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Medizintourismus
Claus Peter Kosfeld
Mit Geldkoffer in die Klinik

Coronakrise und Krieg haben das Geschäft mit reichen Auslandspatienten eingetrübt

Reisen, Erholung und Therapie, das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden: Das geht nicht wenigen Menschen durch den Kopf, wenn sie an das nächste Urlaubsziel denken. Und es betrifft nicht nur die Schönen und Reichen, Sternchen aus der Filmwelt, Oligarchen aus dem fernen Osten, arabische Scheichs oder betuchte Rentner.

Der Medizintourismus ist inzwischen eine feste Größe in der Branche mit spezialisierten Anbietern, wenig transparenten Vermittlungsagenturen und einem teilweise exklusiven Stamm an Kunden, die weite Strecken zurücklegen, um sich in Deutschland, dem Land der Hochleistungsmedizin, behandeln zu lassen.

Solvente "Selbstzahler" aus dem Ausland sind für manche Krankenhäuser und Ärzte in Deutschland ein lukratives Betätigungsfeld, das während der Corona-Pandemie aber total eingebrochen ist. Auch politische Krisen im Ausland, etwa in arabischen Ländern, in Russland oder der Ukraine, lassen die Nachfrage schwanken.

Patienten aus Polen Die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Medizintourismus und veröffentlicht regelmäßig aktuelle Analysen zu dem Thema. Mariam Asefi, die den Forschungsbereich leitet, hat in den zurückliegenden Jahren deutliche Veränderungen am Markt beobachtet.

So haben etwa arabische Staaten, die ihre Bürger über Jahre zur medizinischen Behandlung nach Deutschland geschickt haben, mittlerweile Verträge in anderen Ländern geschlossen. Und der Krieg Russlands gegen die Ukraine lässt die Vermutung zu, dass auch dieser ehemals dynamische Markt kleiner wird. Asefi rechnet jedenfalls mit deutlichen Verschiebungen innerhalb des Medizintourismus.

Die letzte Erhebung der Wissenschaftler vor Corona bezieht sich auf das Jahr 2018. Damals ließen sich den Angaben zufolge rund 250.000 Patienten aus 182 Ländern stationär oder ambulant in Deutschland behandeln, was zu Einnahmen in Höhe von rund 1,2 Milliarden Euro führte. Fast zwei Drittel der Auslandspatienten kamen aus einem EU-Staat zur Behandlung nach Deutschland, die meisten aus Polen, wo das Gesundheitssystem Schwächen hat.

Aus Russland kamen den Angaben zufolge 2018 mehr Patienten nach Deutschland als aus allen Golfstaaten zusammen, jedoch sank die Nachfrage um zehn Prozent. Hingegen kamen damals rund elf Prozent mehr Patienten aus der Ukraine. Das war vor dem flächendeckenden Angriff Russlands auf die Ukraine, die weitere Entwicklung ist nicht absehbar.

Wer aus einem anderen EU-Staat explizit nach Deutschland reist, um Gesundheitsleistungen in Anspruch zu nehmen, braucht nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) eine Genehmigung der Krankenkasse im Heimatstaat. Der Anspruchsnachweis muss dann bei einer deutschen Krankenkasse in einen Nationalen Anspruchsnachweis eingetauscht werden. Falls die heimische Krankenkasse den Behandlungsumfang eingeschränkt hat, wird auf dem Nationalen Anspruchsnachweis vermerkt, auf welche Leistungen sich die Genehmigung bezieht.

Unklare Marktlage Bei Patienten ohne Anspruchsnachweis wird nach der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) abgerechnet (ambulant) oder stationär in öffentlichen Kliniken nach dem Krankenhausentgeltgesetz (KHEntgG) auf Basis der Fallpauschalen (DRG). Außereuropäische Medizintouristen werden demnach wie inländische Privatpatienten abgerechnet. Bei Patienten aus dem außereuropäischen Ausland kommt es dabei teils zu Abrechnungsproblemen. Laut einer Studie von 2015 zum Medizintourismus in Berlin-Brandenburg werden einige Medizintouristen daher um Vorkasse gebeten. Krankenhäuser beauftragen mitunter Verrechnungsstellen und Inkassounternehmen, um Forderungen einzutreiben.

Wie viele Krankenhäuser und Ärzte sich am Geschäft mit dem Medizintourismus beteiligen, wird statistisch nicht erfasst. Auch eine Anfrage bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) brachte kein Licht ins Dunkel. Die DKG könne dazu keine Auskunft geben, diese Daten würden von den Kliniken nicht abgefragt, teilte ein Sprecher mit. Einige Häuser werben aber recht offensiv mit ihren Leistungen auch für ausländische Patienten, manche Regionen haben sich einen guten Ruf erworben bei dieser Kundengruppe, beispielsweise das Ruhrgebiet, Berlin und Brandenburg, der Raum München sowie Hamburg.

