40 Jahre nach Reaktorkatastrophe in Tschernobyl : "Zivile Atomanlagen wurden zum Kriegsschauplatz"
Die Atomexperten Lutz Küchler und Andreas Berthold über die Folgen des Super-GAUs und die Gefahren heute – etwa bei Raketenangriffen auf ukrainische Atomkraftwerke.
Herr Küchler, Herr Berthold, am 26. April 1986 explodierte Reaktor 4 des sowjetischen Atomkraftwerks Wladimir Iljitsch Lenin in Tschernobyl in der heutigen Ukraine. Wenige Tage später wurden in Skandinavien zigfach erhöhte Strahlenwerte gemessen. Der Wind trug eine radioaktive Wolke nach Westen. Viele versetzte das in Angst. Wie gefährlich ist der Ort der größten Nuklearkatastrophe der Welt heute?
Lutz Küchler: Noch 1986 haben Menschen zum Teil ferngesteuert über den Trümmern des Reaktors eine Schutzhülle aus Stahlträgern und Metallplatten aufgebaut, den Sarkophag. In der unmittelbaren Umgebung hat man durch die Gegend geschleuderte Teile des Reaktors weggeräumt, die kontaminierte Oberfläche abgetragen, Sand aufgeschüttet und Betonplatten verlegt.
Die Strahlung vor Ort war so hoch, dass die Menschen den Job immer nur wenige Minuten machen konnten.
Lutz Küchler: Heute ist die radioaktive Kontamination auf dem Anlagengelände relativ gering, unter dem Sarkophag lagern aber immer noch hochradioaktive Hinterlassenschaften, darunter auch Kernbrennstoff. Sich dort hineinzubegeben, ist potenziell sehr gefährlich. Das wird nur für sehr kurze Zeiträume gemacht, wenn es zwingend notwendig ist, etwa um die Lage vor Ort zu untersuchen.
Die Anlage wird ständig überwacht?
Andreas Berthold: Etwa 2.000 Menschen arbeiten auf dem Gelände. Die überwachen die verschiedenen Anlagen, kümmern sich aber vor allem auch um den teils hochradioaktiven Abfall, der aus dem einstigen Betrieb rührt. Drei Reaktoren waren nach der Katastrophe weiter in Betrieb, der letzte ist erst im Jahr 2000 abgeschaltet worden. Sie werden nun zurückgebaut. Ihre abgebrannten Brennelemente lagern in einem Nasslager sowjetischer Bauart. Diese werden jetzt nach und nach in ein neu gebautes Trockenlager gebracht, das eine gefahrlose Lagerung für mindestens hundert Jahre garantieren soll.
Eine gefährliche Arbeit?
Andreas Berthold: Die Beschäftigten haben Schutzausrüstungen, die individuellen Strahlendosen werden erfasst, die Vorkehrungen sind eigentlich wie in Deutschland. Nur haben sich die generellen Arbeitsbedingungen seit Kriegsbeginn verschlechtert. Viele Beschäftigte reisten früher täglich mit der Bahn aus der östlich gelegenen Stadt Slawutytsch an. Die ist ukrainisch, aber die kurze Bahnstrecke zum Kraftwerk führt durch Belarus. Sie ist nicht mehr in Betrieb. Jetzt müssen die Leute wegen der großen Umwege meist für zwei Wochen vor Ort bleiben und in der Nähe zum Kraftwerksgelände übernachten.
Noch am ersten Tag des russischen Angriffskrieges marschierten dort Putins Soldaten ein. Damals waren dort auch Menschen über Nacht...
Lutz Küchler: ...unter anderem die damalige Wachmannschaft. Sie wurde gefangen genommen und nach Belarus gebracht. Einige sind wieder frei. Ob manche noch immer in Gefangenschaft sind, ist unklar.
Andreas Berthold: Das war gefährlich, die russischen Soldaten haben sich nicht so verhalten, wie man es auf solch einem Gelände tun sollte. Es gab keinen direkten militärischen Angriff, aber Geräte wurden geplündert, Räume verwüstet, der Brandschutz zerstört. Das Gelände ist seither stellenweise vermint.
