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Foto: picture alliance / Florian Gaul
Banken könnten Anlegern schon bald einfache und stark geförderte Finanzprodukte zur Altersvorsorge anbieten.

Reform der Altersvorsorge : "Die neue Förderung ist immens"

Finanzprofessor Raimond Maurer erklärt, was die Reform der Riester-Rente bringt. Für Anleger erwartet er "neue und kostengünstige Produkte mit hohen Renditechancen".

17.02.2026
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6 Min

Die Bundesregierung plant eine Reform der Riester-Rente, also der staatlich geförderten Altersvorsorge. Inwieweit wird der vorliegende Kabinettsbeschluss mehr Anreize setzen, fürs Alter vorzusorgen?

Raimond Maurer: Der Gesetzentwurf umfasst viele Punkte, die wir bereits 2023 in der Fokusgruppe private Altersvorsorge der damaligen Bundesregierung empfohlen haben. Von daher hat die Bundesregierung aus meiner Sicht natürlich einen sehr gelungenen Entwurf vorgelegt, der unser Altersvorsorgesystem auf international gängige Standards bringt und massive Schwächen des heutigen Systems der Riester-Rente beheben wird. 

Welche?

Raimond Maurer: Die bisherige Riester-Rente krankt vor allem an hohen bürokratischen Hürden, einem Mangel an Wettbewerb und hohen Gebühren. Deswegen gibt es auch kaum noch neue Angebote und immer weniger Menschen nutzen die Förderung. Das wird sich ändern. Die Verbraucher werden nach der Reform viele attraktive, neue, und kostengünstige Produkte mit hohen Renditechancen bekommen, die bisher nicht möglich waren, insbesondere das Standarddepot.

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Raimond Maurer
ist Inhaber des Lehrstuhls für Investment, Portfolio Management und Alterssicherung an der Goethe-Universität Frankfurt. Im Jahr 2023 war er Mitglied der von der Ampel-Koalition eingesetzten „Fokusgruppe private Altersversorge“.
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Um was handelt es sich dabei?

Raimond Maurer: Banken oder andere Anbieter von förderfähigen Finanzprodukten müssen künftig zumindest zwei verschiedene Investmentfonds anbieten, einen eher risikoarmen und einen eher chancenreichen. Dafür gelten einheitliche gesetzlich geregelte Standards, die festlegen, was risikoarm und chancenreich bedeutet. Finanzunternehmen können ihren Kunden einen Vorschlag zur Gewichtung machen, also zu wie viel Prozent sie chancenreich und zu wie viel Prozent sie risikoarm anlegen. Die Kunden können die Gewichtung aber individuell unkompliziert ändern. Ich erwarte, dass die neuen online abschließbaren Produkte insbesondere auch die junge Generation ansprechen werden.

Das Standarddepot enthält im Gegensatz zur bisherigen Riester-Rente keine Garantie, dass man die eingezahlten Sparraten zurückerhält. Wie beurteilen Sie das Risiko dieser Produkte?

Raimond Maurer: Die neuen Produkte erlauben höhere Aktienquoten und werden dadurch chancenreicher, aber das geht eben nur mit dem Risiko von höheren Wertschwankungen. Kritiker betonen dabei gerne das folgende Worst-Case-Szenario: Ausgerechnet zum Rentenbeginn bricht die Börse massiv ein und das Ersparte ist plötzlich deutlich weniger wert. Die Erfahrung zeigt aber, dass günstige und breit gestreute Aktienanlagen über Jahrzehnte hinweg trotz vieler Krisen eine gute Rendite bringen. Kurzfristige Kursschwankungen gleichen sich über die Zeit aus und das Worst-Case-Szenario tritt eben nicht ein. Wer allerdings mit dem Risiko nicht leben will oder vorübergehende Kursrückgänge nicht aushalten möchte, für den gibt es weiterhin geförderte Garantieprodukte oder andere risikoarme Anlagen. 


