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Europäische Kulturhauptstadt in der Slowakei : Trencin stemmt sich gegen Ficos Kulturpolitik

Während die slowakische Regierung zum kulturellen Kahlschlag ausholt, möchte die Stadt Trencín den Zusammenhalt in dem tief gespaltenen Land mit Kultur stärken.

13.01.2026
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6 Min
Foto: Kilian Kirchgeßner

Neue Fußgängerzone, renovierte Museen, bunte Fassaden: Trenčín mit seiner Altstadt und mittelalterlichen Burg will attraktiver werden für Touristen wie Einheimische. Gerade in ländlichen Regionen der Slowakei ist die Abwanderung groß.

Auf den Keller ist Juraj Benda besonders stolz. Von der Eingangshalle des prachtvoll renovierten Kulturzentrums Hviezda geht es eine breite Treppe hinunter, und schon steht Benda zwischen Werkbänken voller 3D-Drucker und Fräsen. Hinter ihm steht ein professionelles Filmstudio, und er schaut auf all die Apparate und strahlt: "Mein Traum ist es, einen Platz zu schaffen, an dem Modedesigner, Architekten, Filmemacher ihre Ideen ausprobieren können", sagt er. “Sie sollen die Chance haben, hier in Trencín zu bleiben!”

Das sagen Kritiker

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Strukturwandel durch Kultur - das ist eines der Leitmotive, wenn das westslowakische Trencín, nach der feierlichen Eröffnung vom 13. bis 15. Februar, gemeinsam mit dem finnischen Oulu zur europäischen Kulturhauptstadt 2026 wird. Die beiden Städte folgen auf Chemnitz und Nova Gorica, die sich den von der EU vergebenen Titel im vergangenen Jahr teilten

Das Kulturzentrum Hviezda ist eines der Aushängeschilder der Stadt: ein funktionalistischer Paradebau, der erst kürzlich saniert wieder eröffnet wurde - und jetzt mit Café, Ausstellungsräumen, zwei großen Theatersälen und eben der Werkstatt zu einem Magneten werden soll. "Wir haben hier schon jetzt in Spitzenzeiten 70 Veranstaltungen im Monat", sagt dessen Leiter Juraj Benda. Mit seinem Angebot richtet sich das Kulturzentrum vor allem an die Bürgerinnen und Bürger von Trencín, und damit passt es gut zu den Zielen, die viele in der Slowakei mit dem Kulturhauptstadtjahr verbinden: Es soll Zusammenhalt entstehen, vielleicht sogar so etwas wie eine Aufbruchstimmung.

Proteste gegen den kulturellen Kahlschlag der Regierung

Das kulturelle Großereignis fällt in der Slowakei in eine politisch aufgeheizte Zeit. Unter dem linkspopulistischen Premierminister Robert Fico, der zusammen mit Nationalisten regiert, ist die Slowakei auf Konfrontationskurs mit der EU und der Nato gegangen. Doch die gleichzeitige Hinwendung zu Moskau ist im Land denkbar umstritten: Seit Monaten gehen Tausende regelmäßig zu Protesten auf die Straße, zuletzt kamen in Bratislava Ende November mehr als 50.000 Demonstranten zusammen. 

Im Fokus der Kritiker steht ausgerechnet auch die autoritäre Kulturpolitik. Unter der nationalistischen Ministerin Martina Simkovicová wurden in beinahe allen staatlichen Institutionen die Leitung aus politischen Gründen entlassen und die finanzielle Unterstützung für Kulturprojekte im ganzen Land zusammengestrichen, auch in Trencín. Ein Projekt mit internationaler Strahlkraft wie das Kulturhauptstadtprogramm anzutasten, hat sich die Regierung hingegen zurückgehalten - das meiste Geld dafür kommt ohnehin aus Brüssel.

