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Ortstermin: Führung durch das Reichstagsgebäude
Denise Schwarz
Hinter den Kulissen des Bundestages

Trotz Sommerpause herrscht geschäftiges Treiben vor den Türen des Plenarsaals. Dort, wo normalerweise Abgeordnete in Gespräche vertieft sind und Pressevertreter mit ihren Kameras stehen, warten heute Besucher aus aller Welt, um einen Blick hinter die Kulissen des Reichstagsgebäudes zu werfen.

"Was wollen Sie sehen? Leider kann ich Ihnen in der kurzen Zeit nicht alles zeigen", begrüßt Rainer Hartmeier die Wartenden. Mehr als 5.000 Vorträge und Führungen hat der Politikwissenschaftler absolviert - anfangs noch im Bonner Wasserwerk. "Das Jakob-Kaiser-Haus fände ich interessant", antwortet eine der acht Teilnehmenden.

Doch zuerst geht es für die Gruppe durch die Gänge rund um den Plenarsaal. Sofort wandern die Blicke nach rechts und links. Die Wände sind übersät mit kyrillischen Schriftzeichen, Namen, Daten. Soldaten der Roten Armee haben sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs dort verewigt. Als die Schrift bei Renovierungsarbeiten in den 1990er Jahren wieder zum Vorschein kam, wurde beschlossen, dieses Stück Zeitgeschichte zu erhalten, erklärt Hartmeier.

Dass die Gebäude im Parlamentsviertel unterirdisch verbunden sind, kommt den Besuchern bei 37 Grad Außentemperatur zu Gute. Per Laufband geht es für den gewünschten Abstecher in das benachbarte Jakob-Kaiser-Haus, wo ein Teil der Abgeordneten und Verwaltungsmitarbeiter ihre Büros hat. Ob man bei Führungen auch auf Abgeordnete treffe, fragt ein Familienvater aus Münster. Da diese nur außerhalb der Sitzungstage stattfinden, sei es unwahrscheinlich, aber nicht völlig ausgeschlossen, antwortet Hartmeier.

Gute Chancen habe man an einem Dienstag in den Sitzungswochen, wenn die Abgeordneten ihre Fraktionssitzungen haben. Im Normalbetrieb befinden sich dann bis zu 1.200 Menschen auf der Fraktionsebene oberhalb des Plenarsaals. Heute ist Hartmeiers Gruppe fast allein auf der Etage. Für ihn gehört dieser Ort fest zu jeder Führung dazu, schließlich ist er "ein wichtiger politischer Bereich des Hauses". Neben den großen Fraktionssälen befinden sich auf der Ebene des Reichstagsgebäudes auch vier kleine Räume - versteckt in den vier Türmen.

Nach einer Stunde hat die Gruppe den Plenarsaal von außen, hinten und oben gesehen. Jetzt ist es an der Zeit, ihn auch von innen zu besichtigen. Während auf den anderen Tribünen Besucher gerade einem Vortrag lauschen, nimmt Hartmeier etwas abseits mit seiner Gruppe Platz. Dort, wo sonst die Fotografen sitzen, lehnt er am Geländer und beantwortet geduldig die Fragen der Besucher. Er verstehe es als Teil des Jobs, über die parlamentarische Arbeit aufzuklären und zu vermitteln, wie dieses Haus arbeitet: "Die Menschen soll hier nicht mit Fragen rausgehen."

Besonders interessiert sich die Gruppe für die Arbeit der Stenographen, die im Plenarsaal direkt vor dem Redepult sitzen und per Kurzschrift jedes gesprochene Wort protokollieren. Bis zu 500 Silben könnten sie pro Minute laut Hartmeier stenographieren - in Langschrift schafft ein Mensch gerade einmal 40.Denise Schwarz

Aus Politik und Zeitgeschichte

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