Keine Parallelen zur Covid-Krise : Nach Hantavirus-Ausbruch: Passagiere in Europa unter Beobachtung
Die Gesundheitsbehörden organisieren die Versorgung der betroffenen Patienten und die Überwachung der Verdachtsfälle. Experten sehen keine Pandemiegefahr.
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Nach dem Ausbruch von Hantaviren auf einem niederländischen Kreuzfahrtschiff sind europäische und deutsche Behörden sowie Gesundheitseinrichtungen mit der Versorgung der Beteiligten und der Analyse des Falls befasst.
Befürchtungen, die Virusinfektion könnte zu einer neuen Pandemie führen, sind nach Einschätzung des Europäisches Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) unbegründet. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wies solche Vergleiche zurück. "Das ist kein Covid", sagte die WHO-Expertin Maria Van Kerkhove in Genf. „Das ist ein ganz anderes Virus."
Kreuzfahrtschiff “Hondius” war im Atlantik unterwegs
Die "Hondius" war mit rund 150 Passagieren und Besatzungsmitgliedern aus 23 Ländern auf dem Weg von Argentinien zur Inselgruppe der Kapverden vor der Westküste Afrikas, als die Infektionen an Bord ausbrachen. Es handelt sich nach Auskunft der Gesundheitsbehörden um die sogenannte Andes-Variante des Virus (ANDV), die als einzige auch von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Drei Menschen sind bisher an der Virusinfektion verstorben, ein niederländisches Ehepaar und eine Frau aus Deutschland. Unter den Passagieren gibt es weitere Verdachtsfälle oder das Virus wurde bereits nachgewiesen.
Die betroffenen Passagiere wurden mit Sonderflügen in ihre Heimat gebracht, darunter auch deutsche Touristen.
Das Schiff hat von den Kapverden die Kanareninsel Teneriffa angelaufen, dort wurden die Passagiere unter strengen Sicherheitsauflagen evakuiert und dann mit Sonderflügen in ihre Heimatländer gebracht. Dort ist eine mehrwöchige Quarantäne vorgesehen, weil die Inkubationszeit bei Hantaviren lang ist.
Einer der deutschen Passagiere, der aus Brandenburg kommt und bisher keine Symptome zeigt, soll zunächst in die Berliner Charité gebracht werden. Andere deutsche Passagiere stammen nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums aus Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen, sie zeigen bislang offenbar auch keine Symptome.
WHO hat sich in den Fall eingeschaltet
Die WHO hat sich als koordinierende Behörde in den Fall eingeschaltet. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus machte sich auf Teneriffa persönlich ein Bild von der Lage und sprach den Betroffenen Mut zu. Es bestehe kein Grund zur Panik, das Virus sei gut bekannt, die WHO werde die Entwicklung eng überwachen.
Die WHO gab ein Bulletin heraus und empfahl einen „risikobasierten Ansatz“ für die Identifizierung, Überwachung und das Management von Kontaktpersonen zu wahrscheinlichen oder bestätigten Fällen des Andes-Virus.
Ursprung der Infektion ist noch unklar - Nagetiere verbreiten das Virus
Wie genau es zu der Infektion gekommen ist, wird noch untersucht. Wie das ECDC mitteilte, verbreitet sich das Andes-Hantavirus im Gegensatz zu Covid-19 nicht leicht von Mensch zu Mensch. Eine solche Übertragung sei selten und erfordere einen längeren, engen Kontakt von Personen, häufig in geschlossenen Räumen. Zudem sei das natürliche Nagetier-Reservoir des Virus in Europa nicht vorhanden. Daher sei eine anhaltende Ausbreitung dort unwahrscheinlich.
Nach Angaben des ECDC können sich Menschen durch Partikel infizierter Nagetiere mit dem Virus anstecken. Das Hantavirus verbreitet sich demnach hauptsächlich durch das Einatmen kontaminierter Partikel aus Urin, Kot oder Speichel infizierter Nagetiere. Das Virus kann schwere Erkrankungen auslösen, die Symptome hängen von der jeweiligen Variante ab.
In einigen Fällen kann es zu schweren Verläufen kommen
Das Andes-Virus kann zu schweren Lungeninfektionen führen, dem sogenannten Hantavirus-Pulmonalsyndrom. Bei betroffenen Patienten kann sich der Gesundheitszustand schnell verschlechtern und eine lebensbedrohliche Situation eintreten.
Laut WHO besteht das höchste Übertragungsrisiko in der sogenannten Prodromalphase, wenn sehr frühe, unspezifische Symptome auftreten. Zu den Symptomen gehören Fieber, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Übelkeit, Husten und Atemnot. Auch die Nierenfunktion kann eingeschränkt sein.
Einen Impfstoff gegen das Hantavirus gibt es nicht
Gegen das Hantavirus gibt es keinen Impfstoff. Die Behandlung beschränkt sich auf die Linderung der Symptome. Passagiere mit Symptomen sollten sich laut ECDC untersuchen und testen lassen. Bei einem positiven Test müssen Patienten isoliert bleiben. Ist der Test negativ, wird dennoch eine Quarantäne von bis zu sechs Wochen empfohlen.
Auch Passagiere ohne Symptome gelten laut der Behörde vorsorglich als Hochrisikokontakte. Menschen können das Virus verbreiten, bevor sie Symptome zeigen. Es kann laut ECDC zwei bis acht Wochen dauern, bis einschlägige Symptome auftreten.
Kontaktpersonen sollen in Quarantäne kommen
Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums ist zu erwarten, dass die nach Deutschland zurückgebrachten Kontaktpersonen an ihren Wohnorten in häusliche Quarantäne kommen. "Während der nächsten Wochen werden die Kontaktpersonen kontinuierlich und engmaschig auf Symptome überwacht - über Details entscheidet das zuständige Gesundheitsamt", hieß es weiter.
Gesundheitsämter entscheiden über konkretes Vorgehen
Das Robert Koch-Institut (RKI) steht nach eigenen Angaben in Kontakt mit der WHO, der ECDC und den niederländischen Behörden. Das RKI unterstütze im Krankheitsfall auch bei der Verlegung auf eine Isolierstation. Für das Management und die Versorgung von Patienten mit hochpathogenen Erregern gebe es in Deutschland ein bundesweites Expertennetzwerk, den STAKOB (Ständiger Arbeitskreis der Kompetenz- und Behandlungszentren für Krankheiten durch hochpathogene Erreger), dessen Geschäftsstelle beim RKI angesiedelt ist. Falls eine Person erkranken sollte, stehen die STAKOB-Zentren mit Sonderisolierstationen bereit, in denen Patienten nach besten medizinischen Standards und sicher behandelt werden können, erklärte das RKI.
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