Der öffentliche Raum wird zur Bühne für Kleinkunst und Feste

"Die Nervosität, das Misstrauen und der fehlende soziale Zusammenhalt sind an einem kritischen Punkt", urteilt Stanislav Krajci, der Direktor der Kulturhauptstadt-Gesellschaft. Sein Team will dagegenhalten, und Trencín ist dafür ein symbolträchtiger Ort: In der 55.000-Einwohner-Stadt befindet sich einer der größten Standorte der slowakischen Armee. "Die Kultur ist eine wichtige Munition", sagt Krajci. "Demokratische Werte oder auch die Europäische Union sind ohne Kultur undenkbar." 

Im Kulturhauptstadtjahr soll deshalb nicht die Hochkultur dominieren; die Kultur soll zum Mittel werden, um das Leben, um den Austausch in der Stadt zu befördern. "Wir arbeiten auch auf den Straßen - ein Festival für die Stadt, so nennen wir das." Der öffentliche Raum von Trencín soll zur Bühne werden, die jeden dazu einlädt, mitzumachen. Mit Stadtviertel-Festen, mit Kleinkunst und jeder Menge Aktionen speziell für die Einwohner wird dieses "Community-Building", wie es offiziell heißt, eine der tragenden Säulen des Programms sein.

Trencín ist eine idyllische Stadt: In der Altstadt herrscht im Sommer beinahe mediterrane Atmosphäre, vor fast jedem Haus stehen im Zentrum die Tische von Straßencafés. In der Mitte des ovalen Hauptplatzes mit seinen barocken und Renaissance-Gebäuden erhebt sich die Mariensäule und hoch darüber thront majestätisch die mittelalterliche Burg auf einem Berg, zu der ein steiler, schmaler Weg hinaufführt. 

Aus dem Jahr 179 nach Christus stammt das älteste Zeugnis der Besiedelung, das heute Kuriosum und Touristenattraktion gleichermaßen ist: eine Inschrift im Burgfelsen, eingemeißelt von den Römern. Sie ist das nördlichste Lebenszeichen von römischen Legionen, das östlich von Deutschland erhalten ist.

Kreative bringen neues Leben in alte Fabrikhallen

Lange Jahre war Trencín eine Modestadt: Eine der großen Textilfirmen der Slowakei hatte hier ihren Sitz; inzwischen ist sie geschlossen. Und wer ein paar Kilometer herausfährt aus der Stadt, kommt in den Nachbarort Partizánske. Dort baute der tschechische Schuh-Fabrikant Jan Antonín Bata in den 1930er-Jahren eine gewaltige Fabrikanlage, eine Niederlassung seiner Firma mit Sitz in Zlín, das über die tschechische Grenze 100 Kilometer entfernt ist. Er setzte auf strenge Standardisierung: Schachbrettgleich entstanden durchnummerierte Fabrikhallen, ringsum ließ Bata eine neue Stadt entstehen mit Kirche und kleinen, praktischen Häusern für die Angestellten. Das Industrieareal ist längst verwaist.


Katarina Jancíková im Portrait.
Foto: Kilian Kirchgeßner
„Wir machen das alles mit dem Hintergedanken, junge Leute zum Hierbleiben zu inspirieren.“
Katarina Jancíková

"Ist das nicht herrlich hier", ruft Katarina Jancíková, die mitten in einer der leeren Fabrikhallen steht. Fensterscheiben fehlen, zugig ist es, die Jahrzehnte des Leerstands haben Spuren hinterlassen. Jancíková hat das nicht abgeschreckt. Die junge Frau hat mit ihrer Bürgerinitiative die Halle kurzerhand gekauft. "Das war unser langjähriger Traum, wir wollten damit diese Räume retten", sagt sie. Die leere Fabrikhalle wird damit zu einem Sinnbild für den Strukturwandel: Statt der Industriearbeiter sollen jetzt die Kreativen hier arbeiten. "Wir wollen, dass das Gebäude lebt. Es ist jetzt schon schön, wir müssen dafür nicht auf die Renovierung warten", erzählt sie.

