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Ortstermin: Erstanlaufstelle für Geflüchtete
Denise Schwarz
Dem Krieg entkommen

Als Nataliya (38) in Berlin Reinickendorf aus der S-Bahn steigt, muss sie sich zunächst einmal orientieren. Einen Wegweiser gibt es dort nicht, doch ein Blick auf das Handy hilft weiter. Sie sucht das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF). Auf dem Weg dorthin schließen sich ihr zwei weitere Frauen an. Die ältere von beiden zieht einen kleinen Koffer hinter sich her. Über das Erlebte der vergangenen Tage möchte sie nicht sprechen.

Nach fünf Minuten Fußweg erreichen die Frauen den Haupteingang des LAF. Die Parkplätze davor sind alle belegt - mit Autos aus der Ukraine und Polen. Schilder auf dem Areal weisen den Weg zur Erstanlaufstelle für Geflüchtete. Nataliya möchte sich dort für Freunde aus der Ukraine über die Abläufe informieren. Sie hofft, dass ihre Bekannten, der älteste von ihnen ist 85 Jahre alt, am nächsten Tag in Berlin ankommen werden: "Ich bin selbst vor 20 Jahren als Kontingentflüchtling nach Deutschland gekommen. Damals sind wir in einem eingezäunten Verteilungslager bei Nürnberg gelandet. Die Bedingungen dort waren nicht angenehm." Um ihren Freunden eine solche Erfahrung zu ersparen, möchte sie ihnen die Ankunft in Deutschland so einfach wie möglich machen. Noch harren die Freunde in Bulgarien und Moldau aus und warten auf ihre Weiterreise. Nataliya wünschte sich, ihre Mutter wäre auch unter ihnen. Doch sie möchte vorerst in Odessa bleiben und dort helfen, berichtet Nataliya mit Tränen in den Augen.

An der Erstanlaufstelle warten Mitarbeitende und Helfende auf die ankommenden Menschen. Auch Dolmetscher sowie medizinisches und psychologisches Personal stehen bereit. Viele Geflüchtete kämen bei Freunden und Verwandten unter, sagt Sascha Langenbach, Pressesprecher des Landesamtes: "Wer diese Möglichkeit nicht hat, bekommt hier einen Schlafplatz." Er steht an diesem Dienstagnachmittag vor einer der Unterkünfte für Geflüchtete. Im Vergleich zur Erstanlaufstelle im vorderen Bereich des Areals herrscht dort hektisches Treiben. Immer wieder kommen neue Menschen an, Dolmetscherinnen versuchen Fragen zu klären und Ehrenamtliche erkundigen sich, wie sie helfen können. Bis vergangenen Dienstag sind Langenbach zufolge ungefähr 700 Menschen aus der Ukraine auf dem Gelände des LAF untergekommen. Doch die Ressourcen seien begrenzt: "Wir haben aktuell noch Kapazitäten für 1000 Menschen. Weitere 1000 Schlafplätze sollen hinzukommen". Bereits am Donnerstag waren die Kapazitäten laut rbb erschöpft.

Derzeit raten die Mitarbeitenden der LAF Geflüchteten davon ab, direkt Asyl zu beantragen. Lieber sollten sie auf eine Entscheidung zum vereinfachten Asylantragsverfahren warten. Auch Alonas Familie wurde empfohlen, sich Ende der Woche noch einmal zu melden. Bereits einen Tag nach Kriegsbeginn sind sie in Berlin angekommen. Die 30-jährige Berlinerin mit ukrainischen Wurzeln ist mit einem Ukrainer verheiratet. Eigentlich hatte sie vor, nächstes Jahr mit der gemeinsamen Tochter zu ihm in die Ukraine zu ziehen. Die ersten Angriffe musste die Familie vom Flugzeug aus mitansehen. Sie seien gerade aus dem Urlaub gekommen und im Anflug auf den internationalen Flughafen Boryspil nahe Kiew gewesen, berichtet Alona: "Gegen fünf Uhr sind wir dann gelandet und haben Explosionen gehört." Die dreiköpfige Familie ist direkt vom Flughafen mit ihrem Auto zur polnischen Grenze gefahren. Auch ihr Mann konnte das Land noch verlassen. Wenige Stunden später rief der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj das Kriegsrecht aus - Männer zwischen 18 und 60 Jahren müssen nun in der Ukraine bleiben. Da Alona noch eine Wohnung in Berlin hat, ist ihre Familie sicher untergebracht. Ihr Mann wolle demnächst mit Hilfsgütern an die polnisch-ukrainische Grenze fahren, um die Menschen in seiner Heimat zu unterstützen. "Putin wollte die Menschen auseinandertreiben. Doch wir stehen alle zusammen".Denise Schwarz

Aus Politik und Zeitgeschichte

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