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Wahlkreise
Sandra Schmid
299 Mal Sieg oder Niederlage

Spannende Duelle und überraschende Manöver im Kampf um die prestigeträchtigen Direktmandate

Der Kampf ums Kanzleramt stand klar im Fokus - doch am Wahlsonntag ging es nicht nur um die Mehrheit im Bundestag, sondern auch um Macht und Mandat in den 299 Wahlkreisen Deutschlands. Ein Blick zurück auf brisante Zweikämpfe, geschleifte Hochburgen und frischgekrönte Stimmenkönige.

Kanzlerkandidatenduell Bundesweit liegt die SPD nach dem vorläufigen amtlichen Wahlergebnis vorn. Aber ob Olaf Scholz der nächste Kanzler sein wird, ist längst noch nicht ausgemacht. Im Vergleich zum Triell um die Kanzlerschaft fiel sein Duell mit Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) um das Direktmandat im Wahlkreis Potsdam - Potsdam-Mittelmark II - Teltow-Fläming II eindeutig aus: 34 zu 18,8 Prozent für den SPD-Mann. Rund um Brandenburgs Landeshauptstadt hatte sich dennoch etwas noch nie Dagewesenes in der Geschichte der bundesdeutschen Wahlkämpfe ereignet: Erstmalig bewarben sich hier zwei Kanzlerkandidaten um ein Direktmandat. Der Grund, weshalb Journalisten aus ganz Deutschland gespannt auf die prominenten Bewerber im Wahlkreis 61 blickten und dabei die im medialen Schatten um Aufmerksamkeit buhlenden anderen Kandidaten zu deren Leidwesen fast übersahen. Angetreten waren etwa neben der ebenfalls bundesweit bekannten früheren FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg auch die beiden aus Brandenburg stammenden Bundestagsabgeordneten Norbert Müller (Die Linke) und Saskia Ludwig (CDU). Scholz hatte zum ersten Mal in Potsdam kandidiert. Der ehemalige Hamburger Bürgermeister und bisherige Finanzminister hatte seinen Wohnsitz in die Landeshauptstadt verlegt, als seine Frau Britta Ernst 2017 Bildungsministerin in Brandenburg wurde. Baerbock trat bereits bei der letzten Bundestagswahl 2017 im Wahlkreis an, landete damals aber nur auf Platz fünf.

Wettstreit am Rhein Auf eine Bewerbung für ein Direktmandat hatte der dritte Mitstreiter um die Macht im Kanzleramt, Armin Laschet (CDU) zwar verzichtet - seine politische Ziehtochter Serap Güler nicht. Wie Laschets Vater war auch ihr Vater einst Bergmann. Sie selbst, eine gelernte Hotelfachfrau und studierte Kommunikationswissenschaftlerin hat es weit nach oben geschafft: Sie ist Staatssekretärin für Integration in der nordrhein-westfälischen Landesregierung und Mitglied im Bundesvorstand der CDU. Das nächste Ziel der 41-Jährigen aus Marl: der Bundestag in Berlin. Doch im Wahlkampf um den Wahlkreis 101, der die Städte Leverkusen und Köln-Mülheim umfasst, unterlag sie am Wahltag dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach. Als Lokalmatador hatte dieser bereits viermal den Wahlkreis am Rhein gewonnen, den Zweikampf mit Güler entschied der Mediziner Lauterbach nun erneut - deutlich - mit 45,6 Prozent der Erststimmen für sich. Güler erhielt als Zweitplatzierte nur 20,4 Prozent, zeigte sich anschließend aber als gute Verliererin: "Es war ein fairer Wahlkampf, den er klar gewonnen hat", schrieb sie auf Twitter. In den Bundestag schafft es die CDU-Politikerin dennoch, dank Platz acht auf der Landesliste. So wie auch die Fünftplatzierte im Rennen um das Direktmandat im Wahlkreis Leverkusen und Köln-Mülheim: Nyke Slawik von den Grünen, die als eine von zwei transidenten Frauen erstmalig ins bundesdeutsche Parlament einzieht.

Die andere K-Frage Kühnert oder Künast? Diese Frage stellte sich wiederum im Wahlkreis 81. Hier, im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg, trat der populäre Ex-Juso-Chef Kevin Kühnert, mittlerweile SPD-Parteivize, gegen das Politik-Urgestein Renate Künast an. Während der 32-jährige Berliner zum ersten Mal ein Direktmandat anstrebte, gehört die ursprünglich aus Recklinghausen stammende Kandidatin der Grünen seit langem zum Establishment ihrer Partei: 1985 zog sie erstmalig ins Berliner Abgeordnetenhaus ein, 2002 in den Bundestag. Die 65-jährige Rechtsanwältin war bereits Bundesvorsitzende der Grünen, im Kabinett von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, später Co-Fraktionsvorsitzende und Vorsitzende des Rechtsausschusses im Bundestag. 2011 kandidierte sie auch als Regierende Bürgermeisterin in Berlin - allerdings erfolglos. Nun also ein Direktmandat. Doch nach einem engen Rennen hatte letztlich Kühnert die Nase vorn: Mit einem Ergebnis von 27,1 Prozent der Erststimmen zog er sowohl an Künast (25,1 Prozent) als auch am Kandidaten der CDU,. Jan-Marco Luczak (21,9 Prozent), vorbei, der bislang den Wahlkreis Tempelhof-Schöneberg vertreten hat.

