Glosse : Seid produktiv und mehret euch!
Wie viel das Homeoffice-Proletariat tatsächlich leistet, ist vielen Chefs unklar. Demografisch betrachtet scheint die Arbeit von zu Hause aus aber sinnvoll zu sein.
Paare, bei denen beide Partner öfters im Homeoffice arbeiten, haben mehr Kinder, sagt die Wissenschaft. Woran das wohl liegt?
Am Homeoffice scheiden sich die Geister, und zwar ziemlich genau zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite. Während die Vertreter der Kapitalinteressen daran zweifeln, ob die Lohnabhängigen in den heimischen Wänden tatsächlich in die Hände spucken, um das Bruttosozialprodukt oder zumindest die Firmen-Rendite zu steigern, schätzt das Wohlstands-White-Collar-Mittelschichten-Proletariat - Straßenbauer und Fabrikarbeiter sind eher selten im Homeoffice - die seit Corona dazugewonnene Flexibilität. Zwischen Calls, Excel und noch mehr Konferenzen, die eigentlich eine E-Mail hätten sein müssen, lässt sich mal eben der Geschirrspüler füllen und anstellen, Wäsche zusammenlegen, ein Besuch beim Friseur einschieben, das Abendessen vorbereiten, der Geschirrspüler wieder ausräumen und den Balkon bepflanzen.
Zwischen Flexibilität und Arbeitszeitbetrug
Das hören die Chefs nicht gerne, und das Bundesarbeitsgericht - Stichwort: Arbeitszeitbetrug - hat dazu auch eine Meinung. Aber wie lernte man schon von den Spontis: Legal? Illegal? Scheißegal! Im Zweifel lag die angebliche Abwesenheit vom Rechner an der nicht funktionierenden IT - denn darauf, dass in der IT-Abteilung in der Regel Kompetenz- und Fachkräftemangel herrscht, können sich vom Boss bis zum Azubi im Zweifel alle einigen.
Und offenbar gibt es doch Produktivitätszuwächse im Homeoffice. "Paare im Homeoffice bekommen mehr Kinder", meldete das ifo-Institut jüngst prägnant. Das dazu veröffentlichte Arbeitspapier widmet sich (leider) vor allem Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Homeoffice und weniger der Rolle der heimischen Bürotätigkeit in trauter Zweisamkeit als Bedingung der Möglichkeit für die Kinderproduktion. Rein demografisch könnte das Homeoffice also einen Teil dazu beitragen, die Finanzierungsprobleme der sozialen Sicherungssysteme zu lösen, wenn auch das Wirtschaftswachstum wohl nicht profitiert. Das "Recht auf Homeoffice" könnte damit Teil der Geburtenpolitik werden: Seid produktiv und mehret euch!