Piwik Webtracking Image

Sicherheit von Seekabeln : Mit schleifendem Anker über den Meeresgrund

Die Koalition aus Union und SPD will mit strategischer "Kabeldiplomatie" den Schutz von kritischer Infrastruktur wie Seekabeln international ausbauen.

08.05.2026
True 2026-05-08T11:14:53.7200Z
3 Min

Mit ihnen beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts die Vernetzung der modernen Welt: Heute sind Seekabel aus dem täglichen Daten-, Wissens- und Energietransfer nicht mehr wegzudenken: Mails, Tweets, Finanztransaktionen, Bestellungen - all das ist möglich, weil ein beeindruckendes Netz aus Glasfaserkabeln in den Ozeanen und Meeren Datentransfers nahezu in Lichtgeschwindigkeit ermöglicht. Genau hier liegt aber auch die Achillesferse: Seekabel sind anfällig für Manipulationen, Sabotage oder staatlich gelenkte Zerstörungen.

Foto: picture alliance / Ritzau Scanpix

Der unter chinesischer Flagge stehende Frachter „Yi Peng 3“ steht im Verdacht, 2024 ein Seekabel zwischen Finnland und Deutschland zerstört zu haben.

Ein Beispiel dafür ist der Vorfall um den unter chinesischer Flagge stehenden Frachter "NewNew Polar Bear", der 2023 die Baltic-Connector-Gasleitung in der Ostsee beschädigte, ein weiteres die zwischenzeitliche Durchtrennung des C-Lion1-Kabels zwischen Finnland und Deutschland im Jahr 2024: Hier geriet die ebenfalls unter chinesischer Flagge stehende "Yi Peng 3" unter Verdacht, mit dem absichtlichen Schleifen des Ankers über dem Meeresgrund Tatsachen geschaffen zu haben. 

Wenige Monate später folgten dann eine Beschädigung der Hochspannungsstromleitung Estlink 2 zwischen Finnland und Estland, für die finnische Ermittler die "Eagle S" als Verursacher benannten. Es handelt sich um einen Rohöltanker, den die EU zur sogenannten russischen Schattenflotte zählt.

Als Antwort auf diese Vorfälle startete die Nato im Januar 2025 die Operation Baltic Sentry, die die Überwachung kritischer Infrastruktur in der Ostsee massiv verstärken soll.

Union und SPD wollen mehr internationalen Austausch bei Kabelsicherheit

Der Bundestag debattierte in dieser Woche über die Sicherheit von Seekabeln. Im Mittelpunkt stand ein Antrag der Koalitionsfraktionen von Union und SPD, die sich unter dem Stichwort "Kabeldiplomatie" für den Ausbau einer sicheren Kabel- und Unterwasserinfrastruktur aussprechen. Sie verweisen unter anderem auf einen EU-Aktionsplan für Kabelsicherheit, setzen aber auch auf den Informationsaustausch zwischen nationalen, europäischen, internationalen und multilateralen Behörden und Organisationen. 

Genannt werden unter anderem der gemeinsame Informationsraum der EU, die Nato, die Länder des ASEAN-Raumes, auf der anderen Seite aber auch Offshore-Windparkanlagen in der deutschen "Ausschließlichen Wirtschaftszone" in Nord- und Ostsee.

Mehr zum Thema

Mehr zum Thema So will die Koalition den Schutz kritischer Infrastruktur verstärken
Kritis-Dachgesetz verabschiedet: So will die Koalition den Schutz kritischer Infrastruktur verstärken

Nicolas Zippelius (CDU) bezeichnete Kabel als "verwundbare strategische Infrastruktur". Mehr als 90 Prozent des globalen Internetverkehrs liefen über Unterseekabel. Mehr als 150 Kabel verbänden Europa mit Asien, Afrika und Nordamerika. "Diese Infrastruktur ist damit zentral für Kommunikation, Wirtschaft und Finanzsysteme und damit natürlich auch für Deutschland." Es gebe einen Bedarf an globaler Regelsetzung. “Im internationalen Recht bestehen Lücken beim Schutz und der Reparatur von Unterseekabeln, insbesondere auf hoher See.”

Markus Frohnmaier (AfD) monierte Doppelstandards: "Wo war denn Ihre Entschlossenheit beim Nord-Stream-Anschlag?" Wenn "deutsche Energieinfrastruktur" in der Ostsee in die Luft gesprengt werde, schaue die Bundesregierung weg. Das Land brauche keine Modebegriffe wie "Kabeldiplomatie", sondern Stärke. "Stärke heißt: eigene maritime Fähigkeiten. Stärke heißt: eine verteidigungsfähige Bundeswehr. Stärke heißt: Geheimdienste, die Feinde aufspüren."

Bei einem Ausfall des Internets drohen beträchtliche Schäden

Nancy Faeser (SPD) wies die AfD-Vorwürfe zurück. "Wer wieder Erdgas und Öl aus Russland bestellen will, vertritt hier mit Sicherheit nicht deutsche Interessen." Es sei im elementaren Interesse Deutschlands, sich beim Schutz kritischer Infrastruktur wie Unterseekabeln besser aufzustellen. Über die Lichtimpulse in Glasfaserkabeln verliefen Finanztransaktionen, staatliche Kommunikation, das ganze moderne Leben. “Würde das Internet einen einzigen Tag lang ausfallen, entstünde geschätzt ein Schaden für die deutsche Volkswirtschaft von sieben Milliarden Euro.”

Mehr zum Thema

Mehr zum Thema Schattenkrieg im Nato-Meer
Spannungen mit Russland im Ostsee-Raum: Schattenkrieg im Nato-Meer

Deborah Düring (Bündnis 90/Die Grünen) stimmte der Koalition in einem Punkt zu: Die Sicherheit der Seekabel in Nord- und Ostsee sei zentral für die Energie- und Datensicherheit Europas. Das werfe aber die Frage auf, warum die Bundesregierung nicht mehr gegen die russische Schattenflotte unternehme. "Unter anderem Schweden stoppt regelmäßig Schiffe der russischen Schattenflotte, Deutschland nicht." Es brauche mehr als Kabeldiplomatie, die Bundesregierung lasse außenpolitisch auf vielen Feldern entschiedenes Handeln vermissen. "Ich würde sagen: Fangen Sie mal an."

Jan Köstering (Die Linke) kritisierte, dass die Koalition ihren Blick "nur auf aktuelle Vorfälle, mutmaßliche Sabotage und künftige Eskalationen" richte. Es müsse aber darum gehen, jenseits militärischer Bündnisse zu "einer weltweiten Übereinkunft zu kommen - so wie es sie längst beispielsweise zum Schutz von Krankenhäusern und ziviler Infrastruktur gibt". 

Auch lesenswert

Öltanker Eagle S auf dem Wasser
Hybride Kriegsführung: Wenn Anker und Algorithmen zur Waffe werden
Cyberattacken und Sabotage: Immer öfter ist kritische Infrastruktur Ziel hybrider Angriffe. Doch wie lassen sich Seekabel, Pipelines und digitale Netze schützen?
LNG Tanker wird auf der Ostsee von Tankern begleitet
Gas- und Öl-Importe: Umstrittene Fracht aus Russland
Durch Schlupflöcher im Sanktionssystem und Ausnahmen exportiert Russland nach wie vor Öl und Gas in die Europäische Union – und nach Deutschland.