Zweikampf an der Saar Minister gegen Minister hieß es im Saarland: Hier traten mit Peter Altmaier (CDU) und Heiko Maas (SPD) zwei Kabinettskollegen der noch amtierenden Großen Koalition an. Das einzige Ministerduell der Bundestagswahl entschied der Noch-Außenminister mit klarem Vorsprung für sich. Er erhielt 36,7 Prozent der Stimmen im Wahlkreis Saarlouis; der Bundeswirtschaftsminister kam dagegen auf 28 Prozent. 2017 hatte noch Altmaier das Direktmandat im Stimmbezirk 297 errungen.

Kanzlerinnen-Wahlkreis In die Fußstapfen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wollte im Nordosten des Landes Georg Günther treten, seines Zeichens Vorsitzender der Jungen Union im Mecklenburg-Vorpommern. In Interviews verortete sich der 33-jährige Greifswalder - ganz ähnlich wie die Kanzlerin- eher im liberalen Flügel der Partei. Wie sie gehe auch er lieber "etwas ruhiger und pragmatischer" an Dinge heran, verriet er Journalisten einmal. Doch das ist nun nicht mehr relevant Die CDU hat im Wahlkreis 15 - zu dem auch die Insel Rügen und die Städte Greifswald und Stralsund gehören - eine empfindliche Niederlage erlitten: Nach 30 Jahren ist die schwarze Hochburg an der Ostsee plötzlich rot. Merkels Erbe geht nun nicht an den diplomierten Finanzwirt und Kommunalpolitiker Günther, der sich stattdessen im Wahlkampf ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Leif-Erik Holm (AfD) um Platz zwei liefern musste, sondern an die 27-jährige Abgeordnetenmitarbeiterin Anna Kassautzki von der SPD. Für die Sozialdemokraten ist dieser Gewinn bei weitem nicht der einzige in Mecklenburg-Vorpommern - im Gegenteil: Ganz "MV", aber auch das benachbarte Brandenburg und Teile Sachsen-Anhalts sind auf der politischen Landkarte nun rot eingefärbt. Mit einem Stimmenanteil von 24,3 Prozent für Kassautzki und knapp vier Prozentpunkten Vorsprung vor ihrem CDU-Kontrahenten Günther bleibt der ehemalige Merkel-Wahlkreis künftig aber immerhin in weiblicher Hand.

Maaßen ohne Mandat In einem ähnlich vielbeachteten, aber deutlich brisanteren Duell in Südthüringen fiel das Ergebnis am Ende frappierend deutlich aus: Das heiß umkämpfte Direktmandat im Wahlkreis 196 gewann der ehemalige Biathlon-Weltmeister und Olympiasieger Frank Ullrich (SPD) mit 33,6 Prozent der Stimmen und großem Vorsprung vor Hans-Georg Maaßen (CDU), der nur auf 22,3 Prozent kam. Damit hat der ehemalige Verfassungsschutzpräsident den Sprung in den Bundestag verpasst, aber den dicht auf den Fersen folgenden Jürgen Treutler (AfD) mit 21,2 Prozent auf den dritten Platz verwiesen. Um keinen anderen Wahlkreis hatte es in den letzten Monaten so viel Aufregung gegeben wie um diesen. Politische Beobachter hatten mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem lokal verwurzelten 63-jährigen Sportler Ullrich und Maaßen gerechnet. Für den auch in der eigenen Partei umstrittenen Ex-Verfassungsschutzchef schien die Kandidatur ein willkommenes Sprungbrett für eine politische Karriere zu sein; extra verlegte er dafür eigenen Angaben zufolge seinen Wohnsitz von Mönchengladbach in den Wahlkreis. Aus dem Mandat wird nun nichts - über die Landesliste war Maaßen nicht zusätzlich abgesichert. Zu Ullrichs Sieg dürfte auch ein ungewöhnliches Manöver des Vereins Campact beigetragen haben, der, von prominenten Grünen unterstützt, eine Anti-Maaßen-Kampagne führte: So sprach sich etwa der aus Thüringen stammende Bundesgeschäftsführer der Grünen, Michael Keller, gut zwei Wochen vor dem Wahltag öffentlich für die Wahl des SPD-Manns aus: "Ein Votum für Frank Ullrich schützt die Demokratie und verhindert, dass eine nach rechtsaußen offene Stimme in den Bundestag einzieht."

