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Claus Peter Kosfeld
»Da kommt eine Katastrophe auf uns zu«

Die Präsidentin des Deutschen Pflegerats warnt vor einer Verschärfung des Fachkräftemangels in ihrer Branche

Frau Vogler, Pflegefachkräfte werden dringend gesucht. Warum ist der Markt so in Schieflage?

Zum einen schlägt die demografische Entwicklung jetzt massiv durch. Das geht auch an der Pflege nicht vorbei. Zum anderen sind die Arbeitsbedingungen in der Pflege schlecht. Pflege ist in der Vergangenheit als reiner Kostenfaktor definiert worden. Entsprechend haben die Kostenträger nach Sparmöglichkeiten geguckt. Statt Qualität und Personal zu definieren, sind viele Pflegestellen abgebaut worden. Durch fehlende Bedarfsbemessungsinstrumente sind Minimalbesetzungen üblich.

Zudem bleibt die Pflege weit unter ihren Möglichkeiten durch den ärztlichen Vorbehalt. Pflegekräfte können über Details der Versorgung nicht ohne Arzt entscheiden, obwohl das eigentlich in ihrer fachlichen Kompetenz liegt. Deswegen fordern wir die Heilkundeübertragung, also die Möglichkeit, dass wir in der Pflege auch diagnostisch und therapeutisch arbeiten können. Hier geht es auch um die Wertschätzung der Berufsgruppe.

Wie viele Pflegekräfte fehlen denn?

Genaue Zahlen gibt es nicht, die Datenlage ist schlecht. Wir sehen aber, wie lange es dauert, bis eine freie Stelle wieder besetzt werden kann. Wenn eine Pflegefachkraft ausscheidet, dauert die Neubesetzung im Schnitt 240 Tage. Daran wird die Dimension des Mangels schon deutlich. Die Schätzungen gehen dahin, dass rund 100.000 bis 200.000 Pflegefachpersonen fehlen. Wenn in zehn Jahren die Babyboomer aus dem Beruf gehen, scheiden rund 30 Prozent der Pflegefachkräfte aus. Dann werden zwischen 200.000 und 400.000 Pflegekräfte in der Versorgung fehlen.

Beobachter sprechen von einer Pflegenotlage. Wie schätzen Sie das ein?

Da kommt eine Katastrophe auf uns zu. Es läuft darauf hinaus, dass wir Menschen nicht mehr angemessen versorgen können, darunter leiden dann etwa demente Patienten oder Menschen, die eine Wundversorgung brauchen. Auch in der Kinderkrankenpflege wird das Fachpersonal in der ambulanten Pflege nicht ausreichen. Kliniken können Pflegefälle dann nicht mehr in Heime abgeben, weil es dort keine Plätze gibt.

Wir müssen womöglich Heimplätze schließen, weil wir sie nicht betreiben können. Die Versorgung wird in die Häuslichkeit zurückgehen, wobei wieder Frauen die Hauptarbeit übernehmen müssen. Auch die hochgelobte Hochleistungsmedizin kann nur mit Pflegefachpersonen angeboten werden. Diese möglichen Folgen des Fachkräftemangels werden noch gar nicht richtig bedacht.

Es hat diverse Reformen gegeben. Hat das alles nichts gebracht?

Es hat wenig gebracht. Das klingt hart, zumal Fachpolitiker die Dringlichkeit erkannt haben. Das Grundproblem ist die Aufteilung in drei verschiedene Sozialgesetzbücher: Krankenversicherung, Pflegeversicherung sowie Rehabilitation und Teilhabe. Damit wird die Finanzierung der Versorgung zersplittert, auch die der Pflegeversorgung. Wir haben es mit Ärzten und Krankenhäusern in ihren Selbstverwaltungsstrukturen zu tun. Die Pflegekompetenz wird in dem hochkomplizierten System oft gar nicht eingebunden. Wenn dann Gesetze gemacht werden für die Selbstverwaltungsorgane, wo die Pflege nur als Kostenfaktor gesehen wird, greift das immer zu kurz. So ist die Pflegeberufereform mit der angestrebten Generalistik inkonsequent umgesetzt worden.

