Vom Schreibtisch aufs Schlachtfeld : Die Rolle von Intellektuellen und Künstlern im Spanischen Bürgerkrieg
In "Entscheidung in Spanien" erzählt der Kulturjournalist Paul Ingendaay die Geschichte Zehntausender Freiwilliger, die sich am Spanischen Bürgerkrieg beteiligten.
Noch ein Buch über den Spanischen Bürgerkrieg? Fast 100 Jahre nach dem Ereignis? - Ja! Und zum Glück! Paul Ingendaay, langjähriger FAZ-Korrespondent in Madrid, Romanautor und Literaturwissenschaftler, hat es gewagt, der unüberschaubaren Literatur zum Thema noch ein Buch hinzuzufügen.
Eines, das man, ohne es zu wissen, bisher vermisst hatte: "Entscheidung in Spanien. Der große Kampf der Literatur 1936-1939", erschienen im März dieses Jahres, ist eine ergreifende Lektüre, inspirierend, originell und getragen von einer unfassbaren Zahl prominenter Akteure - kurzum ist es das, was man von einem Buch zur Geschichte eines Bürgerkriegs nicht zwingend erwartet: ein Pageturner.
Der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway (m.) mit dem sowjetischen Autor Ilya Ehrenburg (l.) und dem deutschen Schriftsteller Gustav Regler (r.) im April 1937 an der Front bei Guadalajara im Spanischen Bürgerkrieg.
Mit seiner Art, Menschen und Situationen in einer Mischung aus Reportage, Biographie und Erzählung lebendig zu schildern, gelingt es Ingendaay, auch komplexe kulturelle und historische Sachverhalte verständlich aufzubereiten, ohne dabei banal zu werden.
Für den Autoren geht es um Fragen nach Mut, Feigheit, Verrat und Loyalität
Das Buch lässt sich unter anderem auch als eine Antwort auf die Frage lesen, die der Autor selbst aufwirft: "Was hat der Spanische Bürgerkrieg mit uns zu tun?" Seine persönliche Antwort gibt er in einem Video seines Verlags C.H.Beck.
Ihm gehe es um Selbstreflexion, um Fragen nach Mut, Feigheit, Verrat und Loyalität, sagt Ingendaay darin und erklärt seine Faszination für Kriegsdarstellungen wie Homers "Ilias" oder Tolstois "Krieg und Frieden": Er lese sie, weil jeder Krieg ihm etwas über ihn selbst erzähle, weil jeder Krieg auch von moralischen Grenzsituationen handele, "von schwierigen Fragen, die jeder von uns beantworten sollte", so Ingendaay. "Würden wir unsere Freunde verraten? Würden wir zu ihnen stehen? Wir werden immer wieder aufgerufen, uns selbst zu imaginieren als Mitleidende dieses Krieges", sagt der 1961 in Köln geborene Autor.
Diese literarisch einfühlende, kulturhistorische Annäherung an den Spanischen Bürgerkrieg ist der große Unterschied zu den Autoren der Klassiker gewordenen Standardwerke zum Thema. Wo zum Beispiel das monumentale Referenzwerk schlechthin von Hugh Thomas eine detaillierte chronologische Gesamtdarstellung des Kriegs bietet, die militärische, politische und soziale Aspekte vereint, geht Ingendaay essayistisch vor, beleuchtet die Atmosphäre und die psychologische Ebene der Akteure, ihre Erfahrungen, ihre Schicksale. Ingendaay schreibt als Kenner der spanischen Kultur; sein Werk ist eine Einordnung für ein heutiges Publikum, das eher die Seele des Landes verstehen will und warum diese Vergangenheit in Spanien noch immer nicht vergangen ist, statt Truppenbewegungen zu studieren.
Ingendaay konzentriert sich auf die Menschen, ihre persönlichen Erfahrungen und die Besonderheiten des Spanischen Bürgerkriegs. Dazu gehört für ihn, dass er trotz eines Nichteinmischungsabkommens ein internationaler Konflikt wurde, in den ausländische Mächte massiv eingriffen: Hitler-Deutschland und Italien auf Seiten der putschenden Militärs unter General Franco - und Stalin, der die Kommunisten unterstützte. So wurde der Krieg zu einem frühen Schlachtfeld zwischen Faschismus und Kommunismus.
Ingendaay schreibt von einem "Krieg der Journalisten und Fotografen"
Zu den Besonderheiten gehört auch, dass zehntausende freiwillige Teilnehmer dieses Krieges aus 60 verschiedenen Ländern kamen. Es waren Künstler, Dichter, Emigranten, Verfolgte, Idealisten, Abenteurer, Helfer und Krankenschwestern, Reporter und Fotografen. Manchmal mit der Waffe, manchmal ohne verteidigten sie in einem fremden Land die Demokratie.
Ingendaay nennt den Krieg einen "Krieg der Journalisten und Fotografen", weil er zahllose Reporter und Bildkünstler anlockte. "Das gab es in keinem anderen Krieg", schreibt er. Ernest Hemingway war vier Mal in Spanien und schrieb für die Amerikaner Kriegsberichte. George Orwell, der aus Großbritannien kam und wissen wollte, was dort passiert, schrieb später, so Ingendaay, "wirklich ein Buch der Aufrichtigkeit".
Paul Ingendaay:
Entscheidung in Spanien.
Der große Kampf der Literatur 1936-1939
C.H. Beck,
München 2026;
352 S., 28,00 €
Arthur Köstler, der ungarische Kommunist, der auch schon vor Hitler geflohen war, saß drei Monate in einem spanischen Gefängnis und dachte jeden Abend, dass er erschossen wird, weil er jede Nacht hörte, wie andere Gefangene erschossen wurden. Robert Capa und Gerda Taro, geflohene Linke aus Paris, schufen bewegende Bilder, die seine weltweite Deutung prägten. Gerda Taro starb mit 27 Jahren in Spanien; Robert Capa schuf mit dem fallenden Soldaten die wohl berühmteste Antikriegs-Fotografie.
Für Ingendaay steht fest: "Die Leidenschaft, mit der sich die Intellektuellen für Spaniens Demokratie engagierten, verdient, in Erinnerung zu bleiben." Ein Satz, der auch als Verweis auf die unruhige Gegenwart gelesen werden darf.
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