Glosse : Hier rülpst der Bär
Nach Plänen des Berliner Senats sollen Touristen in der Hauptstadt bald fleißig Müll sammeln: Da stinkt doch was zum Himmel.
Paris lockt mit l'amour, London mit Lässigkeit, Rom mit l'eternità. Und Berlin? Lockt mit seinem Müll. Wie der Berliner Senat diese Woche mitteilte, sollen Touristen künftig den Unrat in der Hauptstadt aufsammeln dürfen und im Gegenzug Gutscheine für Sehenswürdigkeiten erhalten. Das ist ein bisschen so, als würde man seinen Verwandtenbesuch im feuchten Schimmelkeller einquartieren. Zum Aufräumen.
Berlin: die Stadt, die nie schläft, aber riecht
Bereits der berühmte schwedische Naturforscher Carl von Linné soll ja vor mehr als 250 Jahren notiert haben, dass man Berlin bereits im Umkreis von neun Kilometern rieche. Von den in Rinnsteinen entleerten Nachttöpfen, von Schmeißfliegen, Tierkadavern und stinkenden Fischtonnen wusste Berlin-Besucher Goethe immerhin nicht zu berichten, der Herr Geheimrat bezeichnete die Berliner stattdessen höflich als "verwegeneren Menschenschlag".
Coupon gegen Müll: Künftig sollen Touristen die Hauptstadt von Müll befreien und dafür Gutscheine für Sehenswürdigkeiten erhalten.
In Singapur stempelt der Zoll heute jede einzelne Zigarette, und wer auf die Straße spuckt, zahlt dafür ein Vermögen. Der Ruf Berlins hingegen ist ein böser Kaugummi, der hartnäckig an der Stadt klebt. Wäre Berlin ein Mensch, dann wäre das der mit der Hundekacke am Schuh. Ja, es stimmt, das Genre solcher Berlin-Kritik ist alt und nicht besonders originell.
Aber wenn die Pflicht ruft, rufen wir Berliner eben zurück: "Jeh doch zurück in Dein Kaff." Berlin ist die Stadt, die nie schläft, aber riecht. Die ihren Müll aufs Pflaster stellt und mit "zu verschenken"-Zetteln tarnt. Hier rülpst der Bär. Hier stinkt's zum Himmel. Hier rudeln Elektroroller zwischen versifften Matratzen im Glasscherben-Bett. Berlin ist die Stadt, die darauf scheißt. Eine zugige Pinkelecke im märkischen Nirgendwo mit Streetfood-Straßen-Essern als apokalyptischen Reitern.
Und das alles sollen nun die Gäste richten? Woran es Berlin weiterhin mangelt, ist Geld. Das darf uns Berliner aber nicht verwundern. Es ist sich für Berlin nämlich zu schade. "Pecunia non olet" wussten schon die alten Römer: “Geld stinkt nicht.”
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