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Homosexualität : Auf die Kriminalisierung folgte der Stolz

Thomas Sparr schildert in seinem Buch "Come out!", wie in der New Yorker Christopher Street die schwule Emanzipationsbewegung begann und was diese auslöste.

18.03.2026
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3 Min
Foto: picture alliance/dpa

Zwei Teilnehmer der grenzüberschreitenden "Pride" in der deutsch-polnischen Doppelstadt Frankfurt (Oder) und Slubice im September 2025.

Wer als Mann in der deutschen Nachkriegszeit Männer liebte, musste seine sexuelle Orientierung verbergen. Die junge Bundesrepublik stellte gleichgeschlechtliche Beziehungen unter rigide Bestrafung. In den 20 Jahren nach der Staatsgründung wurden mehr als 50.000 Männer verurteilt, hunderttausende Ermittlungsverfahren eingeleitet.

In den sogenannten "Sittendezernaten" arbeiteten häufig Polizisten, die schon in der NS-Zeit Jagd auf Schwule gemacht hatten. Rechtliche Grundlage war der Paragraf 175 des Strafgesetzbuches, der aus dem Kaiserreich stammte, von den Nationalsozialisten drastisch verschärft worden war und in Westdeutschland zunächst unverändert gültig blieb. Die ehemalige DDR griff immerhin auf die etwas liberale Regelung der Weimarer Republik zurück.

"Für die Homosexuellen ist das Dritte Reich noch nicht zu Ende", konstatierte 1963 der deutsch-jüdische Religionshistoriker Hans-Joachim Schoeps. Viele schwule Männer flüchteten sich selbst verleugnend in eine heterosexuelle Ehe. Erst das vereinigte Deutschland beendete die juristische Verfolgung endgültig. An die Stelle der Angst vor Kriminalisierung trat im Laufe der Jahrzehnte unter den Betroffenen Stolz. Nicht nur in Großstädten wie Köln oder Berlin, auch in der tiefsten Provinz finden inzwischen "Prides" zum Christopher Street Day statt.

Die Bar "Stonewall" wird 1969 zum Schauplatz eines Aufstands

Der Tag erinnert an eine Straße im New Yorker Szeneviertel Greenwich Village. Dort liegt die Bar "Stonewall", 1969 Schauplatz eines Aufstands von Schwulen, Lesben und Transpersonen gegen ihre Diskriminierung. Anlass waren ständige Razzien und Personenkontrollen der Polizei. Mehrere Tage lang kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen tausenden Demonstrierenden und den Ordnungskräften. Stonewall wurde in der Folgezeit zum Symbol einer weltweiten Bewegung, zum Auftakt einer Wertewandel-Revolution. Immer mehr Menschen trauten sich, ihre Homosexualität individuell und auch öffentlich zu bekennen.

Der Literaturwissenschaftler Thomas Sparr erhebt mit seinem Buch "Come out!" nicht den Anspruch, die queere Emanzipation lückenlos zu erzählen. Es sei "keine Geschichte der Homosexualität nach 1969", sondern handele von "einem historischen Moment und dessen Selbstverständnis". Er konzentriert sich auf die Ereignisse jenes Sommers und deren Folgen.


Thomas Sparr:
Come out. 
Wie der Aufstand in der Christopher Street die Welt veränderte.
C.H. Beck,
München 2026;
208 S., 24,00 €


Nicht nur in den USA, auch in Deutschland zeigten sich diese in einem zunehmend toleranteren gesellschaftlichen Klima. Der Gesetzgeber trug diesem schrittweise Rechnung. Bereits die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt reformierte den "Schwulenparagrafen" 175, 1994 erfolgte dann verspätet die vollständige Streichung. 2001 erlaubte die damalige rot-grüne Bundesregierung die eingetragene Lebenspartnerschaft für gleichgeschlechtliche Beziehungen. 2002 wurden alle Urteile aus der NS-Zeit gegen schwule Männer aufgehoben. Seit 2006 können sich Menschen auf der Basis des Antidiskriminierungsgesetzes gegen Benachteiligungen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung wehren. 2017 beschloss der Bundestag schließlich mit großer Mehrheit, auch mit Stimmen aus der CDU/CSU-Fraktion, die "Ehe für alle".

Homosexuelle und queere Orientierungen sind mittlerweile bis in konservative Kreise hinein nichts Besonderes mehr. Sie sind gesellschaftlich weitgehend akzeptiert, ihre öffentliche Wahrnehmung hat sich komplett verändert. In der Politik machte Berlins Ex-Bürgermeister Klaus Wowereit Anfang des Jahrtausends mit seinem damals mutigen Bonmot "Ich bin schwul, und das ist auch gut so" einen Aufsehen erregenden Anfang. Später wagten auch Ole von Beust, Guido Westerwelle, Barbara Hendricks, Jens Spahn oder Kevin Kühnert ihr Outing. In der Wirtschaft und in den meisten Sportarten, noch am wenigsten im Männerfußball, hat Homosexualität das Image des einst Anrüchigen weitgehend abgelegt.

Emanzipatorische Impulse aus der Kultur

Thomas Sparr verweist immer wieder auf emanzipatorische Impulse gerade aus der Kultur, auf ikonische Fotos, Bücher und Filme. In Deutschland steht dafür vor allem der kürzlich verstorbene schwule Aktivist Rosa von Praunheim. Die Ausstrahlung seiner umstrittenen Fernsehsendung "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" boykottierte 1971 der Bayerische Rundfunk. Praunheims Film wurde in die Dritten Programme verbannt, erst verspätet in der ARD ausgestrahlt.

Autoren wie Benno Gammerl und Rainer Herrn haben die vor allem von dem schwulen Protagonisten Magnus Hirschfeld geprägte Geschichte der deutschen Sexualwissenschaft in jüngerer Zeit umfassend beschrieben. Mit seinem Buch über die weltweit folgenreichen Auseinandersetzungen in der Christopher Street knüpft Thomas Sparr an diese Forschung an. "Der Nationalsozialismus endete für Homosexuelle in Deutschland 1969 in New York" lautet das Fazit des Autors. 

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