Lutz Küchler: Zum Glück ist aber die Technik für den Betrieb und den Strahlenschutz heil geblieben, der Betrieb ging relativ geregelt weiter.
Ende März 2022 sind die Soldaten wieder abgezogen. In der Nacht zum 14. Februar 2025 durchschlug dann aber eine russische Drohne die Schutzhülle, die 2016 über den 1986 gebauten und nun brüchigen Sarkophag der Atomruine geschoben wurde. Ist Strahlung ausgetreten?
Lutz Küchler: Ja, nach dem Einschlag wurde vor Ort ein Strahlungsanstieg registriert, aber nur kurzzeitig und sehr gering. Als wir 2016 das New Safe Confinement...
...das ist diese supermoderne Hülle, eine Art Hightech-Dome...
Lutz Küchler :...entwickelt haben, sind wir nicht davon ausgegangen, dass da eine massive Drohne einschlagen könnte.
Andreas Berthold: Es war Glück, dass beim Einschlag der Sarkophag nicht direkt, sondern am Rand getroffen wurde. Aber die Dichtmembranen der Hülle haben Feuer gefangen, Trümmer sind ins Innere gestürzt und haben die Krananlage beschädigt, mit der der alte Sarkophag eigentlich abgebaut werden soll.
Was, wenn eine weitere Drohne kommt?
Andreas Berthold: Die ukrainische Armee weiß, womit sie es zu tun hat, sie wird die Drohnen vorher versuchen abzufangen. Die eigentliche Frage ist, wie es jetzt weitergeht. Die Einschlagstelle ist im vergangenen Herbst abgedichtet worden. Aber es hat Tage gedauert, den Brand zu bekämpfen. Dafür sind etwa 300 Löcher in die Hülle geschnitten worden, die sind noch zu schließen.
Lutz Küchler: Das Lüftungssystem der Hülle funktioniert nicht mehr. Eigentlich soll unter ihr ein Unterdruck herrschen, damit radioaktive Partikel nicht in die Umwelt gelangen. Außerdem kann Feuchtigkeit eindringen. Das ist schlecht für die Stahlkonstruktion der Hülle, sie kann rosten. Dabei war sie eigentlich für hundert Jahre konzipiert.
Andreas Berthold: Es lässt sich aber nicht einfach eine weitere Hülle darüber schieben. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung lässt derzeit untersuchen, was nun zu tun ist. Die Konstruktion ist komplex. Nach ersten Abschätzungen könnte eine Reparatur etwa eine halbe Milliarde Euro kosten. Der Finanzbedarf ist enorm. Da werden andere Länder mithelfen müssen.
Bis heute liegt um das AKW Tschernobyl ein großflächiges Sperrgebiet. Das liegt im Flugradius russischer Drohnen und Raketen etwa auf dem Weg zur ukrainischen Hauptstadt Kiew. Wie gefährlich ist das?
Andreas Berthold: Zehn Kilometer entfernt vom Kraftwerk liegt ein Lager für abgebrannte Brennelemente aus drei anderen Kernkraftwerken der Ukraine, Riwne, Chmelnyzkyj und Südukraine.
Lutz Küchler: Krieg ist immer schlecht, aber im Fall eines Einschlags dort wäre die Situation für die Leute vor Ort kritisch. Das zeigt einmal mehr, wie dringend eine Befriedung ist.
Der Reaktorunfall in Tschernobyl im Überblick
▪️Am 26. April 1986 kam es in Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl in der heutigen Ukraine zu einer unkontrollierten atomaren Kettenreaktion, die zu einer Explosion des Reaktors führte.
▪️Große Mengen radioaktiver Stoffe gelangten in die Atmosphäre und verteilten sich über weite Teile Europas. Mehr als 200.000 Quadratkilometer wurden kontaminiert.
▪️Um die weitere Freisetzung zu begrenzen, wurde noch 1986 ein "Sarkophag" aus Beton und Stahl um den zerstörten Reaktor gebaut. 2016 wurde mit internationaler Unterstützung zusätzlich eine etwa 110 Meter hohe Schutzhülle darüber geschoben, die im Februar 2025 durch russischen Drohnenbeschuss beschädigt wurde.
