Kurz rezensiert : Unterkomplexe Kritik an unterkomplexen "postkolonialen Mythen"
Mathias Brodkorb kritisiert die Restitution von Kulturgütern und Schieflagen in der Kolonialismus-Debatte. Überzeugen kann er damit aber nicht.
Der ehemalige Bildungs- und Finanzminister Mecklenburg-Vorpommerns, Mathias Brodkorb (SPD,) ist seit seinem Ausscheiden aus der Politik im Jahr 2019 erfolgreich als Publizist tätig. Dabei überschreitet er zuweilen Grenzen: Im September 2021 rügte der Deutsche Presserat die Zeitschrift "Cicero" für den von Brodkorb verfassten Artikel "Mein erstes Mal". Darin hatte sich der SPD-Politiker als lesbische Frau ausgegeben, um über die Veranstaltung "Lesben-Frühlings-Treffen 2021" zu berichten. Dies trug ihm eine Rüge vom Presserat ein.
Recherche in Geschichtsbüchen und ethnologischen Museen
Für sein neuestes Buch waren verdeckte Recherchen nicht erforderlich. Brodkorb wälzte Geschichtsbücher und besuchte ethnologische Museen in Deutschland, Österreich und Italien, um über "postkoloniale Mythen" aufzuklären. Zu denen zählt er etwa das unterkomplexe Täter-Opfer-Narrativ über die Sklaverei der Europäer. Es seien die Araber - nicht die Europäer - gewesen, die erstmals Sklaverei in Afrika betrieben hätten. Und Kriege hätten die Völker Afrikas auch schon lange vor der Kolonisation durch die Europäer untereinander geführt.
Mathias Brodkorb:
Postkoloniale Mythen.
Auf den Spuren eines modischen Narrativs.
Zu Klampen,
Springe 2025;
272 Seiten, 28,00 €
Abgesehen von solchen nicht falschen, aber doch relativierenden Hinweisen richtet sich Brodkorbs Kritik vor allem gegen die Entscheidung der Bundesregierung und etlicher Museen, Kulturgüter wie etwa Bronze-Statuen aus Benin zu restituieren. Viele dieser Kunstobjekte seien durchaus rechtmäßig erworben worden, meint Brodkorb. Den Museen hält er vor, sie würden nicht selten ein verfälschtes Geschichtsbild verbreiten und den Sklavenhandel afrikanischer Könige verschweigen. Auch wenn Brodkorb hier und da durchaus berechtigt sein mag, so blendet er selbst das brutale System des europäischen Kolonialismus all zu großzügig aus.
Mit der Restitutionsfrage stellt Brotkorb ein Thema ins Zentrum seiner Darstellung, das nach einer kurzen medialen Aufregung und eines weiter glimmenden Expertenstreits inzwischen weitgehend aus dem Fokus der deutschen Öffentlichkeit verschwunden ist.
Brodkorbs Buch ist sicherlich weder ein Beweis für "kulturellen Rassismus" noch ein Beleg für eine eingebildete "Überlegenheit weißer Identität". Was ihm aber fehlt, ist eine kritische Auseinandersetzung mit jenen Postkolonialismus- Theorien, deren Vertreter die fortbestehende Ungleichheit Afrikas allein auf die Kolonialherrschaft der Europäer zurückführen. Selbst wenn man Brodkorb attestieren mag, dass er eine Streitschrift gegen so manche Schieflage in der Kolonialismus-Debatte vorgelegt hat, am Ende bleibt sie selbst zu unterkomplex.