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Kurz rezensiert
Aschot Manutscharjan
Maurus Reinkowski: Geschichte der Türkei

Die Türkei ist ein starkes, ein schwieriges und ein zerrissenes Land. So widersprüchlich charakterisiert Maurus Reinkowski das Land am Bosporus. Nach Forschungs- und Lehraufenthalten in Jerusalem und Istanbul unterrichtet er heute Islamwissenschaften an der Universität Basel. Veröffentlicht hat Reinkowski die derzeit beste Geschichte der modernen Türkei. Quellenreich und mit fundiertem Hintergrundwissen präsentiert er die Entwicklung seit dem spätosmanischen Reich über die Regierungszeit des Türkei-Gründers Atatürk bis zur Präsidentschaft Recep Tayyip Erdogans.

Das Buch ist gut strukturiert und in einer allgemein verständlichen Sprache geschrieben. Im Unterschied zu vielen Büchern über die Türkei thematisiert der Historiker auch die dunkelsten Kapitel der türkischen Geschichte - den Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges. "Für Deutschland, den damaligen hauptsächlichen Verbündeten des Osmanischen Reiches, wiegt die moralische Last schwer, auch weil direkte Linien vom Genozid an den Armeniern zum Holocaust führen."

Bemerkenswert sind die Ausführungen Reinkowskis über die Rolle der Türkei als Schlüsselstaat zwischen Europa und Asien: Ankara wolle eine Brückenfunktion zwischen Religionen und Kulturen einnehmen. Dabei könne die Türkei diesem Anspruch "schon in ihrer eigenen Gesellschaft nicht immer gerecht werden". Seit der Regierungsübernahme Erdogans hat sich die Frontstellung zwischen dem säkularen und dem religiös-konservativen Lager der Gesellschaft verhärtet. Zudem belasten innere Konflikte mit den großen Minderheiten die Bildung eines gemeinsamen nationalen Selbstverständnisses. Reinkowskis Prognose: "Am jetzigen Stand der Dinge, nämlich dem Bestehen einer elektoralen Autokratie, wird sich wohl so schnell nichts ändern". Die regierende AKP habe alles getan, "sich tief in den Schaltstellen der Macht einzugraben".

Das Buch: Maurus Reinkowski, Geschichte der Türkei. Von Atatürk bis zur Gegenwart, C.H. Beck, München 2021; 496 S., 32,00 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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