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Glosse : Und bist du nicht willig, so wähl' ich dich trotzdem

Demokratie ist die Herrschaft der Mehrheit. Ganz gleich, ob man nun in Rente gehen will oder nicht, wie ein Bürgermeister im Bayerischen Wald nun merkte.

12.03.2026
True 2026-03-12T17:00:46.3600Z
2 Min

Im britischen Unterhaus gibt es viele Rituale und Traditionen. Einer dieser Bräuche betrifft die Wahl des Sprechers. Wenn der Mann gewählt worden ist - in der rund 700-jährigen Geschichte des Amtes hatte es eine Frau inne -, zerren seine Kollegen ihn an seinen Platz. Der zur Schau gestellte Unwille soll historisch begründet sein. Dem Speaker wurde einst die Aufgabe zuteil, dem Monarchen die Meinung des Parlaments mitzuteilen. Nur war die Diskurskultur im Mutterland des Parlamentarismus damals robust. Statt mühselig im Koalitionsausschuss konnte das gekrönte Oberhaupt Meinungsverschiedenheiten sehr effizient auf dem Schafott lösen.

Kandidaturen sind überwertet, denkt man sich in Bayern

Auch in Bayern gibt es bekanntlich viele Rituale und Traditionen. Und möglicherweise kommt nun eine neue hinzu: die Wahl der Unwilligen. In Philippsreut, ein beschauliches Dorf im Bayerischen Wald, hat die Kommunalwahl ein für sich genommen nicht überraschendes Ergebnis gehabt: Mit absoluter Mehrheit haben die Einwohner ihren bisherigen Bürgermeister Helmut Knaus im Amt bestätigt. Das Problem: Knaus stand gar nicht auf dem Wahlzettel und wollte eigentlich nach mehr als zehn Jahren im Amt in Rente gehen. Allerdings hatte er die Rechnung ohne seine Mitbürger gemacht, die ihn - das Kommunalwahlrecht des Freistaats macht es möglich - kurzerhand auf den Wahlzettel schrieben.

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Ins Rathaus müssen die Philippsreuter ihren alten und neuen Bürgermeister aber nicht zerren, Knaus erklärte sich nach seiner unverhofften Wahl bereit, den Job weiterzumachen. Geschmeichelt dürfte er sich ob der satten Mehrheit sicherlich auch gefühlt haben. 

Und es war kein Einzelfall, wie die etwas dramatischeren Ergebnisse im 120 Kilometer entfernten Eschlkam zeigen. Dort schaffte es der einzige Bürgermeisterkandidat, die Wahl zu verlieren. Mit großer Mehrheit wählten die Bürger stattdessen den bisherigen Amtsinhaber - der allerdings ebenfalls nicht auf dem Wahlzettel stand.