Die Geschichte der amerikanischen Verfassung : Wer ist das Volk?
Die Historikerin Jill Lepore analysiert in "We the people" die Entstehung und Entwicklung der US-Verfassung und den langen Kampf um politische Teilhabe.
Mangelnde Intelligenz sei nicht der Grund, warum man Frauen das Wahlrecht vorenthalten solle. Zu diesem Schluss kamen die Bürger der Kleinstadt Beverly in Massachusetts, als sie 1778 eine Resolution an die verfassunggebende Legislative ihres Bundesstaates schickten.
Bei Frauen müsse man von einer "in nicht ausreichendem Maße erworbenen Entscheidungsfreiheit" ausgehen, hieß es in dem Text - aber eben "nicht wegen eines Mangels an geistigen Fähigkeiten", sondern aufgrund "der natürlichen Zartheit und Empfindsamkeit in ihrem Denken, ihrer zurückgezogenen Lebensweise und wegen verschiedener häuslicher Pflichten". Dies alles verhindere "insgesamt einen vielseitigen Verkehr mit der Welt, der notwendig ist, um sie zum Wählen zu befähigen".
Teilnehmerinnen des "We are America"-Marsches von Philadelphia in die Hauptstadt Washington im September 2025 halten ein Plakat mit den Eingangsworten der US-Verfassung "We the people".
In ihrem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Buch "We the people - Eine Geschichte der amerikanischen Verfassung" zitiert die Harvard-Historikerin Jill Lepore neben einer Fülle von anderen Dokumenten auch jene Erklärung des Städtchens Beverly, die nach ihren Worten die damals vorherrschende Sichtweise zum Frauenwahlrecht "hübsch zusammenfasste".
Lepore zeichnet den Kampf von Frauen, farbigen Menschen und Indigenen nach
Auf mehr als 900 Seiten - davon fast 200 als Anhang - gelingt Lepore ein großer Wurf. Allerdings ist das äußerst fakten- und detailreiche Buch trotz seiner Qualitäten vor allem Lesern zur Lektüre empfohlen, die über ein ausgeprägtes Interesse an amerikanischer Verfassungsgeschichte verfügen. Denn um den von Lepore geschilderten und oft sehr verzweigten Debatten zur Entstehung und Entwicklung der amerikanischen Verfassung in den vergangenen 250 Jahren zu folgen, ist neben Interesse für das Thema auch ein gehöriges Maß an Konzentration erforderlich.
Im Mittelpunkt von Lepores Schilderung steht der Kampf von drei gesellschaftlichen Gruppen um Gleichberechtigung: Frauen, farbigen Menschen und der indigenen Urbevölkerung. Ihrem Urteil, dass sich die US-Verfassung "mit ihrem Versäumnis, die Sklaverei abzuschaffen, die Rechte der Frauen zu erweitern und die Souveränität der indigenen Nationen anzuerkennen, über ihre eigenen Prinzipien Freiheit, Gleichheit und Republikanismus" hinweggesetzt habe, lässt sich kaum widersprechen.
Jill Lepore:
We the people.
Eine Geschichte der amerikanischen Verfassung.
C.H. Beck,
München 2026;
920 S., 48,00 €
Allerdings erweckt sie gelegentlich den Eindruck, heutige Moralmaßstäbe relativ unkritisch an die Vergangenheit anzulegen. Eindrücklich beschreibt sie wiederum, wie lange der Kampf für Gerechtigkeit oft dauerte: So war der 1865 verabschiedete 13. Zusatzartikel der Verfassung, mit dem die Sklaverei abgeschafft wurde, 57 Jahre zuvor erstmals vorgeschlagen worden. Und der 19. Zusatzartikel, mit dem Frauen 1920 das Wahlrecht erhielten, sei "erst nach einem moralischen Kreuzzug" ratifiziert worden, der sogar 72 Jahre gedauert habe.
Ausgehend von den berühmten Einleitungsworten der US-Verfassung "We the people..." (Wir, das Volk...) geht es ihr ganz zentral um die Frage, wer jeweils mit dem "Volk" gemeint war und welche politische und wirtschaftliche Teilhabe daraus folgte. Lepore beschreibt dabei keineswegs nur gelungene Versuche zur Änderung der Verfassung, sondern auch zahlreiche erfolglose Vorstöße etwa von Frauenrechtlerinnen, afroamerikanischen Vorkämpfern oder Vertretern der indigenen Bevölkerung.
Erstaunlich wenig Aufmerksamkeit widmet die Harvard-Historikerin hingegen den berühmten 85 "Federalist Papers" der drei Gründerväter Alexander Hamilton, James Madison und John Jay von 1787/88, die bis heute weithin als grundlegende theoretische Schrift der modernen, repräsentativen Demokratie gelten. Lepore schreibt den 85 Essays hingegen einen "unverhältnismäßigen Einfluss" zu, wenngleich sie einräumt, dass der Oberste Gerichtshof der USA die 85 Essays "häufiger als jede andere historische Quelle" zitiere. Auch die Prohibition, die 1919 in die US-Verfassung aufgenommen und 1933 wieder gestrichen wurde, ist für sie eher ein Randthema.
Die letzte bedeutende Verfassungsänderung geschah vor über 50 Jahren
Sehr viel intensiver beschäftigt sie sich hingegen mit der Frage, ob die 1789 in Kraft getretene Verfassung der USA öfter als bisher verändert werden solle. Überzeugend weist sie nach, dass schon die Gründerväter den Standpunkt vertraten, dass die Verfassung immer wieder "revidiert und repariert, verbessert und aktualisiert werden" müsse.
Der zu diesem Zweck eingeführte fünfte Artikel sieht allerdings ein recht kompliziertes Verfahren zur Veränderung der Verfassung vor. Lepore nennt ihn einen "schlafenden Riesen", der nur selten erwache. So geschah die letzte bedeutende Änderung der US-Verfassung vor mehr als 50 Jahren, als 1970 mit dem 26. Zusatzartikel ("amendment") das Wahlalter auf 18 Jahre herabgesetzt wurde.
Zum Abschluss ihres Buches schlägt Lepore einen Zusatzartikel zum Schutz der Umwelt vor, was allerdings unter der gegenwärtigen US-Administration nicht nur wegen des komplizierten Verfahrens illusorisch sein dürfte.
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