Am anderen Ende von Partizánske hat Katarina Jancíková mit ihren Mitstreitern auch eines der Bata-Wohnhäuser übernommen, die der Schuhpatron für seine Arbeiter erbauen ließ, und es zum Museum umgebaut. Große Pläne hat sie auch für die Fabrikhalle: Ateliers sollen einziehen, Ausstellungsräume, ein Veranstaltungsraum. "Wir machen das alles mit dem Hintergedanken, junge Leute zum Hierbleiben zu inspirieren", sagt Katarina Jancíková. Bislang ziehen viele nach ihrem Schulabschluss weg - Bratislava ist nicht weit, Wien gut erreichbar und auch zu größeren tschechischen Städten wie Brünn ist es nur ein Katzensprung. Und wer einmal weg ist, das haben sie hier in der Slowakei immer wieder festgestellt, der kommt so schnell nicht mehr zurück.

Slowakei leidet seit Jahren unter der Abwanderung junger Menschen

Tatsächlich ist die Abwanderung eines der großen Probleme des Landes. Viele locken die besser ausgestatteten Hochschulen im Ausland, nicht wenige kehren ihrer Heimat auch wegen der politischen Situation den Rücken. Während es in der Hauptstadt Bratislava noch eine liberale Szene gibt, in der sich viele jüngere Slowakinnen und Slowaken gut aufgehoben fühlen, bluten vor allem die ländlichen Regionen des Landes regelrecht aus.

Das ist eine Entwicklung, gegen die sich auch Juraj Benda, der Chef des Kulturzentrums Hviezda in Trencín, mit Werkstatt und Filmstudio stemmt. Wenn junge Leute hier ihr Unternehmen gründen können, so sein Kalkül, wenn sie hier im Keller ihre Prototypen mit modernsten Maschinen bauen können, dann bleiben sie in Trencín oder kommen sogar von anderswo hierher.

Foto: Kilian Kirchgeßner

Die Synagoge wurde kurz vor Beginn des Kulturhauptstadtjahres am 9. November als Gebetshaus und Veranstaltungsort wiedereröffnet.

Was wie ein Wunschtraum klingt, hat in der Slowakei bereits funktioniert: Als im Jahr 2013 Kosice als erste Stadt des Landes zur europäischen Kulturhauptstadt wurde, läutete das tatsächlich eine Trendwende ein. Die Stadt ganz im Osten an der Grenze zur Ukraine ist lebendiger, attraktiver und auch wirtschaftsstärker geworden. Welche Kraft der Titel der Kulturhauptstadt entfaltet, lässt sich in Trencín schon jetzt mitten in der Altstadt besichtigen.

Restaurierte Synagoge zeugt von jüdischer Erneuerung

Dort erhebt sich die Synagoge, die 1913 mit ihrer riesigen Kuppel und den farbenprächtigen Wandmalereien erbaut wurde - "als Symbol für die selbstbewusste jüdische Gemeinde hier vor Ort", wie es Tomás Michalik nennt, der stellvertretende Direktor des Stadtmuseums in Trencín. Nach den Verheerungen und Zerstörungen des 20. Jahrhunderts - erst durch die Faschisten, dann durch die Kommunisten - wurde die Synagoge nun aufwendig renoviert. Die kräftigen Farben unter der Kuppel und an den Wänden strahlen wieder, das Gebäude dient gleichermaßen als Veranstaltungsraum für Konzerte und Ausstellungen und zum Gebet.

Denn auch die jüdische Gemeinde ist nach langen Jahren des Stillstands wieder neu gegründet worden, derzeit zählt sie 60 Mitglieder. Und vor allem: Sie wächst - durch Geburten ebenso wie Trencíner Familien, die während der kommunistischen Jahre ihre jüdischen Wurzeln aus Angst vor Repressionen versteckten. Von einem "kleinen Wunder" sprechen die Trencíner Juden angesichts der unverhofften Renaissance ihrer Gemeinde. Diese Aufbruchstimmung soll im Kulturhauptstadtjahr die ganze Stadt erfassen, hoffen sie in Trencín.

Der Autor berichtet als freier Korrespondent aus Tschechien und der Slowakei.

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