dass sich das Virus monatelang unbeobachtet und unbemerkt ausbreiten konnte, mit großer Wahrscheinlichkeit sind im Herbst 2019 bereits sehr viele Menschen infiziert gewesen.

Warum spielt es eine Rolle, wie das Virus entstanden ist?

Weil wir immer wieder mit solchen Viren zu tun hatten und es auch in Zukunft nicht anders werden wird. Vor 100 Jahren etwa starben durch die Spanische Grippe weltweit zwischen 50 und 100 Millionen Menschen. Sehr wahrscheinlich geholfen hat bei der frühen Ausbreitung in den USA, dass dort zuerst Schweine und dann Menschen durch das Virus infiziert wurden, das aus Wildgänsen stammt. US-Soldaten haben diese Grippe nach Europa gebracht, wo eine vom Krieg geschwächte Bevölkerung sehr anfällig für Epidemien dieser Art war. Das Gleiche hat es beim HIV-Virus und bei Ebola gegeben. Am Anfang standen immer Tiere, die enge Verbindungen mit dem Menschen hatten. Das alles spricht für ursprüngliche, natürliche Vorgänge, bei denen die Menschen mit Wildtieren in Kontakt kamen und eng mit Nutztieren zusammenlebten.

Das Gespräch führte Nina Jeglinsk

Matthias Glaubrecht ist Evolutionsbiologe und Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2021 Deutscher Bundestag