„Die Förderung wird massiv vereinfacht und deutlich erhöht.“
Raimond Maurer

Am sichersten gilt vielen die eigene Immobilie. Was halten Sie davon, dass man die Förderung weiterhin auch für Einzahlungen in Bausparverträge oder die Tilgung von Darlehen bekommen soll?

Raimond Maurer: Das läuft der eigentlichen Idee zuwider, die Altersvorsorge zum Teil über die internationalen Kapitalmärkte zu organisieren. Im Einzelfall kann das zwar vernünftig sein, aber grundsätzlich bin ich kein Fan davon. Wohnimmobilien sind per se keine besonders sicheren Anlagen: man konzentriert sich auf ein einzelnes, oft massiv fremdfinanziertes und zugleich komplexes und illiquides Asset. Was ist daran eigentlich „besonders sicher“? Trotzdem halte ich es für sinnvoll, selbstgenutztes Wohneigentum in Förderung einzubeziehen, weil der Traum von den eigenen vier Wänden für viele Menschen eine große auch psychologische Bedeutung hat. Positiv ist, dass der verpflichtende Anspruch entfällt, kapitalmarktorientierte Produkte wie Fonds jederzeit für Wohneigentum nutzen zu dürfen; das kann künftig nur noch als optionaler Bestandteil angeboten werden. Das senkt Verwaltungskosten und die Produkte werden günstiger. 

Was soll bei der Förderung besser werden?

Raimond Maurer: Die Förderung wird massiv vereinfacht und deutlich erhöht. Bisher musste man vier Prozent seines Einkommens sparen, um die Zulage von 175 Euro zu bekommen, und wenn das Einkommen sich verändert hat, dann kam es mitunter zu Rückzahlungen oder Nachzahlungen. Jetzt gibt es für die Förderung eine einzige Referenz, nämlich die Einzahlungen: Künftig erhält man konstant 30 Cent pro gesparten Euro, damit werden so maximal 1.200 Euro gefördert. Wer bis zu 1.800 Euro spart, bekommt zusätzlich 20 Cent pro gesparten Euro auf maximal 600 Euro. Die Höchstzulage steigt dementsprechend auf 480 Euro pro Jahr. Auch die Kinderzulage wird einfacher, man erhält pro Kind und pro gesparten Euro weitere 25 Cent, maximal 300 Euro pro Kind. 

Der Bundesrat kritisiert in seiner Stellungnahme, dass damit Sparer mit Kindern schlechter gestellt werden im Vergleich zum heutigen System. 

Raimond Maurer: Selbstverständlich lässt sich an einzelnen Parametern der Fördersystematik immer etwas kritisieren. Der geförderte Höchstsparbetrag von 1.800 Euro ist zu gering. Auch über eine höhere Kinderzulage kann man diskutieren. Ich bin aber strikt dagegen, von der einfachen beitragsproportionalen Förderung abzurücken. Dann wird das gesamte System nur wieder komplexer.

Die Länder plädieren auch dafür, den steuerlich absetzbaren Höchstbetrag von 1.800 auf 3.000 Euro zu erhöhen.

Raimond Maurer: Das wäre sinnvoll. Denn es berücksichtigt, dass bei der geförderten Altersvorsorge die nachgelagerte Besteuerung gilt: Wer heute spart, kann seine Einzahlungen von der Steuer absetzen, muss aber im Alter bei der Auszahlung Steuern bezahlen. Das Finanzamt prüft während der Sparphase, ob die Zulage für den Steuerzahler jeweils günstiger ist oder die Absetzbarkeit von der Steuer. Dabei profitieren von den Zulagen vor allem diejenigen, die ein eher geringes Gehalt haben, von der steuerlichen Abzugsfähigkeit Menschen mit höherem Einkommen. Bisher waren 2.100 Euro förder- oder eben steuerlich abzugsfähig. Wenn man diesen Betrag nun auf 1.800 Euro senkt, wäre das eine Verschlechterung für mittlere und höhere Einkommen oder für Alleinstehende. Dazu kommt, dass dieser Betrag seit 18 Jahren unverändert ist, eine Anpassung also längst angebracht wäre. Im Übrigen plädiere ich dafür, alle im Gesetzentwurf enthaltenen Nominalbeträge, wie den Förderhöchstbetrag, jährlich automatisch an die Inflationsrate anzupassen. Das ist auch international üblich. 


