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Warnungssysteme Und sie heulen wieder

Sirenen erleben ein Comeback. Ab dem Frühjahr 2023 soll außerdem Cell Broadcast für besseren Schutz sorgen.

05.09.2022
2024-01-03T11:21:31.3600Z
10 Min

Ouuuuoooooo - der Ton geht kurz rauf und gleich wieder runter, dann heult er aus anderer Richtung leiser wieder auf. Das dritte Ouuuuoooooo ist kaum noch zu hören, nach nicht mal 30 Sekunden herrscht wieder Ruhe auf dem Marktplatz von Rathenow. An jedem ersten Mittwoch im Monat um 15 Uhr heulen in der brandenburgischen Stadt im Landkreis Havelland, 70 Kilometer westlich von Berlin, die Sirenen - Probealarm, um zu testen, ob alle Geräte richtig funktionieren. Für die Bewohner der 25.000-Einwohner-Gemeinde offenbar keine große Sache, unbeirrt schlendern die Besucher des Wochenmarktes weiter von Stand zu Stand, schwatzen mit den Verkäufern und erledigen ihre Einkäufe. Etwas abseits steht Hartmut, graue Haare, Brille, Jutebeutel in der Hand, vertieft in ein Gespräch mit einem Bekannten. Stört ihn das Geheul der Sirenen?, fragt ihn die Reporterin. "Nee, dit is doch normal", antwortet der Rentner freundlich. "Man muss doch erfahren, wenn wat passiert is!"

Foto: Johanna Metz

Elf alte Sirenen gibt es in der Stadt Rathenow im Brandenburger Landkreis Havelland noch, zum Beispiel auf den Dächern der Kreisverwaltung (links) und der Feuerwehr (rechts).

Abbau der Sirenen in den 1990ern

Elf Sirenen aus DDR-Zeiten besitzt Rathenow mit seinen sechs Ortsteilen noch. Die Stadt kann ihre Bevölkerung damit schnell, zuverlässig und weiträumig vor Bränden, schweren Unwettern und anderen Katastrophen warnen. In Deutschland keine Selbstverständlichkeit: Viele Kommunen haben in den 1990er Jahren die alten Geräte mit dem pilzförmigen Häubchen von den Dächern geholt - eine flächendeckende Alarmierung der Bevölkerung erschien ihnen nach Ende des Kalten Krieges nicht mehr nötig. Daher haben heute nur noch wenige Gemeinden und Großstädte wie Bonn, Düsseldorf und Köln ein intaktes Sirenennetz. Dabei werden die Geräte in Kommunen mit ehrenamtlicher Feuerwehr auch genutzt, um im Ernstfall die Einsatzkräfte zu alarmieren.

Kaum jemand kann das aufdringliche Geheul der Sirenen - im Falle eines Feuers meist ein gleichbleibender Dauerton, der in einer Minute jeweils zweimal unterbrochen wird - ignorieren. "Sirenen alarmieren jeden", sagt Sebastian Lodwig, im Landkreis Havelland zuständig für zivile Verteidigung, Zivil- und Bevölkerungsschutz. "Wenn die Leute nachts eine Minute lang diesen Ton hören, werden sie wach und laufen zumindest mal zum Fenster, um zu gucken, was los ist." Dann könne sich jeder weiter über das Geschehene informieren und sich gegebenenfalls in Sicherheit bringen.

Gestiegenes Interesse seit der Flutkatastrophe im Ahrtal

"Das Interesse der Bevölkerung an Sirenen hat nach der Katastrophe im Ahrtal im Sommer 2021 und seit dem Beginn des Ukraine-Krieges stark zugenommen", erzählt Lodwig. "Uns haben unfassbar viele Mails erreicht mit Fragen wie: Wie sind wir eigentlich aufgestellt? Wie hört sich ein Luftangriffssignal an?" So erleben Sirenen derzeit ein erstaunliches Comeback.


„Wir gehen davon aus, dass sich das Bild von 2020 nicht wiederholt.“
Hendrik Roggendorf, Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe

Dabei stellte ein Untersuchungsbericht schon nach dem Elbehochwasser, bei dem im Jahr 2002 vielerorts sämtliche Strom- und Kommunikationsnetze ausfielen, fest, dass mehr Menschen durch Sirenen hätten gewarnt werden können. Zum selben Schluss kamen Experten nach der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz im Sommer 2021 mit 186 Toten. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) nannte es erst im Juni einen "Fehler, dass dort in der Vergangenheit so viel abgebaut wurde, wie beispielsweise ein funktionierendes Sirenensystem, das wir früher in Deutschland hatten".

