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Gastkommentare : Ist Weiterbildung Aufgabe des Staates? Ein Pro und Contra

Der Staat muss einspringen und die Lücken schließen, sagt Gastkommentatorin Ulrike Herrmann. Margaret Heckel sagt dagegen: Jeder Einzelne ist in der Pflicht.

18.04.2017
True 2026-05-04T10:55:51.7200Z
2 Min

Pro

Weiterbildung ist zu wichtig, um es dem Zufall oder den Eigeninteresse der Firmen zu überlassen

Foto: Herby Sachs/WDR
Ulrike Herrmann
ist Wirtschaftsredakteurin der Berliner "tageszeitung".
Foto: Herby Sachs/WDR

Die Wirtschaft wandelt sich rasant: 85 Prozent der deutschen Arbeitnehmer erwarten, dass zumindest Teile ihrer Tätigkeiten in den nächsten fünf Jahren automatisiert werden. Das erfordert lebenslanges Lernen, doch die Unternehmen reagieren zu zögerlich. Nur 21 Prozent der Beschäftigten sind zufrieden mit den Weiterbildungsangeboten ihrer Firmen.

Also muss der Staat einspringen und die Lücken schließen. Weiterbildung ist zu wichtig, um es dem Zufall oder Eigeninteresse der Firmen zu überlassen, ob sie die nötigen Kurse anbieten.

Bisher gilt: Die Firmen fördern vor allem qualifizierte und junge Mitarbeiter, weil dort die Bildungsrendite, betriebswirtschaftlich gesehen, am höchsten ist. Ältere und Ungelernte gehen meist leer aus und erhalten keine Kurse.

Dieses betriebswirtschaftliche Kalkül ist volkswirtschaftlich sehr teuer. Zu viele Menschen werden bei der Digitalisierung abgehängt. Für den Staat ist es daher billiger, in die Weiterbildung zu investieren - als später die Arbeitslosigkeit der Fehlqualifizierten zu finanzieren.

Auf den ersten Blick mag es wie eine Subvention der Firmen wirken, wenn der Staat in die Weiterbildung einsteigt. Aber dieser Einwand verkennt, wie Kapitalismus funktioniert. Die Unternehmen organisieren ja auch nicht Schule oder Universität - obwohl sie direkt von dem Wissen profitieren, das sich ihre Angestellten dort angeeignet haben.

In Deutschland hat sich eine klare Arbeitsteilung herausgebildet: Der Staat übernimmt fast die gesamte Bildung - und die Firmen zahlen indirekt dafür, indem sie Unternehmenssteuern abführen. Dieses System sollte man auch auf das lebenslange Lernen ausdehnen.

Contra

Die Strategie muss lauten, jedem Einzelnen die überragende Bedeutung zu verdeutlichen

Foto: Michael Lüder
Margaret Heckel
ist als freie Journalistin tätig.
Foto: Michael Lüder

Schon klar: Wer nicht bereit ist, lebenslang zu lernen, kommt in der heutigen Arbeitswelt nur schwer voran. Und in der von morgen überhaupt nicht. Weniger klar aber ist, warum der Staat das steuern soll. Wer glaubt wirklich, dass jemand vom Amt besser weiß, wohin sich Jobprofile entwickeln? Oder gar, welche Qualifikationen in Zukunft gefragt sind?

Wie für die Erstausbildung gilt auch für die Weiterbildung, dass sie umso sinnvoller ist, je näher sie am Betrieb angesiedelt ist. Allerdings engagiert sich nur jede zweite Firma in diesem Bereich.

Deshalb kann die Strategie nur lauten, jedem Einzelnen die überragende Bedeutung von Weiterbildung zu verdeutlichen. Dies gilt ganz besonders angesichts der Digitalisierung der Arbeitswelt. Das - und nur das - ist Aufgabe des Staates. Die Organisation sollte er dafür besser Geeigneten wie der Privatwirtschaft oder Stiftungen überlassen.

Die Auswahl schließlich müssen wir selbst übernehmen. Es geht immerhin um unsere persönliche Zukunft. Jeder und jede von uns ist aufgerufen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Wir alle haben ein ganz gutes Gespür dafür, was sich am Arbeitsplatz tut. Und wir haben mit unseren Abgaben für die Arbeitslosenversicherung auch ein Instrument, Weiterbildung zu finanzieren - beispielsweise über ein persönliches Weiterbildungskonto, das verfällt, wenn es nicht alle zehn Jahre genutzt wird.

Alternativ könnten auch die Sätze zur Arbeitslosenversicherung gesenkt werden, sobald die Arbeitsagentur Überschüsse verzeichnet. Allein 2016 waren das 4,9 Milliarden Euro - rund ein Siebtel der Gesamtausgaben für Weiterbildung in Deutschland.

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