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Yom HaShoah
Denise Schwarz
»Wir dürfen niemals vergessen«

Israel gedenkt der Opfer des Holocaust. Im Gespräch mit der Bundestagspräsidentin mahnen Überlebende zur Erinnerung

Von außen unterscheidet sich das Bürogebäude mitten in Jerusalem wenig von anderen. Büro reiht sich an Büro, Rechtsanwälte arbeiten neben Mitarbeitenden des Bauministeriums. Doch hinter den Türen im achten Stock verbergen sich bewegende Schicksale. Hier, in der Zentrale der Nichtregierungsorganisation Amcha, finden traumatisierte Holocaust-Überlebende einen Ort des Austauschs. Seit 1987 bietet Amcha therapeutische Hilfe für Überlebende an. Weltweit betreuen die Psychologinnen und Psychologen aktuell rund 20.000 Menschen.

Eine von ihnen ist Pnina Katsir. Die zierliche 92-Jährige konnte rund 70 Jahre nicht über das sprechen, was sie als Kind erleben musste. Nicht einmal ihren Freunden erzählte sie von dem Leid, das sie während des Zweiten Weltkriegs in dem Ghetto von Dzhurin in der heutigen Ukraine durchlebte. Erst ihre Tochter und ihre Enkelin konnten sie davon überzeugen, über die Vergangenheit zu berichten. Insgesamt sieben Jahre hat sie die Treffen bei Amcha besucht, bevor sie sich erstmals öffnete. Mittlerweile spricht sie regelmäßig vor Schulklassen über das Erlebte. Sie beschreibt es als ihre "heilige Pflicht", nachfolgenden Generationen von den Schrecken des Holocaust zu berichten, damit sich dieser nicht wiederhole: "Wir dürfen niemals vergessen." An diesem Tag hat sie eine besondere Zuhörerin: Die Präsidentin des Deutschen Bundestages, Bärbel Bas, die anlässlich des israelischen Holocaust-Gedenktages Yom HaShoah vergangene Woche für einen zweitätigen Besuch nach Israel reiste.

Als Elfjährige wurde Katsir mit ihrer Familie aus ihrer Heimat Siret im heutigen Rumänien deportiert und erreichte nach mehrwöchigem Marsch das Ghetto in Dzhurin. Der Alltag war durch die Suche nach Arbeit und Essen bestimmt: "Ich musste Schwerstarbeit verrichten. Abends bekam ich dann ein Stück Brot - oftmals alt oder verschimmelt". Hunger, Kälte, Krankheit und Angst prägten das Leben des Kindes. Von den 3500 Menschen, die in Dzhurin zusammengepfercht waren, überlebten nur 500. Katsir erzählt mit ruhiger Stimme, stockt jedoch immer wieder: "Viele Menschen im Lager sind an Angst gestorben oder sie wollten einfach nicht mehr leben." 1944 wurde das Ghetto von der Roten Armee befreit. Vier Jahre später wanderte Katsir im Alter von 18 Jahren in den neugegründeten Staat Israel aus. Dort hat sie eine Heimat gefunden, fühlt sich sicher. Doch Narben seien geblieben, sagt sie. Noch heute könne sie kein Stück Brot wegwerfen und müsse das Licht in ihrer Wohnung brennen lassen. Mit eindringlichem Blick wendet sie sich an die Bundestagspräsidentin: "Es ist eure Pflicht, das Geschehene nie zu vergessen". Ihren Glauben an die Menschheit habe sie trotzdem niemals aufgegeben. Am Ende des Gesprächs umarmen sich die beiden Frauen.

Historische Schuld Zum ersten Mal ist eine Repräsentantin Deutschlands zum nationalen Holocaust-Gedenktag nach Israel gereist. Es sei ihr eine große Ehre auf Einladung des israelischen Parlamentspräsidenten Mickey Levy den Zeremonien beizuwohnen und mit Überlebenden des Holocaust ins Gespräch zu kommen, von ihren Schicksalen zu erfahren, so Bas. Auch für den Knesset-Chef, der zum internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2022 im Bundestag sprach und Bas als Freundin bezeichnet, setzt die Anwesenheit seiner Amtskollegin ein wichtiges Zeichen: "Ihr Besuch symbolisiert die besondere Beziehung zwischen unseren Völkern." Immer wieder spricht Bas auf ihrer Reise von tiefer Scham, die sie für die Verbrechen des Nazi-Regimes und des deutschen Volkes empfinde, und von der Demut gegenüber den Opfern des Holocaust. Aus der historischen Schuld Deutschlands erwachse die Verpflichtung, den Staat Israel und sein Volk zu schützen und aufkeimenden Antisemitismus "mit allen Mitteln, die wir als Rechtsstaat haben", zu bekämpfen.

Sechs Millionen Jüdinnen und Juden sind während des Zweiten Weltkriegs von den Nationalsozialisten ermordet worden. Noch immer sind nicht alle Opfer namentlich bekannt. Die Gründer von Yad Vashem, der internationalen Holocaust-Gedenkstätte am Berg der Erinnerung in Jerusalem, haben es zum Ziel erklärt, allen Ermordeten ihre Namen zurückzugeben. 4,8 Millionen Einträge umfasst die Datenbank der Gedenkstätte aktuell.