Wann waren Sie das letzte Mal vor Ort?
Lutz Küchler: Wegen des Krieges mussten wir unsere regelmäßigen Besuche einstellen, 2022 war ich zuletzt in Kiew.
Andreas Berthold: Die Verwaltung der Tschernobyl-Zone veröffentlicht viele Daten, etwa zur Strahlungssituation. Daraus beziehen wir derzeit unsere Informationen. In Tschernobyl war ich im November 2018 das letzte Mal, im ukrainischen Atomkraftwerk Riwne im Oktober 2021.
Lässt sich ein zweites Tschernobyl ausschließen?
Andreas Berthold: In der Ukraine laufen an drei verschiedenen Orten insgesamt neun Reaktoren. Das radioaktive Inventar darin ist hoch.
Lutz Küchler: Würde eines dieser Atomkraftwerke durch eine ballistische Rakete oder einen Marschflugkörper angegriffen, wären ganz erhebliche radiologische Auswirkungen denkbar.
Andreas Berthold: Es gäbe aber nicht so eine große Explosion. In Tschernobyl war ein RBMK-Reaktor in Betrieb, ein Siedewasser-Druckröhrenreaktor, der nur in der Sowjetunion gebaut wurde. Er hat erhebliche sicherheitstechnische Defizite. Die sieben Reaktoren, die von dieser Bauart in Russland heute noch betrieben werden, sind nach den Erfahrungen aus Tschernobyl nachgerüstet worden, sodass ein Szenario wie 1986 nicht mehr möglich ist. In der EU bekämen sie allerdings trotzdem keine Genehmigung.
Nach der Katastrophe damals sollten die Menschen in der Bundesrepublik kein Gemüse mehr essen, keine Milch mehr trinken...
Andreas Berthold: ...wir waren beide in Ostberlin, und in der DDR kamen die Informationen recht spärlich an. Die DDR entsandte ihre Radsportler noch zur Friedensfahrt am 1. Mai. Das war ein jährliches osteuropäisches Radrennen. 1986 war Kiew Startort.
Lutz Küchler: Am 29. April gab es in der DDR-Presse eine erste kurze Nachricht, am 1. Mai wurde von zwei Todesfällen berichtet, am 3. Mai hieß es, die Gefahren seien übertrieben.
Das Tschernobyl-Forum schätzte 2005, dass ungefähr 4.000 Todesfälle auf die zusätzlichen Strahlendosen zurückzuführen seien, allein in den am stärksten belasteten Gebieten. Sind in Deutschland heute noch radioaktive Belastungen messbar?
Lutz Küchler: Ja, unter anderem in einigen Teilen des Bayerischen Waldes. Nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz können Wildschweine oder Pilze wie der Maronenröhrling zum Beispiel mit radioaktivem Cäsium belastet sein. Sollen Wildfleisch oder Pilze in den Handel kommen, wird aber geprüft, ob sie die Grenzwerte einhalten. Es ergibt sich mit einer Pilz-Mahlzeit auch auf keinen Fall ein erhöhtes Risiko.
Die Folgen der Katastrophe im Überblick
▪️Rund um das Atomkraftwerk wurde im Umkreis von 30 Kilometern eine Sperrzone zum Schutz der Bevölkerung eingerichtet. Städte wurden evakuiert und aufgegeben, mehrere hunderttausend Menschen umgesiedelt.
▪️Bei den Lösch- und Aufräumarbeiten wurden viele Werksarbeiter, Feuerwehrleute und als "Liquidatoren" bekannte Rettungs- und Aufräumkräfte einer extremen Strahlenbelastung ausgesetzt. 134 Notfallhelfer erlitten ein akutes Strahlensyndrom. 28 starben wenige Monate später, weitere 19 in den Folgejahren. Bis 1990 waren etwa 600.000 Liquidatoren im Einsatz.
▪️Die Zahl der Schilddrüsenkrebserkrankungen stieg nach 1986 in Belarus, der Ukraine und den am stärksten betroffenen Regionen Russlands an. Wie viele Menschen infolge des Reaktorunfalls erkrankten oder starben, lässt sich nicht genau beziffern. Das Tschernobyl-Forum schätzte 2005, dass ungefähr 4.000 Todesfälle auf die Strahlendosen zurückzuführen sind. Andere Schätzungen gehen von höheren Zahlen aus.