Inwiefern hat die Konzertierte Aktion Pflege eine Verbesserung bewirkt?

Es ist ja immer gut, miteinander ins Gespräch zu kommen und Probleme zu fokussieren. Wir waren vom Deutschen Pflegerat in allen fünf Arbeitsgruppen mit dabei. Wenn wir aber ehrlich sind, ist die gemeinsame Umsetzung der Ergebnisse nicht garantiert, insofern sind das Absichtserklärungen. Es sind viele Dinge angestoßen worden, einige Punkte sind von den Ministerien auch aufgegriffen worden, etwa Förderprogramme betreffend. Aber viele Dinge wie die Löhne sind auf der Strecke geblieben.

Die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind schwierig. Was ist das Kernproblem?

Zu wenig Menschen, die zu viele Patienten und zu viel Arbeit haben, zu wenig angemessener Lohn und eine zu geringe Kompetenzzuweisung. Laut Umfragen tragen sich 40 bis 70 Prozent der Pflegenden mit Ausstiegsgedanken. Die Entlohnung ist besser geworden, aber nach dem Lohnindex für den Verantwortungs- und Belastungsgrad (Comparable-Worth-Index) von Beschäftigten müssten Pflegende im Schnitt rund 4.000 Euro verdienen. Dieses Lohnniveau wird in der Pflege nicht erreicht. Viele Pflegekräfte geben deswegen ihren Beruf auf.

Wie stehen Sie zur Anwerbung von Pflegefachkräften aus dem Ausland?

Das ist ein Baustein. Wir müssen das machen, sonst kann die Fachkräftelücke nicht geschlossen werden. Wichtig ist dabei eine anständige Willkommenskultur und kein Massenandrang, das würde die Einrichtungen überfordern.

Außerdem müssen wir sehen, welches angemessene Abgabeländer sind, Deutschland ist ja nicht das einzige Land mit Pflegenotstand, in Europa ist das überall ähnlich. Das Beispiel Großbritannien zeigt, wie mit guten Einstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten Fachkräfte von allein gerne ins Land kommen.

Wie haben die Pflegenden die zwei Jahre Corona-Pandemie erlebt?

Das ist jetzt ein Pulverfass, gerade mit Blick auf den geplanten Pflegebonus. Mit einem solchen Bonus kann man nur verlieren, da wird es immer Unzufriedenheit geben. Und am Lohnniveau ändert sich nichts. Wir lehnen den Bonus ab, das ist nett gemeint, hilft uns aber nicht weiter. Es wäre besser, konsequent die Arbeitsbedingungen zu verbessern und das Geld woanders einzusetzen.

Mit welchen Folgen rechnen Sie, wenn Mitte März die Corona-Impfpflicht in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen wirksam wird?

Wir stehen zur allgemeinen Impfpflicht und unterstützen die einrichtungsbezogene Impfpflicht als ersten Schritt. Aber was machen wir, wenn die Versorgung nicht sichergestellt werden kann, weil die ungeimpften Mitarbeiter freigestellt werden? Die Personaldecke ist so dünn, wir können es uns nicht leisten, auch nur einen Menschen nach Hause zu schicken. Das heißt, wir müssen über gestufte Systeme nachdenken.

In den Einrichtungen liegen die Impfquoten im Schnitt zwischen 85 und 95 Prozent bei den Pflegenden. Es gibt aber auch Einrichtungen, in denen nur 40 oder 50 Prozent der Pflegekräfte geimpft sind. Dort können wir nicht 50 Prozent nach Hause schicken. Das Gesetz kann in solchen Fällen nicht greifen. Wir müssen die Beschäftigten noch besser überzeugen. Grundsätzlich gilt: Pflegende sind Vorbilder. Wenn Pflegende bewusst eine Gefährdung von Patienten in Kauf nehmen, sollen sie was anderes machen.

Die Fragen stellte Claus Peter Kosfeld

Christine Vogler ist seit Juni 2021 Präsidentin des Deutschen Pflegerats e.V. (DPR). Seit 2020 ist die gelernte Krankenschwester Geschäftsführerin des Berliner Bildungscampus für Gesundheitsberufe.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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