Mangel an Spenderorganen : Überkreuzspende soll Leben retten
Mit der Überkreuz-Lebendnierenspende sollen mehr Transplantationen ermöglicht werden. Denn Nieren stehen bei der Organspende im Vordergrund.
Der Mangel an Spenderorganen ist trotz gesetzlicher Änderungen in den vergangenen Jahren akut geblieben. Alle Bemühungen, die Organspenderzahlen substanziell zu erhöhen, haben nicht die erhoffte Wirkung gezeigt. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) standen Ende 2025 noch rund 8.200 Patienten in Deutschland auf der Warteliste für ein rettendes Spenderorgan. Mit einer sogenannten Überkreuzspende werden nun per Gesetz mehr Möglichkeiten für eine Lebendnierenspende geschaffen, denn an Nieren mangelt es vor allem.
Nieren sind das am häufigsten transplantierte Organ
2025 wurden laut DSO in Deutschland 3.020 Organe postmortal gespendet, darunter 1.495 Nieren, 823 Lebern, 315 Herzen, 308 Lungen, 76 Bauchspeicheldrüsen sowie drei Därme. Die Niere ist das mit Abstand am häufigsten transplantierte menschliche Organ - auch bei der Lebendspende - trotzdem besteht weiter ein Mangel. Oft sind Patienten bis zu einer Transplantation auf eine sehr belastende Dialysebehandlung (Blutwäsche) angewiesen. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) erhalten rund 100.000 Menschen in Deutschland eine Dialyse, weil ihre Nieren nicht mehr ausreichend gut funktionieren.
Viele Patienten warten derzeit auf eine rettende Nierenspende. Mit erweiterten Möglichkeiten für Lebendspenden soll die Zahl der verfügbaren Spenderorgane erhöht werden.
In vielen Fällen hat auch die Aufnahme auf die Warteliste für ein Spenderorgan keinen Erfolg. 2024 starben nach Angaben der Bundesregierung 253 Patienten, die auf der Warteliste für eine Niere standen, bevor sie ein Spenderorgan erhalten konnten. Die Wartezeit auf eine Spenderniere liegt hierzulande im Durchschnitt bei bis zu acht Jahren.
Eine Lebendnierenspende ist möglich, weil der Mensch zwei Nieren hat und nur eine zum Überleben braucht. Laut Transplantationsgsetz (TPG) ist eine Lebendspende derzeit aber nur erlaubt, sofern zwischen Spender und Empfänger eine "besondere persönliche Verbundenheit" besteht, also etwa zwischen Ehepartnern. Diese strenge Regelung wird mit der Überkreuz-Lebendnierenspende zwischen unterschiedlichen Paaren gelockert.
Viele Spenderpaare sind medizinisch nicht kompatibel
Bis zu 40 Prozent der nahestehenden Spenderpaare sind nach Expertenangaben medizinisch inkompatibel, sie können sich also aus immunologischen oder anderen medizinischen Gründen gegenseitig keine Niere spenden. Künftig sollen solche Paare die Möglichkeit bekommen, mit einem medizinisch passenden anderen Paar, das ebenfalls untereinander nicht kompatibel ist, eine Niere zu spenden. Die Überkreuzpaare müssen sich nicht kennen. Das Näheverhältnis der jeweils inkompatiblen Partner soll aber Pflicht bleiben.
Ermöglicht wird künftig auch die ungerichtete anonyme Nierenspende. Geplant ist der Aufbau eines Programms zur Vermittlung und Umsetzung von Überkreuz-Lebendnierenspenden einschließlich der anonymen Nierenspende. Eine Stelle zur Vermittlung von Nieren soll eingerichtet werden. Das Vermittlungsverfahren wird gesetzlich festgelegt.
Schon die Ampel-Koalition hatte einen ähnlichen Gesetzentwurf vorgelegt, der nicht mehr verabschiedet wurde. Der Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ) wurde am Donnerstag mit einigen präzisierten Formulierungen mit den Stimmen von Union, SPD und Grünen beschlossen. Die Linke votierte dagegen, die AfD enthielt sich.
Skeptiker befürchten Druck auf potenzielle Spender
In der abschließenden Beratung würdigen Redner die mit der Novelle einhergehenden Vorteile. Simone Borchardt (CDU) sagte: "Wenn eine direkte Lebendspende zwischen zwei nahestehenden Personen medizinisch nicht möglich ist, müssen Betroffene künftig nicht mehr zwangsläufig jahrelang auf eine postmortale Spende warten." Christos Pantazis (SPD) fügte hinzu, das Gesetz sei "ein Schritt hin zu mehr Chancen, zu mehr Leben und zu mehr Verantwortung".
Auch Kirsten Kappert-Gonther (Grüne) betonte, das Gesetz werde Leben retten. Jedoch müsse die Aufklärung über langfristige Risiken einer Spende verbessert werden. Es fehlten verlässliche Langzeitdaten über gesundheitliche und psychosoziale Folgen. Stella Merendino (Linke) kritisierte die Aufhebung des Subsidiaritätsprinzips. Die postmortale Spende müsse Vorrang behalten. Ansonsten werde das Risiko auf den gesunden spendenden Menschen verschoben. Auch Joachim Bloch (AfD) sieht in dem Punkt ethische Probleme und warnte vor "seelischem und sozialem Druck auf potenzielle Organspender".
Auch lesenswert
Die Zahl der Organspenden ist gering. Von einer gesetzlichen Änderung versprechen sich Abgeordnete eine Lösung. Die geplante Regelung ist jedoch umstritten.
Mit einem Gruppenantrag wollen Abgeordnete die Organspende erneut reformieren. Das Ziel ist, mehr rettende Spenderorgane zu bekommen.