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Wissenschaft
Nina Jeglinski
»Ein Weckruf«

Eckart von Hirschhausen gehört zum Vordenker-Kreis Club of Rome. Er spricht über die Lehren der bekanntesten Studie der Vereinigung

Eckart von Hirschhausen, Mediziner und Fernsehmoderator, spricht im Interview über die Wirkung und die Aufgabe, die der Bericht "Die Grenzen des Wachstums" nicht nur den politisch Verantwortlichen, sondern jedem Menschen aufgegeben hat. Für das Mitglied des Club of Rome ist der vor 50 Jahren veröffentlichte Bericht eine Art Anleitung zur Rettung des Planeten.

Herr Hirschhausen, der Bericht "Die Grenzen des Wachstums", der den Club of Rome weltbekannt machte, gilt Kritikern als Beispiel für übertriebene Warnungen. Was haben wir aus den Vorhersagen gelernt?

Eindeutig zu wenig! Wenn man sich vergegenwärtigt, auf welchem Stand die damalige Computertechnik war, muss man sich verneigen vor den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern rund um Dennis Meadows. Sie haben prognostiziert, wohin grenzenloses Wachstum im Jahr 2050 führt, nämlich dazu, dass wir die Erde gegen die Wand fahren. Vor 50 Jahren sorgte der Bericht erstmalig dafür, die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt öffentlich zu diskutieren.

Welches Wachstum war gemeint?

Ich zitiere: "Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unvermindert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht." Mit dem Bericht wurde klar, dass es der Mensch ist, der die Natur bedroht - nicht umgekehrt, ein Paradigmenwechsel. Ein weiterer wichtiger Gedanke war, dass wir es mit Naturgesetzen zu tun haben, die nicht verhandelbar sind, und die unausweichlich eine allumfassende Krise bedeuten, wenn die Menschheit ihre Wertvorstellungen und Ziele nicht ändert. Das war der große Weckruf des Berichts. Und damals hätte man noch Zeit gehabt, umzusteuern - jedenfalls 50 Jahre mehr als heute! Immerhin entstanden so seit den 1970er Jahren Lehrstühle für Umweltwissenschaften, eigene Ministerien, NGOs, grüne Parteien und internationale Klimakonferenzen.

Wie muss man sich Ihre Arbeit in der Deutschen Gesellschaft Club of Rome vorstellen?

Unser Motto lautet vom Wissen zum Handeln. Für komplexe Themen braucht es verschiedene Perspektiven von Ökonomen, Naturwissenschaftlern und Sozialwissenschaftlern sowie Multiplikatoren in die Gesellschaft. Viele wichtige Impulsgeber sind in diesem Netzwerk engagiert, unter anderem Ernst Ulrich von Weizsäcker, Mojib Latif oder Claudia Kemfert, von denen ich viel lerne und dann für die Arbeit in den Medien und meiner Stiftung Gesunde Erde - Gesunde Menschen verwende.

Der Bericht arbeitet vor allem mit einem Negativ-Szenario und spricht von einem Zusammenbruch, der bevorstehe. Dabei hat Wachstum doch auch erheblich zu Wohlstand, Verbesserung der Lebensstandards und weniger Hunger weltweit beigetragen. Was ist also falsch am Wachstum?