Warnung auch ohne Stromversorgung möglich

Tatsächlich hätten moderne elektronische Sirenen oder auch alte, mit Akkupufferung nachgerüstete Geräte die Menschen im besonders betroffenen Ahrtal auch dann noch warnen können, als der Strom ausfiel. "Moderne elektronische Sirenen laufen unabhängig von der Stromversorgung, da sie ihren Strom über eine Batterie beziehen", erklärt Anna Hörmann, Geschäftsführerin der Hörmann Warnsysteme GmbH, dem Marktführer bei der Entwicklung elektronischer Sirenen. Außerdem könnten sie Sprachtexte ausgeben und damit konkrete Verhaltensempfehlungen verbreiten. "Deshalb erweitern viele Gemeinden ihr Sirenenwarnsystem nicht nur, sondern ersetzen auch bisherige Motorsirenen durch moderne elektronische Sirenen." Die Nachfrage danach sei bereits nach dem ersten bundesweiten Warntag am 18. September 2020 spürbar gestiegen, berichtet Hörmann.

So wird in Deutschland gewarnt

⚙️ Zuständigkeit liegt bei den Bundesländern: Für die Warnung der Bevölkerung sind die Länder zuständig. Deshalb gibt es auch keine einheitliche Regelung zu Warnmitteln und Sirenensignalen. Für Anschaffung und Betrieb der Sirenen sind die Kommunen verantwortlich.

🔔 Die Mischung macht es: Der Bund ergänzt die Warnmittel der Länder insbesondere durch das Modulare Warnsystem (MoWaS), in das Behörden und Institutionen offizielle Warnungen eingeben. Daran angeschlossene ist die Warn-App NINA . Insgesamt setzen Bund und Länder auf einen Mix an Warnmitteln. So wird im Krisenfall unter anderem im Radio, im Internet, auf Anzeigetafeln und durch Lautsprecherdurchsagen gewarnt.

📲 Breite Verfügbarkeit bei Warn-Apps: Weitere Warnsysteme wie KATWARN oder BIPWAPP sind mit MoWaS und NINA gekoppelt, sodass die Nutzer jeweils auch Gefahrenmeldungen der anderen App erhalten.



Der Warntag, von Bund und Ländern organisiert, um zusammen mit Kreisen, Städten und Gemeinden sämtliche Warnmittel zu testen, hatte sich als Desaster entpuppt. So sollte Punkt elf Uhr eine Gefahrenmeldung über Radio und Fernsehen sowie über Warn-Apps ausgegeben werden. Doch die kam erst eine gute halbe Stunde später oder gar nicht bei den Menschen an. Grund waren unter anderem Software-Probleme beim Modularen Warnsystem des Bundes, kurz MoWaS, das an die kostenlose Warn-App des Bundes, NINA, gekoppelt ist (siehe Stichwortkasten). Im Internet wunderten sich viele Menschen zudem darüber, dass gar keine Sirenen geheult hätten - offenbar in der irrigen Annahme, dass diese nach wie vor überall vorhanden sind. Das Bundesinnenministerium sprach hinterher zerknirscht von einem "Fehlschlag".

Aus Fehlern gelernt

Damals sei bei Verwaltungen und Politikern angekommen, "dass sie Verantwortung für ein funktionierendes Warnsystem tragen und sie dafür auch investieren müssen", berichtet Hendrik Roggendorf, Leiter des Referats Warnung beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). "Das gilt sowohl für die Technik als auch für die Ausbildung von Mitarbeitenden und die Schulung von Stäben." Das Warnsystem sei seither umfangreich verbessert und optimiert worden, betont er. Mit guten Resultaten: Erst im Oktober 2021 habe ein extremer Belastungstest bei MoWaS "hervorragende Ergebnisse gezeigt". Trainerteams unterstützten seither die Kommunen bei der Nutzung von NINA und MoWaS, außerdem werde derzeit ein Warnmittel-Kataster erstellt, um die Warnmittel-Infrastruktur von Bund und Kommunen erstmals zentral zu erfassen und Lücken zu identifizieren. Roggendorf ist daher zuversichtlich, dass am zweiten bundesweiten Warntag am 8. Dezember 2022 alles besser laufen wird: "Wir gehen davon aus, dass sich das Bild von 2020 nicht wiederholt." In den kommenden Monaten würden Bund und Länder ihr Warnsystem weiter ergänzen und ausbauen, berichtet er. Die Schwerpunkte dabei: Cell Broadcast und Sirenen.

