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Franziska Hoppermann über die Lehren aus Corona : "Es hatte wenig mit der Lebensrealität junger Menschen zu tun"

Der Bundestag hat 150 Kinder und Jugendliche eingeladen, um ihre Erfahrungen mit der Corona-Pandemie zu hören. Die Vorsitzende der Enquete-Kommission berichtet.

29.04.2026
True 2026-04-29T14:24:47.7200Z
4 Min

Frau Hoppermann, die Enquete-Kommission arbeitet die Corona-Pandemie auf und will Lehren aus dem Umgang damit ziehen. Warum wurden nun Kinder und Jugendliche nach Berlin eingeladen?

Franziska Hoppermann: Gemeinsam mit der Kinderkommission haben wir als Enquete-Kommission Historisches geleistet: Das erste Mal in der Geschichte des Parlaments wurden 150 Kinder und Jugendliche aus dem ganzen Bundesgebiet direkt an der parlamentarischen Arbeit beteiligt – dies haben wir in den vergangenen Jahren viel zu selten getan. Uns war sehr wichtig, dass wir die Kinder und Jugendlichen direkt hören und nicht nur über sie sprechen – sie waren schließlich direkt von den damaligen Entscheidungen der Politik betroffen. Und wir haben diese Veranstaltung bewusst geplant, bevor wir ähnliche Veranstaltungen mit Erwachsenen realisieren.

War die Stimmung aufgewühlt?

Franziska Hoppermann: Aufgewühlt eher weniger – es war beeindruckend, mit welcher Klarheit die Teilnehmenden ihre Erfahrungen geschildert haben. Wir hatten auch ein Awareness-Team dabei, falls es zu Vorfällen kommt, bei denen Kinder und Jugendliche über sehr negative Erfahrungen berichten würden. Als Abgeordnete waren wir bei den einzelnen Workshops selbst nicht dabei, um einen geschützten Raum für die Kinder und Jugendlichen zu gewähren. Aber die Moderatoren und Moderatorinnen berichteten, es habe eine gute und konstruktive Atmosphäre geherrscht.

Foto: DBT / Jan-Philipp Burmann / City-Press GmbH Bildagentur

Die Vorsitzende der Corona-Enquete, Franziska Hoppermann (CDU), im Gespräch mit Kindern und Jugendlichen. Viele von ihnen äußerten sich kritisch bezüglich der früheren Lockdown-Maßnahmen.

Lässt sich aus dem Treffen zusammenfassen, wie es Kindern und Jugendlichen während Corona erging?

Franziska Hoppermann: Das ist natürlich individuell, unterscheidet sich auch nach dem Alter – ob etwa gerade ein Schulwechsel stattgefunden hat oder vielleicht sogar schon der Eintritt in die Ausbildung oder ins Studium anstand. Es wurde uns generell gespiegelt, dass sich die jungen Generationen eine bessere Kommunikation gewünscht hätten. Für die Kinder und jungen Erwachsenen war vieles nicht nachvollziehbar. Die Regeln waren zum Teil schwer verständlich, außerdem konnte ein paar Kilometer weiter schon wieder etwas anderes gelten – das hatte wenig mit der Lebensrealität von jungen Menschen zu tun

Das Homeschooling erwischte alle. Aber die Bedingungen waren höchst unterschiedlich…

Franziska Hoppermann: …es variierte ja vor allem auch je nach dem Setting zuhause. Viele beschrieben ihre psychische Belastung durch die Isolation. Aus anderen Beratungen mit vulnerablen Gruppen war bereits deutlich geworden, dass Menschen, die es im normalen Alltag ohne Krise schon schwerer haben als andere, durch solche Krisen noch mal härter getroffen werden. Also Kinder, die in ärmeren Verhältnissen aufwachsen, trifft solch eine lange Zeit des Homeschooling ganz anders – besonders, wenn sie die technische Ausstattung zu Hause nicht haben. Wir haben eine Zunahme häuslicher Gewalt gesehen, die aber in der Form nicht immer gemeldet werden konnte, weil die Einrichtungen die Kinder nicht entsprechend gesehen haben. Und zugleich gab es auch Kinder, die berichteten, dass sie Homeschooling ganz großartig fanden und viel besser als in der Schule lernen konnten. Weil sie zum Beispiel in der Schule gemobbt wurden oder ähnliches.


