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Saul Friedländers "Blick in den Abgrund" "Ein Ungeheuer mit Zähnen"

Der renommierte Holocaust-Forscher Saul Friedländer legt mit seinem "israelischen Tagebuch" eine schonungslose und wütende Kritik an der Regierung Netanjahu ab.

03.02.2024
2024-02-02T13:53:57.3600Z
3 Min
Foto: picture alliance/imageBROKER

Demonstration in Tel Aviv gegen die geplante Justizreform der Regierung Nentanjahu im März 2023.

Wer sich im Oktober vergangenen Jahres in die Lektüre des gerade erschienenen "Israelischen Tagebuchs" von Saul Friedländer vertiefte, dem konnte der Atem stocken. Nur wenige Tage zuvor hatte die Hamas ihre brutalen Terrorangriffe auf Israel gestartet - und der kritische Blick des inzwischen 91-jährigen renommierten Historikers und Holocaust-Forschers auf die innenpolitische Situation Israels erschienen wie eine wahr gewordene düstere Prophetie.

Friedländer warnte vor dem neuen Krieg

Angesichts der massenhaften Proteste hunderttausender Israelis gegen die von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu geführte Regierung und die von ihr angestrebte umstrittene Justizreform, fragt sich Friedländer an seinem Wohnort Los Angeles besorgt, wie es um die Verteidigungsfähigkeit seiner alten Heimat bestellt ist: "Israels Feinde rechnen möglicherweise mit einem tieferen Bruch als je zuvor innerhalb der nationalen Gemeinschaft, den kein Angriff heilen könnte und der die Fähigkeit Israels, sich so wirkungsvoll wie in der Vergangenheit zu verteidigen, beeinträchtigen würde."

Friedländers Tagebuch, das den Zeitraum von Januar bis Juli 2023 abdeckt, ist eine schonungslose, ja wütende Kritik an Netanjahus rechsreligiösem bis rechtsextremen Regierungsbündnis und dessen Politik - auch im Konflikt mit den Palästinensern. Es sei ein Ungeheuer mit Zähnen, das das liberale und demokratische Israel zu "verschlingen" drohe. "Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte." Dass der in Prag geborene Friedländer, der als 15-Jähriger dem Holocaust entkam während seine Eltern wahrscheinlich im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurden, ausgerechnet dieses Zitat anführt, das dem Maler Max Liebermann angesichts der nationalsozialistischen "Machtergreifung" 1933 zugesprochen wird, verdeutlicht, wie tief sein Groll sitzt. Dieser trübt seine lesenswerte Analyse der inneren Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft jedoch nicht ein.

Saul Friedländer:
Blick in den Abgrund.
Ein israelisches Tagebuch.
C.H.Beck,
München 2023;
237 Seiten, 24,00 €