Gemeinsames Gedenken In Yad Vashem beginnt am Abend des 27. Aprils mit einer offiziellen Zeremonie der Holocaust-Gedenktag. Bereits am Morgen besucht Bas gemeinsam mit Levy das Gelände. Hoch über der Stadt ist es an diesem Mittwochmorgen ruhig, Vögel zwitschern, wenige Besucherinnen und Besucher sind so früh unterwegs. Der Ort wirkt friedlich, fast schon idyllisch. Er steht damit im starken Kontrast zu dem Inneren der Anlage. Durch eine schwere Tür betreten Bas und Levy die Halle der Erinnerung. Auf dem Boden sind die Namen von 22 Konzentrations-, Vernichtungs- und Durchgangslagern sowie Exekutionsstätten eingraviert, die für die Vernichtung durch den Nationalsozialismus stehen. Licht fällt nur durch eine Öffnung in der Decke und einen Spalt oberhalb der Wände. Unter einer Steinplatte in der Mitte des Raumes befindet sich Asche aus den Konzentrationslagern. Auf diese Steinplatte legt Bas in Erinnerung an die Opfer einen Kranz nieder. Sie hält einen Moment inne, bevor sie sich schweigend entfernt. Aus Respekt vor den Opfern soll in der Halle der Erinnerung kein Deutsch gesprochen werden.

Nur wenige Meter entfernt steht das "Denkmal für die Kinder". 1,5 Millionen jüdische Kinder wurden Opfer des nationalsozialistischen Fanatismus. Herzstück des begehbaren Denkmals ist ein dunkler Raum mit fünf Kerzen. Durch Spiegel an den Wänden wird ihr Licht um ein Vielfaches reflektiert und erzeugt den Eindruck, die Anwesenden würden sich in einem Sternenhimmel befinden. Per Lautsprecher werden Name, Alter und Herkunft von 1200 Kindern vorgelesen. Wollte ein Besucher alle diese Namen hören, müsste er drei Tage in der Installation verbringen.

Wenige Stunden später beginnt in Yad Vashem die offizielle Zeremonie zum Beginn des Gedenktags Yom HaShoah. Dicht gedrängt sitzen Menschen verschiedener Generationen nebeneinander. Die Deportationen der Nationalsozialisten sind das diesjährige Thema des Gedenktages. Systematisch wurden jüdische Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, in Konzentrations- oder Arbeitslager gesteckt, ermordet. "Es gibt kein gleichwertiges Verbrechen wie die Shoah", sagt der israelische Premierminister Naftali Bennett in seiner Rede. Immer wieder würden Geschehnisse mit dem Holocaust verglichen, doch kein anderes Verbrechen habe auf die systematische und industrielle Vernichtung eines ganzen Volkes abgezielt.

Symbolisch für die sechs Millionen Opfer werden an diesem Abend sechs Fackeln entzündet. Traditionell übernehmen Überlebende diese Aufgabe. Eine von ihnen ist Olga Kay. Die 96-Jährige wurde in Ungarn geboren, beinahe ihre gesamte Familie starb in Auschwitz. Sie und ihre Schwestern wurden weiter nach Bergen-Belsen deportiert. Während auf zwei Leinwänden ein kurzer Film über ihr Schicksal gezeigt wird, schaut Kay starr geradeaus, Tränen sammeln sich in ihren Augen. Als nach dem Krieg ihre erste Tochter geboren wurde, habe sie gedacht: "Das ist mein Sieg über Hitler", berichtet sie später.. Auch dieses Narrativ ist Teil des Gedenkens an den Holocaust: Die Gewissheit, dass das jüdische Volk nicht ausgelöscht wurde, sondern fortbesteht. Mit den Worten "Ihre Erinnerung ist unsere Erinnerung" richtet sich der israelische Staatspräsident Izchak Herzog an die Überlebenden: "Es ist unsere Pflicht, Lehren aus der Shoah zu ziehen und an die nächste Generation weiterzugeben."

Nur noch wenige Zeitzeugen Viele der Überlebenden sind inzwischen in einem hochbetagten Alter. Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Um ihr Andenken zu erhalten, wurde vor etwa 20 Jahren die Initiative Sikaron BaSalon ("Erinnern im Wohnzimmer") gegründet. Menschen können Holocaust-Überlebende zu sich einladen, mit ihnen sprechen, singen, diskutieren. Besonders an Yom HaShoah finden in Israel und weltweit zahlreiche solcher Gespräche statt.

Statt im gemütlichen Wohnzimmer treffen sich Levy und Bas in einem Konferenzraum der Knesset mit dem Rabbiner Israel Meir Lau, Schülerinnen und Schüler sind virtuell zugeschaltet. 1937 als Sohn eines Rabbiners in Polen geboren, wurde der spätere Oberrabbiner von Israel zusammen mit seinem Bruder nach Buchenwald deportiert.

Mit gefasster Stimme und weiten Gesten beschreibt er der Zuhörerschaft, wie er nach Ende des Krieges 26 Lastwagen mit Gefangenen aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen nach seiner Mutter absuchte. Er ging in den ersten Wagen und schaute in jedes Gesicht, doch seine Mutter war nicht dabei. "Ich habe noch 25 Lastwagen vor mir, habe ich mir auf Polnisch gesagt, und weitergesucht." Seine Mutter hat er nie wieder gesehen.

Es sei unbegreiflich, was die Nationalsozialisten ihm und seiner Familie angetan haben, sagt Bas. Den Mördern seiner Familie könne er nicht vergeben, doch er habe die Hoffnung, dass die junge Generation lernt, eine gemeinsame Sprache zu sprechen und sich gegenseitig zu vergeben, sagt Rabbi Lau.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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