„Das Verständnis für harte Maßnahmen nahm dann im Verlauf der Pandemie ab.“
Franziska Hoppermann (CDU)

Was wird die Kommission aus all diesen Berichten machen?

Franziska Hoppermann: Ich bin sehr beeindruckt von den vielen konkreten Handlungsempfehlungen, die uns die Kinder und Jugendlichen mit auf den Weg gegeben haben. Wir lassen die Ergebnisse nun in die Arbeit der Enquete einfließen, und es liegt in unseren Händen, aus diesen etwas zu machen: Wir sind es diesen Generationen schuldig, dass wir aus ihren Erfahrungen für die Zukunft lernen und ihre Vorschläge ernst nehmen.

Was wurde zum Homeschooling gesagt?

Franziska Hoppermann: Dass dies regelmäßig geübt werden sollte. Es kann ja auch andere Szenarien geben, bei denen ein Homeschooling notwendig wird. Im Januar und Februar dieses Jahres gab es zum Beispiel viel Glatteis mit Schulausfall – da ist es dann wichtig, dass für ein Lernen daheim alles vorbereitet wird, dass die Abläufe funktionieren, und dass die Lehrkräfte didaktisch vorbereitet sind. 

Haben die Kinder und Jugendlichen die Lockdowns auch kritisiert?

Franziska Hoppermann: Wir reden ja über einen Zeitraum von drei Jahren, und es gab unterschiedliche Phasen der Pandemie mit unterschiedlicher Dauer von Einschränkungen. Über das Frühjahr und den Sommer 2020 wird allgemein verständnisvoller geredet: Damals war die Unsicherheit größer, weil man überhaupt noch nicht wusste: Was ist das für ein Virus und was macht der so? Das Verständnis für harte Maßnahmen nahm dann im Verlauf der Pandemie ab. Besonders die Schließung von Spielplätzen wurde kritisiert.

Stellen Sie sich bitte vor, diese Kinder und Jugendlichen hätten sich alle bisherigen Sitzungen der Enquete-Kommission angeschaut. Wie würden die das kommentieren?

Franziska Hoppermann: Ich glaube, da entstünde ein gemischtes Bild. Man erkennt bei den Beratungen in der Enquete-Kommission schon deutliche Unterschiede, wie die einzelnen Fraktionen mit der Pandemie und der Aufarbeitung umgehen.


„Wir sind es diesen Generationen schuldig, dass wir aus ihren Erfahrungen für die Zukunft lernen und ihre Vorschläge ernst nehmen.“
Franziska Hoppermann (CDU)

Was meinen Sie damit?

Franziska Hoppermann: Wir erleben unterschiedliche Ausgangspunkte in der Kenntnis und Analyse der damaligen Zeit. Diese Ausgangspunkte sind emotional sehr aufgeladen. Mitunter bemerkt man ein unterschiedliches Ziel in der Beratung und einen unterschiedlichen Willen, für künftige Krisen auch wirklich neue Lösungen zu entwickeln.

Sind Sie persönlich mit dem Verlauf der bisherigen Sitzungen zufrieden?

Franziska Hoppermann: Was den Teil der öffentlichen Beratungen angeht, schon. Wir haben von unterschiedlichen Gästen wirklich gute und konkrete Vorschläge gehört. Da ist zum Beispiel der Punkt, dass wir bisher kein Bundeskatastrophenschutzgesetz haben, also keine Regelungen über Mechanismen, die bundesweit greifen. Auch bei einer bundesweiten oder länderübergreifenden Krise ist Katastrophenschutz kommunale Angelegenheit. Also haben einige als Ziel formuliert, dass da nachgesteuert werden sollte. Auch gibt es keinen nationalen Gesundheitsrat – solch eine Gründung wurde ebenfalls vorgeschlagen.

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