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Folgen der Corona-Pandemie für die Jüngsten Das war kein Spiel

Experten haben die Auswirkungen der Pandemie auf Kinder und Jugendliche untersucht. Besonderes problematisch waren wegbrechende soziale Kontakte.

24.04.2023
2024-01-10T15:07:23.3600Z
4 Min

Für Kinder und Jugendliche muss die Coronakrise ein Schock gewesen sein, schwer zu vergleichen mit Dingen, die normalerweise in einem jungen Leben geschehen können. Da verfügt ein Staat, dass sich im Alltag sehr viel ändern muss, radikal und von heute auf morgen. War schon für die Erwachsenen der Kampf gegen den unsichtbaren Feind, das Virus, mit vielen Ängsten und Unsicherheiten verbunden, um wie viel schlimmer muss die Pandemie mit ihren Einschränkungen und Einschnitten für Kinder gewesen sein?

Im Abschlussbericht der Interministeriellen Arbeitsgruppe über die gesundheitlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Kinder und Jugendliche, der vergangene Woche im Parlament ausführlich beraten wurde, werden die Probleme reflektiert, die über rund drei Jahre das Leben maßgeblich geprägt haben. Mit dem Auftreten von Covid-19 hätten Kinder und Jugendliche ab März 2020 erlebt, wie die Pandemie "ihr Leben auf den Kopf stellte", heißt es in der Präambel des Berichts, der von Gesundheitsexperten, Ärzten, Psychiatern und Psychologen erarbeitet wurde.

Geschlossene Kitas

Für Kinder und Jugendliche hat die Coronakrise verstörende Änderungen im Leben gebracht.   Foto: picture-alliance/Westend61/Dirk Kittelberger

Schulen und Kitas wurden geschlossen, ebenso Sportvereine, Freizeiteinrichtungen, Jugendclubs, Kinos und viele Geschäfte. Auch Spielplätze waren gesperrt. "Das gesamte öffentliche Leben kam quasi zum Stillstand." Nicht wenige Familien waren auf dem Höhepunkt der Coronakrise auf die Wohnung fixiert, weil auch Eltern im Homeoffice arbeiteten - oder gar nicht mehr. In vielen Fällen ist es deswegen zu schweren Spannungen gekommen, insbesondere in kleinen Wohnungen. "Das setzte alle unter enormen Stress, der noch verstärkt wurde, wenn die Sorge um die Gesundheit von älteren oder kranken Angehörigen hinzukam", heißt es im Bericht.

Für viele Familien war die Coronakrise verbunden mit wirtschaftlichen Sorgen, weil Jobs in manchen Branchen für unbestimmte Zeit wegfielen. "In sozial benachteiligten Familien (...) waren die Schwierigkeiten und existenziellen Nöte ungleich größer", stellen die Experten fest.

Vereinsamung, Isolation, Angst

Für Kinder und Jugendliche waren andere Probleme womöglich noch gravierender: "Meilensteine in ihrem Leben wie Einschulungen, Geburtstagsfeiern, Klassenfahrten, Sportwettkämpfe, Schulaufführungen und Abschlussbälle (...) können nicht nachgeholt werden", wird im Bericht vermerkt. Die Experten kommen zu dem Schluss: "Das Wegbrechen dieser Kontakte und haltgebenden Strukturen hat bei vielen jungen Menschen zu Vereinsamung, Isolation, Angst und psychischen Belastungen geführt, die teilweise bis heute anhalten." Die Experten empfehlen, Kinder und Jugendliche mit frühen Hilfen nachhaltig zu stärken, zumal sie auch schon vor der Pandemie bessere Unterstützungsangebote benötigt hätten.

In der emotionalen und von einigen heftigen Angriffen geprägten Debatte stritten Regierung und Opposition über das Krisenmanagement und die Folgen für Kinder und Jugendliche. Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) sagte, auch wenn die Corona-Pandemie jetzt nicht mehr jeden Tag in den Nachrichten vorkomme, wirkten die Folgen von Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen nach. Junge Leute seien zudem durch die Klimakrise und den Krieg in der Ukraine belastet. Am härtesten betroffen seien Kinder aus sozial benachteiligten Familien: "Es darf nicht vom sozialen Status abhängen, wie gut junge Menschen durch die Krise kommen."

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sagte, Kinder hätten in der Pandemie die meisten Opfer erbracht. Sie hätten unter den teils zu strengen Auflagen gelitten: "Die Schulschließungen hätte man nicht in dieser Länge machen müssen." Die Politik schulde den Kindern daher nicht nur eine ernsthafte Debatte, sondern auch konkrete Verbesserungen.

Ehrlich sein

Selbstkritisch äußerte sich auch Mareike Wulf (CDU). Die verantwortlichen Politiker dürften sich nicht aus der Verantwortung nehmen, sondern müssten ehrlich sein. Sie fügte hinzu: "Eine pauschale Verurteilung der damals getroffenen, höchst schwierigen Abwägung mit dem Wissen von heute wäre zu einfach." Sie kritisierte die aus ihrer Sicht unzureichenden Mittel zur Förderung von Kindern und Jugendlichen, die im Haushalt gekürzt würden. Dafür fehle ihr jedes Verständnis.

Auch die Linke forderte mehr Geld zugunsten der Strukturen für Kinder und Jugendliche. Heidi Reichinnek (Linke) sagte, zu beobachten sei ein enormer Anstieg von Depressionen, Essstörungen und Mediensucht bei Kindern und Jugendlichen. Der Krisenmodus sei ein Dauerzustand. "Diese Pandemie traf auf ein kaputtgespartes System. Egal ob Kita, Schule oder Jugendhilfe, es brennt überall."

Die heftigste grundsätzliche Kritik kam erneut von der AfD-Fraktion. Martin Reichardt (AfD) sagte, noch vor dem ersten Lockdown seien im März 2020 Schulen und Kitas geschlossen worden. Das sei "der Beginn der Regentschaft totalitärer Kinderfeindlichkeit" gewesen. Er nannte den Titel des Expertenberichts verlogen: "Es war nicht Corona, sondern die totalitären Corona-Maßnahmen. Sie haben unsere Kinder schwer geschädigt."

Aufarbeitung ist nötig

Nach Ansicht der FDP-Fraktion ist der Blick nach vorne entscheidend. Katja Adler (FDP) sagte, eine Aufarbeitung der Coronakrise sei dringend notwendig. Kindern und Jugendlichen müsse ein gutes, gesundes Aufwachsen ermöglicht werden mit dauerhaften, flächendeckenden Angeboten. Corona müsse die letzte Pandemie mit unverhältnismäßigen und schädigenden Auflagen gewesen sein.

Johannes Wagner (Grüne) räumte ein: "Es war für alle Kinder eine verdammt harte Zeit." Bildlich gesprochen könne man sagen, "alle Kinder mussten durch einen verdammt schweren Sturm". Es hätten aber nicht alle Kinder im selben Boot gesessen, fügte er in Anspielung auf benachteiligte Kinder hinzu. Für die SPD-Fraktion warb Sönke Rix um Verständnis für die Fehler, die gemacht worden sind und argumentierte: "Es gab keine Blaupause für diese Pandemie."