Medienpreis des Bundestages : Auszeichnung für Dokumentation über AfD-Aussteiger
Für seine Doku "Wir waren in der AfD" erhält der Journalist Jan N. Lorenzen den Medienpreis des Bundestages. Die Jury lobt seine "herausragende Rechercheleistung".
Warum tritt jemand in die AfD ein, engagiert sich in der 2013 gegründeten Partei und beschließt nach einiger Zeit, wieder auszutreten? Dieser Frage ist der Autor und Regisseur Jan N. Lorenzen in einem 90-minütigen Film nachgegangen, den die ARD am 18. Januar 2024 erstmals ausgestrahlt hat. Fünf jüngere ehemalige Parteimitglieder und der frühere Parteivorsitzende Jörg Meuthen berichten darin von ihren Erlebnissen in der Partei und den Beweggründen, sie wieder zu verlassen.
Für die Dokumentation "Wir waren in der AfD - Aussteiger berichten" hat Bundestagspräsidentin Julia Klöckner dem Journalisten den Medienpreis Parlament 2025 des Deutschen Bundestages verliehen. Es ist nicht der erste Preis, den Lorenzen für die Dokumentation erhalten hat; Lorenzen erhielt dafür bereits den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis, den Bayerischen Fernsehpreis "Blauer Panther" sowie den Siebenpfeiffer-Preis.
Die Doku erzählt von einem “Prozess der Radikalisierung”
Für den verhinderten Preisträger nahm Olaf Jacobs, der Produzent des Beitrags, die Urkunde des mit 5.000 Euro dotierten Preises entgegen. "Wir haben versucht, einen Prozess der Radikalisierung zu erzählen. Es war ein mühsamer Weg", erinnerte sich Jacobs im Gespräch mit Katharina Hamberger vom Deutschlandfunk, Mitglied der neunköpfigen unabhängigen Jury des Medienpreises.
"Stern"-Chefreporterin Miriam Hollstein, ebenfalls Jurymitglied, würdigte die "herausragende Rechercheleistung" Lorenzens. In intensiven Gesprächen gelinge es ihm, die Gründe für die Ein- und Austritte offenzulegen, sodass ein eindrucksvolles Bild vom Innenleben der Partei entstehe. Und für Jurymitglied Eckart Lohse, Leiter der Parlamentsredaktion der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", lässt der Beitrag sehr gut erkennen, "dass die AfD nicht als von Anfang an rechtsextremes Ungeheuer über die deutsche Parteienlandschaft gekommen ist, sondern wie sie sich zunehmend radikalisiert und genau damit Erfolg hat".
Bundestagspräsidentin wünscht sich mehr Parlamentsjournalismus in seiner ganzen Breite
Insgesamt haben 75 Personen 48 Beiträge eingereicht, die im Jahr 2024 in Tages- oder Wochenzeitungen und in Online-Medien erschienen sind oder in Rundfunk oder Fernsehen ausgestrahlt wurden. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner sagte, Berichte über die politischen Ränder seien aus journalistischer Sicht spannend und demokratisch notwendig.
Sie warb aber zugleich dafür, auch der politischen Mitte wieder mehr Raum zu geben. Ohne die Fähigkeit zum Kompromiss bleibe die Demokratie stehen. "Wer versteht, wie parlamentarische Abläufe sind, ist weniger anfällig für Misstrauen - und eher bereit, inhaltliche Differenzen als notwendigen Teil des demokratischen Geschäfts zu akzeptieren", sagte Klöckner. Sie wünsche sich daher mehr Parlamentsjournalismus in seiner ganzen Breite.
Auch Beiträge über den Bürgerrat und das BSW waren nominiert
Für den Preis nominiert waren darüber hinaus zwei weitere Beiträge. "Herr Schreiber lernt Politik" ist ein dreiseitiges Feature über den Bürgerrat "Ernährung im Wandel" überschrieben, den Boris Herrmann und Nicolas Richter am 20./21. Januar 2024 in der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlicht hatten. Darin zeichnen sie anhand der Eindrücke eines der beteiligten Bürger, des Berliner Rentners René Schreiber, die Arbeit des 2023 vom Bundestag eingesetzten Bürgerrates nach. Der "stilistisch hervorragende Text", so Jurymitglied Micky Beisenherz, Moderator und Podcaster, "veranschaulicht am Beispiel eines einfachen Bürgers, wie Politik funktioniert. Es ist der Blick unter die Motorhaube, und am allerbesten, er macht Lust auf Politik in Zeiten, wo sich immer mehr Leute abwenden".
Der dritte nominierte Beitrag mit dem Titel "Inside Bündnis Wagenknecht" dokumentiert die Entstehungsgeschichte und die Anfänge der Partei "Bündnis Sahra Wagenknecht" (BSW) in den Jahren 2023 und 2024. Die fünfteilige Serie der Autorinnen Christiane Hübscher und Andrea Maurer wurde am 9. Oktober 2024 auf ZDFinfo ausgestrahlt und ist seither im Streaming-Portal des ZDF zu sehen. Sie zeigt die frühen Planungen hinter verschlossenen Türen, den Bruch mit der Partei Die Linke, den Aufbau des BSW, interne Konflikte und erste Wahlerfolge. Die Aufnahmen der Autorinnen "sind nah, intim, persönlich und gleichzeitig mit der gebotenen journalistischen Sorgfalt zusammengetragen, ohne jegliche eigene Wertung, Bewertung. Die überlassen sie dem Zuschauer", urteilt Jurymitglied und Welt TV-Chefreporter Steffen Schwarzkopf.
Der seit 1993 vergebene Medienpreis würdigt herausragende journalistische Beiträge, die zur Beschäftigung mit Fragen des Parlamentarismus anregen und zu einem vertieften Verständnis parlamentarischer Abläufe, Arbeitsweisen und Themen beitragen.
Die Gewinner der letzten Jahre
Der Medienpreis würdigt herausragende publizistische Arbeiten. In diesem Jahr wurde ein Text über den Sturm auf das Reichstagsgebäude 2020 ausgezeichnet.
Journalist Christian Schweppe wurde mit dem Medienpreis Parlament ausgezeichnet. Schweppe erhielt den Preis für seine Berichterstattung über Politik und Lobbyismus.