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UKRAINE
Thomas Franke
In Alarmbereitschaft

An der Grenze zu Russland wächst die Angst vor einer Eskalation des Konflikts

Als ich ein Kind war, spielten die Jungs in Luhansk auf der Straße 'Rote gegen Faschisten'", erzählt Iryna. "Jetzt spielen die Kinder ,Wir gegen die Ukropy'.". Ukropy, zu Deutsch Dillköpfe, ist eine in Russland verbreitete verächtliche Verballhornung für Ukrainer.

Iryna ist nicht ihr richtiger Name. 2014 flüchtete die Mutter zweier Teenager aus der von russischen Separatisten besetzten Stadt Luhansk nach Sewerodonetsk auf der ukrainisch kontrollierten Seite der Front. Ihre Eltern jedoch blieben, und Iryna hat Angst, dass sie Schwierigkeiten bekommen könnten, wenn sie sich in einem Interview zu erkennen gibt. "Die Leute in Luhansk betrachten uns als ihre Feinde. Das liegt daran, dass sie russisches Fernsehen schauen. Die Sender schüren Aggression gegen uns Ukrainer."

Auf gepackten Koffern Iryna wohnt wenige Kilometer von der Front entfernt und sieht die politische Entwicklung mit Sorge. "Ich bereite mich auf das Schlimmste vor", sagt sie und meint einen erneuten Einmarsch russischer Truppen. Einen Notfallkoffer hat sie bereits gepackt. Darin: Papiere, Kleidung, Medikamente und unverderbliche Lebensmittel wie Cracker oder Konserven für mindestens eine Woche.

Furcht vor dem Einmarsch Mit ihrer Angst ist Iryna nicht allein. Jeder Dritte in dem von der Ukraine kontrollierten Gebiet im Osten des Landes fürchte einen erneuten Einmarsch Russlands, sagt der Soziologe Denys Kobzin vom Institut für Sozialforschung in Charkiw, der zweitgrößten Stadt im Land. Seine Umfragen zeigen aber auch, wie stark die Propaganda des russischen Fernsehens wirkt und die Bevölkerung spaltet: Jeder Fünfte im Osten hegt danach große Sympathien für Russland. "Selbst wenn sie anerkennen, dass Russland Krieg führt, finden sie trotzdem, dass die Ukraine daran schuld ist, denn sie sind überzeugt, dass Russland niemals sein Brudervolk überfallen würde."

Die Umfrageergebnisse verändern sich jedoch, je weiter man nach Westen kommt, erläutert Kobzin. "Im Westen der Ukraine wird Russland viel stärker als Feind gesehen." Im Landesdurchschnitt täten dies mehr als die Hälfte der Ukrainer.

Der russische Angriff auf das Land 2014 prägt die ukrainische Identität und leistet dem Patriotismus Vorschub. Im Fall eines weiteren Einmarsches könne die Regierung auf eine viel größere Bereitschaft der Bevölkerung zählen, das Land zu verteidigen, als noch vor acht Jahren, urteilt Kobzin. Tatsächlich zeigt eine Umfrage des Internationalen Instituts für Soziologie in Kiew, dass jeder zweite Ukrainer bereit ist, bewaffnet Widerstand gegen die russische Besatzung zu leisten. Ein weiteres Drittel wäre zudem zu zivilen Widerstand und Protesten bereit.

Verteidigungsbereit Solche Zahlen dürften der ukrainischen Regierung gefallen: Längst setzt sie darauf, den Preis für Russland für den Fall eines neuerlichen Angriffs möglichst hochzutreiben, erläutert Gustav Gressel, Sicherheits- und Osteuropaexperte am European Council on Foreign Relations, einem europäischen Think Tank zur Außen- und Sicherheitspolitik. "Was die Bereitschaft, den Ausbildungsstand und die Verwendungsfähigkeit des Materials angeht, haben vor allem die Landstreitkräfte seit 2014 große Fortschritte gemacht", erklärt er. Das gelte auch für das taktische Zusammenspiel der einzelnen Waffengattungen und ihr Verhalten auf dem Gefechtsfeld. Außerdem sei das ukrainische Militär auch dank der Lieferung von Waffen und weiterer Ausrüstung aus dem Westen wie Panzerabwehr-Lenkwaffen, Scharfschützengewehre und Kommunikationstechnik besser vorbereitet. Kleinere Angriffe könne die Ukraine abwehren. Im Fall einer groß angelegten Invasion jedoch bleibe die Luftwaffe ein Schwachpunkt: "Die Flieger-Abwehrsysteme sind ja alle noch aus der Sowjetunion. Da hat Russland natürlich genaue Kenntnisse über die Systeme und ihre Frequenzen."

Dennoch: Mit einem großen Krieg rechnet Wolodymyr Fessenko, Leiter des Kiewer Zentrums für angewandte politische Forschung Penta, wie viele andere ukrainischen Experten nicht. "Dafür braucht Russland noch weitere militärische Ressourcen", glaubt er. Doch bestehe das Risiko lokaler militärischer Operationen: So könnten sich die Kämpfe im Donbass zuspitzen, verbunden mit dem Versuch, Mariupol und die Küste des Asowschen Meeres einzunehmen. Die Stadt ist mit ihrem Hafen und ihrer Industrie wichtig für die ganze Region. Und mit der Küste des Asowschen Meeres erhielte Russland den dringend benötigten Landzugang zur Krim.

Diejenigen, die bereits vor Jahren aus den besetzten und umkämpften Gebieten geflohen sind, geben sich keiner Illusion hin. "Nichts wird Russland aufhalten", sagt etwa die Journalistin Marina Tereschenko, die für Svoi City, ein Online-Portal für Binnenvertriebene, schreibt. "2014 hat Russland ja auch nichts aufgehalten." Damals füchtete sie von Luhansk nach Sewerodonetsk. Ihren Notfallkoffer hat sie nun - wie Iryna - wieder gepackt.

Der Autor ist freier Osteuropa-Korrespondent.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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