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ANTIKE
Alexander Heinrich
»Was die Stadt angeht«

Das alte Athen ist Vorbild für direkte Demokratie. Eine Mehrheit blieb aber draußen

Im Deutschen gibt es eine Vielzahl von Begriffen, über deren Herkunft oder Ableitung aus der Sprache der alten Griechen man sich selten den Kopf zerbricht. "Telefon" ("Fern-Ton") ist ein solches Beispiel oder auch die "Grammatik" ("Kunst des Schreibens") und der "Barbar" ("Stammler"). Der Begriff "Idiot" gehört auch dazu. Wie heute bezeichnet er schon im alten Griechenland wenig Schmeichelhaftes. "Idiotes" wurde genannt, wer sich in der griechischen Polis aus den öffentlichen Angelegenheiten heraushielt und vor der Übernahme von Ämtern drückte. All das war nämlich verpönt. Der Begriff Politik ist übrigens ein weiteres Beispiel, dessen Spur an die antike Ägäis führt: "ta politika" lässt sich mit "was die Stadt angeht" übersetzen und ist wohl die bündigste Begründung dafür, warum die athenische Demokratie so viele Demokratien der Neuzeit beflügelt hat: Als Gemeinwesen mit Raum für Bürgersinn und der Bereitschaft der Bewohner, politische Verantwortung zu übernehmen, als Vorbild der direkten Beteiligung der Bürger an den Aushandlungs- und Entscheidungsprozessen.

Ob Volksversammlung, Regierung oder Gerichte - im Athen des fünften und vierten Jahrhunderts v. Chr. konnte jeder Bürger direkt über Geschicke des Gemeinwesens mitentscheiden, freilich mit einigen aus unserer heutigen Sicht brutalen Einschränkungen: Frauen, Unter-30-Jährige und Fremdarbeiter gehörten nämlich nicht dazu, Sklaven ohnehin nicht. In Athen waren es zum Beispiel nur etwa 30.000 bis 40.000 Männer, die ihr Rederecht in der Volksversammlung auf der Pnyx, einem Hügel nahe der Agora, wahrnahmen oder in der 500 Mitglieder umfassenden Ratsversammlung mitwirkten. Man kann von einer unmittelbaren Herrschaft des Volkes sprechen - mit der Eintrübung, dass dieser "demos" nur rund zehn Prozent der Einwohner der Stadt abbildete.

Nur in wenige wichtige Ämter, Finanzen, Städtebau, Wasserversorgung und militärische Führung, wurde man gewählt. Stattdessen wurden 6.000 Bürger im Jahr per Losverfahren zu Richtern bestimmt, die Beamten auf Zeit wurden ebenso in solchen Verfahren regelmäßig ermittelt. Dafür standen Losmaschinen bereit - Steinplatten mit in Spalten angeordneten Schlitzen, in die Plättchen mit den Namen der zur Losung stehenden Personen geschoben wurden. Vom Losverfahren versprachen sich die alten Griechen die Verhinderung von Protektion und Patronage, sie sahen darin ein Regulativ, das weder auf Vermögen noch auf gesellschaftliche Stellung Rücksicht nahm.

Es gibt noch einen weiteren auch heute noch verwendeten Begriff, der schon in der Akropolis in Gebrauch war und der sinnbildlich für die Gefahren steht, in die eben auch eine in mancher Hinsicht wünschenswerte Demokratie wie die altgriechische geraten kann: Das ist "demagogós", der "Volksverführer" und "Aufwiegler", der mit seinen Reden in der Volksversammlung die Stimmung hochpeitscht. Der Philosoph Platon sah gerade darin den größten Schwachpunkt der Demokratie. Er selbst zog es vor, nicht in Athen, sondern in Sparta zu leben, das nach heutigem Maßstäben wohl als autoritäres Regime durchgehen würde. Die Rede vom Wetterwendischen, Flatterhaften und Stimmungsgetriebenen in der Demokratie: Diese Klage reicht zurück an die Anfänge der westlichen Welt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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