„Im internationalen Vergleich ist Deutschland mit dem hohen Fokus auf das Umlageverfahren eher in einer Sonderrolle.“
Raimond Maurer

Lässt sich mit der neuen erhöhten Förderung die Rentenlücke schließen, also die Differenz zwischen dem Nettoeinkommen während des Arbeitslebens und der Rente?

Raimond Maurer: Wenn junge Menschen früh genug anfangen, richtig – also rentabel - zu sparen, dann kann das im Alter jedenfalls helfen, die Rente substanziell aufzubessern. Beispiel: Wer 45 Jahre lang jährlich 1.800 Euro Eigenbeitrag plus 480 Euro Zulage, also insgesamt 2.280 Euro, anlegt und im Schnitt fünf Prozent Rendite pro Jahr erzielt, erreicht zum Rentenbeginn rund 365.000 Euro Kapital. Daraus lassen sich bei weiterlaufender Rendite etwa 40 Jahre lang rund 21.000 Euro pro Jahr  - etwa 1.750 Euro pro Monat - entnehmen. Doch mit welcher Anlage kann der Normalbürger fünf Prozent Rendite in der Praxis erwirtschaften? Garantieren kann das niemand. Die Chancen sind jedoch hoch, insbesondere, wenn man kostengünstig und breit gestreut in Aktienmärkte investiert, etwa über indexnahe Investmentfonds. Genau das soll künftig auch mit dem geförderten Standarddepot möglich sein. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Der Deutsche Aktienindex (DAX) hat, trotz vieler Börseneinbrüche, in allen betrachteten 45-Jahres-Zeiträumen seit 1953 eine jährliche Durchschnittsrendite von mindestens sechs Prozent erzielt – oft deutlich mehr.

Ist es mit Blick auf die nachgelagerte Besteuerung sinnvoll, ein gefördertes Produkt zu wählen anstatt einen nicht geförderten ETF zu besparen?

Raimond Maurer: Die neue Förderung ist immens. In der Regel wird es sich lohnen, diese zu nutzen. Der Nachteil dabei ist allerdings, dass man eine illiquide Anlage hat, die man sich nicht während der Laufzeit auszahlen lassen kann. Das ist auch gut so, denn das Vermögen soll zweckgebunden zur Finanzierung des Ruhestands verwendet werden. 

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Sowohl vom Bundesrat als auch von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen kommen Vorschläge zu einem öffentlich-rechtlichen Anbieter für ein kapitalgedecktes Altersvorsorgeprodukt. Was halten Sie davon?

Raimond Maurer: Das passt eigentlich nicht zum System einer freiwilligen privaten Altersvorsorge. Dort wollen wir ja Wettbewerb. Ich bin sehr zuversichtlich, dass dieser bei der reformierten privaten Altersvorsorge funktionieren wird. Da ist ein staatliches Angebot nicht nötig. 

Oftmals wird auf Schweden verwiesen, wo es genau das gibt.

Raimond Maurer: Der Vergleich ist aber nicht sachgerecht. In Schweden handelt es sich um einen Teil der gesetzlichen Altersvorsorge aus Pflichtbeiträgen, der ergänzend zum Umlageverfahren kapitalgedeckt angelegt wird. In Deutschland sprechen wir aber von einer freiwilligen privaten Vorsorge zusätzlich zur gesetzlichen Altersvorsorge. 

Andere Stimmen fordern, lieber die gesetzliche Rente zu stärken als die private Vorsorge zu stärken. Was sagen Sie dazu?

Raimond Maurer: Im internationalen Vergleich ist Deutschland mit dem hohen Fokus auf das Umlageverfahren eher in einer Sonderrolle. Wir wissen aus Studien, dass gemischte Systeme mit Umlageverfahren und privater kapitalgedeckter Vorsorge am besten sind.