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Das Münchner Abkommen von 1938 : Das Scheitern der Appeaser

Die Historiker Christian Goeschel und Daniel Hedinger nehmen die globale Dimension des Münchner Abkommens 1938 in den Blick und fragen nach den Lehren.

05.03.2026
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3 Min

Er war davon überzeugt, nicht nur für sein Land, sondern für Europa, ja für die Welt das bestmögliche Ergebnis erzielt zu haben. Als der britische Premierminister Neville Chamberlain am 30. September 1938 von München nach London zurückkehrte, verkündete er euphorisch: "Ich glaube, es ist Frieden für unsere Zeit." Und auch die Zeitgenossen glaubten dies, jubelten ihm erleichtert zu.

Foto: picture alliance / arkivi

Großbritanniens Premierminister Neville Chamberlain und sein französischer Amtskollege Édouard Daladier neben den »Führern« Deutschlands und Italiens, Adolf Hitler und Benito Mussolini (v.l.n.r), auf der Münchner Konferenz Ende September 1938.

Der Preis, den Chamberlain und der französische Premier Édouard Daladier in den Verhandlungen mit den faschistischen Diktatoren Adolf Hitler und Benito Mussolini in der Nacht vom 29. auf den 30. September im Münchner Führerbau zahlen mussten, war allerdings hoch. Ohne Gegenwehr opferten sie die erst seit 20 Jahren bestehende Tschechoslowakei und akzeptierten die Forderung Hitlers nach einer sofortigen Abtretung des überwiegend von Deutschen bewohnten Sudetenlandes an das Deutsche Reich.

Die Diskussion über die Appeasement-Politik hat wieder Konjunktur

Fast 90 Jahre später sind die Ereignisse rund um die von Adolf Hitler im Sommer 1938 ausgelöste "Sudetenkrise" aktueller denn je. "Appeasement, München, 1938 sind drei Schlagworte, die heute wieder Konjunktur haben", schreiben die in Manchester und Leipzig lehrenden Historiker Christian Goeschel und Daniel Hedinger in ihrem Buch "München 38 - Die Welt am Scheideweg". Erneut erlebe man eine Krise der Demokratie und werde mit Diktaturen konfrontiert, "die ihren Einflussbereich aggressiv zu erweitern versuchen". Und erneut stelle sich die Frage, wie man damit umgeht.

München bleibt ein Menetekel - und eine zeitlose Chiffre für das Scheitern der Appeasement-Politik, der Konfliktbeilegung durch einseitiges Entgegenkommen, ja kampfloses Nachgeben. Im historischen Urteil gelten Chamberlain und Daladier als Schwächlinge, die von Hitler über den Tisch gezogen wurden. Denn dieser dachte nicht daran, sich an das Abkommen zu halten. Nur wenige Monate später, am 15. März 1939, marschierte die Wehrmacht in die sogenannte "Rest-Tschechei" ein und zerschlug den Staat.


Christian Goeschel, Daniel Hedinger:
München 38.
Die Welt am Scheideweg.
C.H. Beck,
München 2026,
328 S., 28,00 €


In ihrer überaus detail- wie materialreichen Studie - wovon 38 Seiten Anmerkungen und 20 Seiten Literaturverzeichnis zeugen - weiten Goeschel und Hedinger den Blick. Minutiös rekonstruieren sie die Vorgeschichte wie den Verlauf und die weitreichenden Folgen der dramatischen Tage in München. In den Verhandlungen mit Hitler, so ihre quellensatt ausgebreitete und überzeugende These, ging es nur vordergründig um das Sudetenland. Vielmehr erkannten Chamberlain und Daladier die Gefahr, die das britische und das französische Kolonialreich durch die expansive Politik der autoritären Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan bedrohte.

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So hatte Mussolini 1936 Äthiopien annektiert, während Japan schon 1931 den Nordosten Chinas erobert und den Marionettenstaat Mandschurei gegründet hatte. Durch weitere Eroberung verdrängte die Armee des Tennos die europäischen Kolonialmächte und begann, ein eigenes Kolonialreich aufzubauen. Im Nahen Osten brodelte es. Und in Indien erstarkte die Unabhängigkeitsbewegung unter Führung Gandhis und Nehrus.

Um ihre Imperien zu retten und einen globalen Flächenbrand zu verhindern, waren Chamberlain und Daladier zu weitreichenden Zugeständnissen bereit. Vor allem London setzte dabei auf die traditionelle Außenpolitik, Konflikte durch Verhandlungen zu lösen und ein Gleichgewicht der Mächte zu erhalten - in Asien gegenüber Japan ebenso wie in Europa gegenüber Italien und Deutschland. Sein Erfolg in München bestärkte Chamberlain sogar, seine Appeasement-Politik zu "globalisieren". Doch er erreichte das Gegenteil.

Die Fehleinschätzung von Hitlers Zielen und die Folgen

Das Einknicken der Westmächte ermutigte Hitler, die nächsten Schritte der Ostexpansion zu unternehmen. Japan besetzte weitere Gebiete Chinas. Und in Indien fühlten sich all jene bestätigt, die den Kolonialmächten Zynismus und Doppelmoral vorwarfen. Entsprechend bitter fällt das Fazit von Goeschel und Hedinger aus: "Appeaser wie Chamberlain verkannten, dass es Hitler eben nicht nur um eine Revision von Versailles ging, sondern um die Eroberung von Lebensraum in Osteuropa und die rassistische Neuordnung Europas." München schuf demnach nicht "Frieden für unsere Zeit", sondern beschleunigte die ideologische Radikalisierung und die territoriale Expansion in Europa und Asien.

Was folgt daraus? München stelle jede Politiker-Generation aufs Neue vor die Frage, wie sie sich entschieden hätten, so die Autoren. Auch wenn sie konstatieren, dass "die Lehren aus München etwas Wichtiges zu sagen haben", halten sie sich mit Blick auf aktuelle Konflikte wie den Ukraine-Krieg bedeckt. Es komme stets auf die Situation und die Gegenspieler an: "Mal wird die eine Antwort richtig sein, mal die andere." Was allerdings das Richtige ist, auch das lehrt München, weiß man erst hinterher.

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