Lehren aus den Corona-Maßnahmen : Jede Pandemie verläuft anders, aber Vorbereitung hilft
In der Corona-Pandemie ging es darum, den Erreger effektiv einzudämmen. Das sei nicht immer erfolgreich gewesen, wie Experten der Enquete-Kommission berichten.
Für das Mainzer Unternehmen Biontech ist Corona Vergangenheit. Die Firma will mehrere Impfstoffwerke schließen, bis zu 1.860 Stellen sollen wegfallen. Grund ist die gesunkene Nachfrage. Politisch ist Corona hingegen noch längst nicht abgehakt. Die Enquete-Kommission des Bundestages will bis Mitte 2027 Empfehlungen zur besseren Bekämpfung künftiger Gesundheitskrisen erarbeiten. Dazu dürften die Abgeordneten aus der Anhörung am Donnerstag nützliche Anregungen mitgenommen haben.
Das Robert Koch-Institut in Berlin lieferte in der Pandemie wichtige wissenschaftliche Fakten zum Corona-Virus.
Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lars Schaade, berichtete, in Deutschland habe es rund 172.000 Tote im Zusammenhang mit Covid-19 gegeben. Die Lebenserwartung sei zunächst deutlich zurückgegangen, jedoch längst nicht so stark wie im weltweiten Durchschnitt. Dies wertete Schaade als Beleg für die Wirksamkeit der Eindämmungsstrategie. Früh habe sich gezeigt, dass eine Kombination verschiedener Maßnahmen wirksam ist. Die Prüfung, welchen Anteil daran einzelne Auflagen wie Maskenpflicht und Kontaktverbote hatten, sei aber "noch zu erarbeiten".
Piotr Kramarz ist Chefwissenschaftler am Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) in Schweden, wo Gesundheitsdaten aus allen EU-Ländern gesammelt werden. Er sagte, es sei schwierig, die Wirksamkeit unterschiedlicher Maßnahmen in den Ländern zu evaluieren. Denn in den Staaten gebe es Unterschiede etwa in der Bevölkerungsdichte, Altersstruktur und dem Gesundheitswesen.
Das Robert Koch-Institut (RKI) im Überblick
🦠 Das RKI ist die zentrale deutsche Behörde zur Überwachung und Bekämpfung von Krankheiten. Es ordnet sich selbst als Public-Health-Institut ein mit der Aufgabe, die Bevölkerung vor Krankheiten zu schützen und ihren Gesundheitszustand zu verbessern.
🔬 In der Coronazeit rückte das RKI mit seiner Expertise in das Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit.
🩺 Beim RKI arbeiten rund 1.500 Frauen und Männer. Geleitet wird das RKI seit Oktober 2023 von Professor Lars Schaade, der in der Coronazeit bereits als Vizepräsident amtierte.
Hier hätte die Aussage des ehemaligen schwedischen Staatsepidemiologen Anders Tegnell interessant werden können, denn sein Land ist mit wesentlich weniger Einschränkungen als in Deutschland relativ glimpflich durch die Pandemie gekommen.
Epidemiologin: In Skandinavien wirkt eine Empfehlung wie eine Pflicht
Allerdings hatte Tegnell seine Teilnahme kurzfristig abgesagt. Die Epidemiologin Eva Annette Rehfuess von der Ludwig-Maximilians-Universität München wies am Beispiel des Maskentragens auf soziokulturelle Unterschiede zwischen Deutschland und Skandinavien hin: "Dort wirkt eine Empfehlung so wie bei uns eine Pflicht." Es sei "nur bedingt sinnvoll", auf die Wirksamkeit einzelner Auflagen zu sehen. Entscheidend sei immer ein Maßnahmenbündel.
Manche Vorschriften könnten schützen, andere könnten auch Schaden anrichten. Als Beispiel nannte sie die Schulschließungen, die bei vielen Kindern und Jugendlichen zu psychischen Schäden geführt hätten. Solche Nebenwirkungen seien während der Pandemie "zu wenig beforscht" worden, "da müssen wir in Zukunft früher ran".
Wobei eins klar wurde: Jeder Erreger ist anders, deshalb verläuft auch jede Pandemie anders, und deshalb kann man sich nur bedingt darauf vorbereiten. Einige Anregungen bot der Präsident der Universität zu Lübeck, Helge Braun, ehemals Kanzleramtsminister unter Angela Merkel (CDU). Braun wies darauf hin, dass der Infektionsschutz zwar laut Grundgesetz in die Zuständigkeit des Bundes falle, das Bundesinfektionsschutzgesetz allerdings die Durchführung weitgehend an die Länder delegiert habe. Das sei bei lokalen Ausbrüchen sinnvoll, habe in der Pandemie aber zu "unterschiedlichsten Regelungen in den Ländern" geführt.
Ex-Kanzleramtsminister Braun: Bund sollte für Eindämmung von Epidemien zuständig sein
Zur Koordination habe es deshalb viele Treffen der Ministerpräsidentenkonferenz gegeben, "mehr als sonst in einem halben Jahrzehnt". Dabei sei dieses Gremium gar kein Verfassungsorgan, aber es sei nötig gewesen. Jetzt jedoch sollte man das "in Ruhe besser regeln". Wenn der Bundestag per Beschluss eine "epidemische Lage von nationaler Tragweite" feststelle, solle die Zuständigkeit für die Eindämmung an den Bund fallen, schlug Braun vor. Außerdem riet er, mehr Schutzausrüstung vorzuhalten und Pandemiepläne zu überarbeiten.
Fragen im Stil eines Untersuchungsausschusses stellte die AfD. Die Fragen liefen auf den Vorwurf hinaus, an einem bestimmten Tag sei beschlossen worden, "das Land herunterzufahren". Braun und Schaade wiesen solche Zusammenhänge zurück.
Expertin: Politische Kommunikation während der Pandemie war nicht immer erfolgreich
Deutlich wurde in der Anhörung, dass die politische Kommunikation in einer Pandemie wichtig ist und nicht immer erfolgreich war. So hätten "abwertende Bewertungen" abweichender Meinungen "Widerstand provoziert", befand Doreen Reifegerste, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Bielefeld.
Zudem könnten "Furchtappelle" an die Bevölkerung eher "Widerstand oder Vermeidung von Information hervorrufen". Die Politik solle daher besser an den "Schutz der Liebsten" appellieren.
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