Mit Cell Broadcast soll es ab März 2023 möglich sein, anonyme Warnmeldungen an alle Mobilfunkendgeräte zu versenden - niemand muss dafür eine App installieren oder ein Smartphone besitzen, der alte Nokia-Knochen tut's auch. Das Prinzip ist simpel: Weil sich jedes Mobilfunkendgerät automatisch in einer Funkzelle registriert, um einen Netzempfang herzustellen, können in umgekehrter Richtung Textnachrichten verschickt werden.

88 Millionen Euro für Sirenennetz

Die gesetzlichen Grundlagen dafür hat die Bundesregierung im Nachgang der Flutkatastrophe von Juli 2021 gelegt. Die Mobilfunknetzanbieter müssen ihre Systeme nun bis Ende Februar 2023 für den Betrieb von Cell Broadcast vorbereiten und ihre Kunden über die Anwendung informieren. Sie sollen insbesondere kommunizieren, dass jeder Handynutzer einmalig ein Software-Update installieren muss, um Warnmeldungen via Cell Broadcast erhalten zu können. Die Technologie soll am zweiten Warntag erstmals getestet werden.

Für mehr Sirenen im Land hatte der Bund 2021 ein Förderprogramm in Höhe von 88 Millionen Euro aufgelegt. Damit sollten die Kommunen alte Geräte modernisieren und neue, elektronische Sirenen kaufen können. Die Nachfrage war riesig, die Fördermittel wurden in kürzester Zeit ausgeschöpft. Um eine Förderung zu bekommen, mussten die Kommunen sich verpflichten, nur moderne elektronische Sirenen anzuschaffen und alte Sirenen mit einer Akkupufferung auszustatten, damit sie bei Stromausfällen noch mindestens vier Warn- und Entwarnungszyklen durchhalten. Außerdem müssen sie mit Funkempfängern nachgerüstet werden, damit sie zentral über MoWaS ausgelöst werden können, wie es der Bund für alle Sirenen plant.


„Es wird mehr Anstrengungen brauchen, um in Deutschland flächendeckend mit Sirenen warnen zu können.“
Hendrik Roggendorf, Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe

Insgesamt habe der Bund 4.341 Sirenenanlagen gefördert, berichtet Hendrik Roggendorf. Bis alle in Betrieb sind, dürfte es aber noch etwas dauern. "Da müssen jetzt erhebliche Stückzahlen produziert werden", sagt der BBK-Mitarbeiter. Erschwert werde die Produktion durch Rohstoffprobleme und fehlende Halbleiter. "Und auch auf MoWaS-Seite und im Digitalfunknetz sind noch Anpassungen erforderlich."

Keine Klarheit darüber, wie viele Geräte bundesweit existieren

Die neuen Sirenen sind Roggendorf zufolge ohnehin "nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Es wird mehr Anstrengungen brauchen, um in Deutschland flächendeckend mit Sirenen warnen zu können". Bisher sei nicht mal bekannt, wie viele Geräte bundesweit existieren. Viele Kommunen hätten zudem noch keine Beschallungspläne erstellt, die Aufschluss darüber geben würden, wie viele Sirenen gebraucht werden - und wo.

Einen Beschallungsplan hatte die Stadt Rathenow zum Glück schon in der Schublade, als das Förderprogramm anlief. "Wir konnten deshalb sofort fünf neue Sirenen beantragen, die auch bewilligt wurden", erzählt der Leiter der örtlichen Feuerwehr, Oliver Lienig, stolz. Allerdings sei der Anteil der Stadt an der Finanzierung deutlich höher ausgefallen als geplant. "Alle wollen jetzt Sirenen, deshalb kosten die nun auch mehr", sagt Lienig. "Aber wichtiger ist, dass sie bald ankommen."

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Schon jetzt hat Rathenow die alten Sirenen der Ortsteile mit neuen Platinen ausgestattet, um die Signale Warnung und Entwarnung abspielen zu können. Lienig hat außerdem verschiedene Sprachdurchsagen für Sirenen und Einsatzfahrzeuge erstellt, um die Anwohner im Ernstfall besser informieren zu können.

Dass seine Heimatstadt sich so um das Warnen kümmert, findet Hartmut "jut". Als der Rentner hört, dass die Millionenmetropole Berlin bis vor kurzem nicht eine Sirene besaß, kann er es kaum glauben. "Nee, dit hab ick nich jewusst!", sagt er kopfschüttelnd. Und zieht mit seinem Bekannten weiter über den Markt.