Viele Ideen, die uns in der Wirtschaft, in der Kultur oder in den Religionen der Welt begegnen, stammen, wie der frühere Weltbank-Ökonom Herman Daly und der Physiker Ulrich von Weizsäcker es nennen - aus der leeren Welt. Doch seit Mitte des 20. Jahrhunderts sehen wir einen enormen Bevölkerungszuwachs, der seit 1960 von etwa drei Milliarden Menschen auf aktuell 7,9 Milliarden angestiegen ist. Die Entwicklung hat nicht nur zu einem massiven Ressourcenverbrauch geführt, sondern auch zu einer Verschmutzung von Gewässern, Böden und der Luft. Die Wachstumsidee war über zig Tausend Jahre passend, stößt jetzt aber an ihre Grenzen. Deshalb brauchen wir eine neue Aufklärung.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Vor 10.000 Jahren haben die Wildtiere 99 Prozent ausgemacht, wenn man die Biomasse an Land betrachtet, nur ein Prozent machten wir Menschen aus. Entwicklungszeitlich in kürzester Zeit ist das Masseverhältnis komplett auf den Kopf gestellt worden. Wir zählen heute ein Drittel Menschen, rund zwei Drittel sind Nutztiere von Menschen, und wir lassen den Wildtieren auf diesem Planeten nur noch wenige Prozent über. Das Artensterben wie auch die Pandemien sind die unmittelbare Folge von der Zerstörung der Lebensgrundlagen von Mensch und Tier. Exponentielles Wachstum können wir nur sehr schwer begreifen. Wissenschaftler sprechen von der "Great Acceleration", der großen Beschleunigung. Alle Kurven schnellen immer steiler nach oben: Weltbevölkerung, Verlust an Biodiversität, die Mengen an CO2 und Methan in der Atmosphäre, Erosion der Böden und Entwaldung. Gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde.

Gibt es etwas, das heute besser ist als vor 50 Jahren?

Der Begriff "one health", sprich der gemeinsame Blick auf die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt hat es immerhin in den Koalitionsvertrag geschafft. Als Arzt feiere ich natürlich den Gewinn an Lebenserwartung, die Erfolge in der Armutsbekämpfung, die Impfungen, den Sieg über Polio und Pocken, aber nach vielen Jahrzehnten positiver Entwicklung kippt die Bilanz. Heute hungern wieder mehr Menschen als vor zehn Jahren, auch als Folge der Klimakatastrophe, von Dürre, Extremwettern und Hitze. Wenn man sich fragt, wieso seit 1972 so wenig umgesetzt worden ist, dann frage ich mich als Kommunikator, ob wir zu viel und zu abstrakt über Eisbären, Atmosphärenchemie und den ansteigenden Meeresspiegel gesprochen haben. Wir müssen ja nicht "das Klima" retten - sondern uns! Wir fühlten uns in Deutschland immer sicher. Möglicherweise ist das traurige Ereignis im Ahrtal vom Sommer 2021 mit 200 Toten und 30 Milliarden Euro Schaden in einer einzigen Nacht ein Signal.

Wie meinen Sie das?

Wir verstehen nun, dass die Klimafrage kein Thema nur für eine Partei oder eine Generation ist. Mein Freund, der Physiker und Moderator Harald Lesch sagt: "Naturgesetze gelten auch für Menschen, die Physik in der Schule abgewählt haben". Ein CO2-Molekül hat nun einmal bestimmte Eigenschaften, und die verschwinden nicht einfach durch ein Abkommen, das in Paris zu Papier gebracht wurde. Es gibt nur einen Weg, der etwas ändert, und das ist die Reduzierung der Emissionen. Die jungen Menschen der Fridays-for-Future-Bewegung haben das erkannt und haben die Politik und die älteren Generationen herausgefordert, schnellstens die CO2-Bilanz zu verbessern, weil es sonst keine Zukunft für niemanden gibt. Die jungen Leute haben faktisch Recht.

Welchen Weg halten Sie bei der Bewältigung der Klimaprobleme für eher machbar, den des Verzichts oder den einer technischen Innovation durch Wissenschaftler und Ingenieure?

Es braucht alles, außer ein entweder-oder! Als der Tesla-Gründer Elon Musk Millionen auslobte für eine Maschine, die CO2 binden kann, twittert jemand: "Dürfen sich auch Bäume bewerben?" Das ist mein Humor. Die überzogenen Erwartungen an technische Innovationen wie zum Beispiel "Wasserstoff" ignoriert oft den dreckigen Energiehunger und die Tatsache, dass wir sehr schnell umlenken müssen. Auf der Klimakonferenz in Glasgow im vergangenen Jahr ging es auch um "Nature-based-Solutions" - also um die Frage, welche Rolle spielen Grünflächen, Moore und Ozeane in der Pufferung von dem Unsinn, den die Menschheit gerade anstellt.

