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Editorial Die wichtigen Worte

Die Politik stemmt sich seit Wochen gegen eine Eruption des Antisemitismus. Sie nutzt dafür auch die Macht der Worte, spricht so klar und deutlich, wie lange nicht.

10.11.2023
2024-01-23T16:07:56.3600Z
2 Min

Als in Deutschland am 9. November 1938 die Synagogen brannten und Tausende Juden verhaftet oder ermordet wurden, war nicht mehr zu übersehen, zu was der Judenhass hier bei uns in der Lage sein würde. Es folgte das Unvorstellbare. Die Novemberpogrome mündeten im millionenfachen Massenmord der Shoah, der Vernichtung jüdischen Lebens in Europa.

Israel musste durch das Massaker der Hamas am 7. Oktober erleben, was mit seiner Staatsgründung ausgeschlossen werden sollte: Dem Judenhass schutzlos ausgeliefert zu sein. Was das für jüdisches Leben bedeutet, beschreibt Philipp Peyman Engel in einem Gastbeitrag. Die Politik stemmt sich seit Wochen gegen eine Eruption des Antisemitismus. Sie nutzt dafür auch die Macht der Worte, spricht so klar und deutlich wie lange nicht. Manche Reden ragen dabei heraus. Robert Habecks Ansprache gegen Antisemitismus erreichte zig Millionen Menschen und im Bundestag fand jetzt mit Cem Özdemir ein weiterer Minister von Bündnis 90/Die Grünen klare Worte.

Kein Ausweichen vor Konfrontation mit der muslimischen Gemeinschaft

Özdemir wandte sich direkt an die meist jungen Männer und Frauen, die in diesen Wochen auf deutschen Straßen gegen Israel hetzen, und rückte gerade, was auf die schiefe Ebene gerät. Nicht Israel trage Schuld am Leid der Menschen in Gaza, "es ist die Hamas, die die Menschen dort aus Feigheit in Geiselhaft nimmt und ihr Leid geradezu braucht, um euch als nützliche Idioten zu missbrauchen."

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Cem Özdemirs ließ für niemanden ein antisemitisches Versteck zu. Der politischen Linken entriss er die Maske des antikononialen Befreiungskampfes, mit dem diese ihren Antisemitismus schönredet. Der konservativen Seite hielt er vor, gelegentlich ausschließlich über den eingewanderten Antisemitismus zu sprechen, "als gäbe es im rechten Spektrum keinen, was offensichtlich absurd ist".

Özdemir wich dabei der Konfrontation mit der muslimischen Gemeinschaft nicht aus. Antisemitismus sei dort kein Randphänomen. Wenn muslimische Verbände auf Nachfrage Antisemitismus auf Deutsch verurteilten, aber dann auf türkisch und arabisch das Gegenteil sagten, dürfe das nicht mehr durchgehen. Es sei in Ordnung, die israelische Regierung zu kritisieren. Nicht in Ordnung seien aber Sympathien für die Hamas und sich über tote Juden zu freuen. Özdemirs Fazit: "Wer damit ein Problem hat, muss künftig ein Problem haben!" Manche Worte sind kaum zu überschätzen.