Lebensretter der Linken Die Wahlschlappe des CDU-Rechtsaußen ist für die Thüringer Sozialdemokraten ein Triumph. Denn bis auf einen Wahlkreis, den der langjährige Bundestagsabgeordnete Manfred Grund für die CDU verteidigen konnte, und zwei Wahlkreisen um Erfurt, Weimar und Jena, die die Sozialdemokraten Carsten Schneider, langjähriger Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Bundestag, und Holger Becker gewinnen konnten, gingen alle übrigen Stimmbezirke in Thüringen an die AfD. Noch klarer die Lage in Sachsen: Wer auf die politische Landkarte des Freistaats schaut, sieht hier vor allem viel Blau und ein wenig Schwarz: Kandidaten der sächsischen AfD ist es gelungen, drei Wahlkreise zu verteidigen und weitere sieben hinzuzugewinnen.

Neben einem roten Flecken ist auch ein einsamer magentafarbener Sprenkel auf der politischen Landkarte zu finden: der Wahlkreis 153, Leipzig II. Hier ist es Sören Pellmann (Die Linke) gelungen, sein Direktmandat zu verteidigen und damit seiner Partei den Wiedereinzug in den Bundestag zu sichern. Mit 22,8 Prozent der Stimmen setzte sich der 44-Jährige gegen Paula Piechotta von den Grünen durch, die mit 18,4 Prozent der Stimmen auf Platz zwei landete. Sein Mandat könne zur "Lebensversicherung der Linken" werden, hatte Pellmann am Wahlabend gesagt - und Recht behalten: Die Partei drohte knapp an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern. Um sich in den Bundestag zu retten, brauchte sie gemäß der Grundmandatsklausel im Bundeswahlgesetz drei Direktmandate. Die Parteigranden Gesine Lötzsch und Gregor Gysi haben ihre Berliner Wahlkreise Lichtenberg und Treptow-Köpenick gewonnen. Der prominente frühere Fraktionsvorsitzende wurde herausgefordert von der mehrfachen Eissschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein. Diese hatte die CDU öffentlichkeitswirksam ins Rennen geschickt. Petra Pau, Bundestags-Vizepräsidentin ist hingegen die Verteidigung ihres Berliner Wahlkreises nicht geglückt. Sie erreichte 21,9 Prozent und verlor in Marzahn-Hellersdorf - eine Hochburg der Partei seit der Wiedervereinigung - an den CDU-Kandidaten Mario Czaja (29,9 Prozent).

Stimmenkönig im Ländle Anders als in Sachsen konnte die CDU, aber vor allem die CSU im Süden der Republik ihre Hochburgen verteidigen. Nur einen einzigen Wahlkreis gaben die Christsozialen in Bayern ab - an eine Grüne: Die 28-jährige Jamila Schäfer, Mitglied des Bundesvorstands, siegte im Wahlkreis 219 - München Süd - knapp mit 27,5 Prozent und holte sich so das allererste grüne Direktmandat im Freistaat. Was der Ökopartei bislang nur in Berlin gelang, ist nun in insgesamt sieben Bundesländern Realität. Stimmenkönig in Baden-Württemberg ist nun übrigens auch ein Grüner - und bei weitem kein Unbekannter: Cem Özdemir, bis 2018 Co-Parteichef, setzte sich im Wahlkreis Stuttgart I mit 40 Prozent der Stimmen an die Spitze und zieht wieder in den Bundestag ein - erstmalig per Direktmandat.

Schwarze Hochburgen Trotz aller Verluste für die Union - viele ihrer Hochburgen konnte sie nicht nur im Süden, sondern auch in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz verteidigen. Im Hochsauerlandkreis gewann etwa der ehemalige CDU-Fraktionschef Friedrich Merz mit 40,4 Prozent der Stimmen vor Dirk Wiese (SPD). Der aus Brilon stammende Politiker kehrt damit nach Jahren der Abstinenz in den Bundestag zurück. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak gelang es, den 2017 zuletzt von der SPD gewonnen Wahlkreis Märkischer Kreis II zu erringen Er bekam 33,6 Prozent der Erststimmen und lag damit klar vor seiner SPD-Konkurrentin Bettina Lugk. Die stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende Silvia Breher, Stimmenkönigin des 19. Bundestages, erreichte mit 49 Prozent der Stimmen im Wahlkreis Cloppenburg-Vechta erneut einen Spitzenwert und wurde somit immerhin Stimmenköniging ihrer Partei. Und nicht zuletzt in Ahrweiler, wo nach der verheerenden Flut ein Straßenwahlkampf kaum möglich gewesen war, entschieden sich die Wähler erneut für Mechthild Heil (CDU). Trotz Stimmverlusten holte die 60-Jährige mit 34,3 Prozent zum vierten Mal in Folge das Direktmandat im Wahlkreis 198.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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