Das russische Militär hat Tschernobyl zwar wieder verlassen, Anfang März 2022 aber Europas größtes Atomkraftwerk, Saporischschja im Süden der Ukraine erobert.
Andreas Berthold: Wir haben uns früher nicht vorstellen können, dass zivile Atomanlagen zum Kriegsschauplatz werden können. Die Lage in Saporischschja ist nicht gut. Dort stehen sechs Druckwasserreaktoren. Alle sind runtergefahren. Sie sind aber immer noch mit Kernbrennstoffen beladen. Dazu kommen abgebrannte Brennelemente, die im Abklingbecken liegen. Das Potenzial für radioaktive Freisetzungen ist erheblich, auch weil das Gelände unmittelbar an der Frontlinie liegt.
Lutz Küchler: Das Kühlwasser für die Reaktoren kam aus dem Kachowka-Stausee. Die Staumauer wurde im Juni 2023 gesprengt. Der Stausee ist ausgelaufen. Ein abgeschaltetes Atomkraftwerk muss aber nachgekühlt werden. Derzeit kommt das Wasser aus einem Kühlteich, aber die Versorgung ist kritisch. Genau wie die externe Stromversorgung, auf die ein abgeschaltetes Atomkraftwerk auch immer angewiesen ist, allein um die Sicherheitssysteme zu betreiben.
Andreas Berthold: Die Stromversorgung ist seit Beginn des Krieges schon 14 Mal ausgefallen, manchmal nur für anderthalb Stunden, manchmal für einen Monat. Dann müssen die Diesel-Notstromgeneratoren einspringen. Die sind aber nicht für einen langen Betrieb ausgelegt. Russland nutzt die Anlage gegen alle internationalen Regeln als Militärbasis. Da die Reaktoren jetzt seit längerem stillstehen, die Restwärme schon stark abgenommen hat, sind bei einer gezielten Attacke zwar keine radioaktiven Gefahren für Westeuropa zu erwarten, vor Ort wären sie aber groß.
Angeblich versucht Russland, das Kraftwerk wieder ans Stromnetz anzuschließen. Stimmt das?
Andreas Berthold: Ja, Russland strebt an, es für die Versorgung seiner Bevölkerung zu nutzen. Es werden erste Stromleitungen dafür gelegt.
„Es hat noch nie einen so langen Krieg in einem Land mit Atomkraftwerken gegeben.“
Derweil greift Russland die Stromnetze der Ukraine gezielt an.
Andreas Berthold: Es ist Russland zwar nicht gelungen, selbst in diesem letzten besonders harten, da kalten Winter, einen vollständigen Blackout zu erzwingen...
Lutz Küchler: ...für die nukleare Sicherheit sind die Angriffe dennoch problematisch. Im Betrieb muss ein Atomkraftwerk den produzierten Strom auch abführen können. Fallen die Umspannwerke aus, kann der Strom nicht mehr über die Hochspannungsleitungen zum Endverbraucher geleitet werden. Der Reaktor muss dann unter Umständen mit einer Schnellabschaltung heruntergefahren werden. Der Beschuss der Umspannwerke ist ein Grenzfall zwischen Nuklearterrorismus und "normaler" Kriegsführung.
Welche Lehren ziehen Sie daraus?
Andreas Berthold: Es hat noch nie einen so langen Krieg in einem Land mit Atomkraftwerken gegeben. Atomkraftwerke sind zwar gegen Einwirkungen von außen ausgelegt, etwa bestimmte Flugzeugabstürze oder Erdbeben, und sind damit nicht völlig ungeschützt. Ein gezielter Raketenangriff ist aber eine andere Sache. Außerdem sollten auch die Stromanbindung und die sicherheitsrelevanten Umspannwerke besser geschützt werden, etwa mit speziellen Gittern und Bauwerken. Da lernt man gerade dazu.
Die Autorin ist freie Journalistin in Berlin.
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