Gesetzliche Regelungen Laut einer Expertise der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages gibt es für den Medizintourismus keine spezielle gesetzliche Regelung. Krankenhäuser organisieren das Geschäft in eigener Verantwortung. Verboten ist aber die Vermittlung von Patienten gegen Geld. Nach einem Urteil des Landgerichts Kiel von 2011 begünstigt die Patientenvermittlung eine unerwünschte Kommerzialisierung des Arztberufs und begründet einen unlauteren Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Krankenhäusern. Demnach sind Provisionszahlungen für die Patientenvermittlung gemäß Paragraf 138 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) sittenwidrig. Ferner kann der Expertise zufolge bei Verträgen zwischen medizinischen Einrichtungen und Patientenvermittlungsfirmen eine Strafbarkeit nach den Paragrafen 299a und 299b Strafgesetzbuch (StGB) wegen Bestechlichkeit und Bestechung im Gesundheitswesen in Betracht kommen.

Die Stadt Essen im Ruhrgebiet ist nach eigenen Angaben "einer der bedeutendsten Medizin- und Gesundheitsstandorte in Deutschland" mit 16 Klinikstandorten, rund 6.000 Betten und 1.300 niedergelassene Ärzten aller Fachrichtungen. Jährlich würden rund 750.000 Patienten aus dem In- und Ausland ambulant und stationär behandelt, heißt es auf der Homepage der Stadt.

Nachfrage eingebrochen Mehrere Krankenhäuser in Essen haben Erfahrung mit internationalen Patienten. Mit der Corona-Pandemie ist der Wirtschaftszweig allerdings schwer eingebrochen, trotz bestehender Nachfrage. Auch der Ukraine-Krieg lastet schwer auf dem Medizintourismus. Der russische Markt mit Kontakten zu einzelnen Städten und Regionen sei für Essen und das Ruhrgebiet wichtig gewesen, jedoch mit Beginn des Krieges weggebrochen. "Von da kommt gar keiner mehr", merkt ein Branchenkenner an, der nicht namentlich genannt werden will und die Situation als insgesamt schwierig beschreibt.

Für Essen spricht nach Einschätzung des Branchenexperten die Spezialisierung der Kliniken. Beim Gastpatientenmanagement komme es darauf an, hohe Fallzahlen für bestimmte Behandlungen nachzuweisen, danach werde gezielt gefragt. Seiner Erfahrung nach lassen sich wohlhabende Patienten aus dem arabischen Raum sowie reiche Russen bevorzugt in Bayern oder Hamburg behandeln.

Bisweilen werde die Bezahlung der Medizintouristen über die Botschaften abgewickelt. "Es gibt aber auch noch Patienten, die mit dem Geldkoffer kommen." Der Branchenfachmann hofft, dass sich die politische Großwetterlage bald bessert und auch die Corona-Pandemie ein Ende findet. Dann sollte der Gesundheitstourismus nach Deutschland wieder aufleben.

Wunschmedizin Der Medizintourismus kennt aber auch die andere Richtung, denn Patienten aus Deutschland lassen sich bisweilen gerne im Ausland behandeln, weil es dort billiger ist. Weil solche Angebote grenzüberschreitender medizinischer Leistungen zunehmen, hat die Bundesärztekammer (BÄK) vor Jahren dazu eine Stellungnahme ihrer Zentralen Ethikkommission veröffentlicht. Demnach nutzen Patienten aus Deutschland in zunehmendem Maß medizinische Angebote im europäischen Ausland und darüber hinaus. Für diese Patienten habe sich in einzelnen Staaten ein spezialisiertes Angebot etabliert, beispielsweise für Zahnprothetik in Ungarn und Polen, für Augenoperationen in Russland und für Fortpflanzungsmedizin in Tschechien, Großbritannien und Spanien.

Hinzu kämen Angebote der sogenannten "wunscherfüllenden Medizin" einschließlich der ästhetischen Chirurgie und der "alternativen Medizin". Als Gründe für die Nutzung der Angebote im Ausland werden in der Expertise der Ethikkommission die "teilweise erheblichen Kostenunterschiede" genannt, die eingeschränkte Verfügbarkeit oder lange Wartezeiten im Inland.

Zahntourismus Nachgefragt werden etwa funktionell und ästhetisch anspruchsvolle Verfahren und Materialien wie Implantate oder Keramikverblendungen, die im Ausland teils erheblich billiger angeboten werden.

Den Kostenvorteilen stünden jedoch Nachteile gegenüber, heißt es in der Stellungnahme. So sei für Laien kaum zu beurteilen, ob die vergleichsweise preiswerte Behandlung zu Lasten der Qualität gehe und die Versorgung in Wahrheit minderwertig ausfalle.

Kooperation In einer Grauzone bewegen sich nach Einschätzung der Ethikkommission in Deutschland tätige Zahnmediziner, die als "Partnerzahnärzte" ausländischer Anbieter etwa für Implantate fungieren. Patienten könnten erwarten, dass ein "Partnerzahnarzt" bei Komplikationen nach einer Behandlung im Ausland ebenso kurzfristig verfügbar sei, als hätte der Arzt die Behandlung selbst übernommen.

Auch die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) warnt vor einem "unüberlegten Zahntourismus" in EU-Staaten. Zahnersatz etwa sei kein Standardprodukt, sondern müsse individuell angepasst werde, bisweilen seien auch Nachbehandlungen erforderlich. Bei Behandlungen im Ausland gälten die dortigen Gewährleistungen.

Kein Zahnarzt in Deutschland sei dazu verpflichtet, fremden Zahnersatz kostenfrei nachzubessern. Der heimische Zahnarzt sei zudem über Vorerkrankungen der Patienten informiert. Ganz ohne Nebenwirkungen gibt es den Gesundheitstourismus eben doch nicht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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