Und die Antwort?

Die Weltmeere federn momentan noch viel Wärme und CO2 ab. Aber auch das hat Grenzen. Dazu muss man im Sommer nur ein Glas mit Mineralwasser eine Zeitlang stehen lassen, um festzustellen, dass die Kohlensäure abdampft. Wie im Wasserglas so auch in einem Ozean. Wenn es wärmer wird, kann Wasser weniger Gase binden. Die Komplexität der Natur mit einer menschlichen Erfindung zu imitieren und Jahrhunderte an Fehlentwicklungen auf Knopfdruck rückgängig machen zu wollen, ist totaler Unsinn! Wir können froh sein, dass Bäume CO2 binden können. Der erste vernünftige Schritt wäre, dass wir aufhören, weiter weltweit zusammenhängende Waldgebiete zu zerstören. Vor allem zerstören wir sie zur Gewinnung von Ackerboden für Futter- und Fleischproduktion.

Sie kritisieren die Fleischproduktion und die Lieferketten. Wie viele Nutztiere wollen Sie abschaffen?

Da hätte ich eine Idee für die neue Regierung. Sie sollte per Gesetz jeden Käufer dazu verpflichten, beim Kauf eines Kilos Fleisches einen 20-Liter-Eimer Gülle mit ausgehändigt zu bekommen. Mehr Menschen würden augenblicklich seltener Fleisch essen. Allerdings gibt es auch Regionen auf der Erde, in denen außer Gras nicht viel wächst. Dort sind Nutztiere wirklich nützlich, weil sie Milch, Jogurt, Käse und Fleisch liefern. Das gilt für Nomaden und Bergvölker, aber in unseren Breiten bedeutet der ungebremste Fleischkonsum nicht "Lebenskraft", sondern den Todesstoß für diesen Planeten. Und uns gleich mit.

Was ist in Ihren Augen die Lösung?

Die heutige Lebensmittelproduktion setzt bis zu einem Viertel aller Treibhausgase frei und ist damit der größte Verursacher von Biodiversitäts- und Waldverlusten, Landnutzungsänderungen, von Wasserverbrauch und Überdüngung durch Stickstoff und Phosphor. Johan Rockström, Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, gibt mit dem Konzept "Planetare Belastungsgrenzen" und der "planetary health diet" eine Antwort. Wenn wir die irreversiblen Kipppunkte des Erdsystems nicht überschreiten wollen, ist ein großer Schlüssel eine effizientere und nachhaltigere Landwirtschaft. Wenig Tierisches, ganz viel Pflanzliches. Das ist gesünder für jeden einzelnen und für dieser Erde.

Halten Sie eine neue Form der Finanzierung für sinnvoll, um eine nachhaltige Politik zu unterstützen?

Bitte sofort die Subventionen der fossilen Energie stoppen und auch der zerstörerischen Agrargelder. Das Naheliegendste wird nicht gemacht, die Vergabe der 1.000 Milliarden Euro Recovery- Programme an sehr konkrete, nachhaltige Bedingungen zu knüpfen. Geld gibt es genug, erst jetzt hat die Bundesregierung wieder 60 Milliarden Euro aufgenommen, davon ist aber keine einzige Milliarde für Investitionen in ein hitzeresilientes Gesundheitssystem vorgesehen. Der Zusammenhang zwischen Klimaschäden und der menschlichen Gesundheit wird nach wie vor nicht gesehen, dabei sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. Deutschland liegt in der Rangliste der Hitzetoten auf Platz drei, hinter China und Indien. Gegen Viren kann man impfen, gegen Hitze nicht.

Eckart von Hirschhausen ist Arzt, Wissenschaftsjournalist und TV-Moderator. Der 54-Jährige engagiert sich für eine medizinisch und wissenschaftlich fundierte Klimapolitik und ist u.a. Mitglied bei "Scientists for Future" und der deutschen Gesellschaft des Club of Rome. Seit Januar 2022 ist er Honorarprofessor für Medizin an der Philipps-Universität Marburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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