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Ortstermin Kapitalismuskritischer Kopf

Karl Marx war nie in Chemnitz und doch ist er unmittelbar mit der Stadt verbunden. Seit über 50 Jahren thront der Theoretiker in der Innenstadt.

30.12.2023
2024-02-27T13:06:48.3600Z
3 Min
Foto: picture-alliance/AP/Markus Schreiber

"Proletarier aller Länder, vereinigt Euch" steht in vier Sprachen auf der Hauswand hinter dem Karl-Marx-Monument in Chemnitz.

Ob er nun grimmig, streng oder konzentriert in die Ferne schaut, darüber lässt sich streiten. Sicher ist, dass der rund sieben Meter hohe und 40 Tonnen schwere bronzene Kopf von Karl Marx in der Chemnitzer Innenstadt in den vergangenen Jahren Zeuge so einiger geschichtsträchtiger Ereignisse geworden ist. Seit 1971 thront die zweitgrößte Porträtbüste der Welt - nur ein Lenin Monument in der russischen Stadt Ulan-Ude ist noch größer - über den vorbeilaufenden Passanten.

Zu DDR-Zeiten war der Platz rund um die Karl-Marx-Statue ein Ort für politische Feierlichkeiten und das Ziel der jährlichen Demonstrationen zum Tag der Arbeit am 1. Mai. Im Herbst 1989 fanden um die bronzene Büste dann die Montagsdemonstrationen der Oppositionsbewegung des Neuen Forums statt. Immer mittendrin - Karl Marx, einer der größten Kritiker des Kapitalismus. Hinter dem Monument prangt an der Fassade eines Plattenbaus ein Zitat aus Marx' Kommunistischem Manifest auf Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch: "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch".

1953: Umbenennung von Chemnitz in Karl-Marx-Stadt

Obwohl Marx, der führende Vertreter des wissenschaftlichen Sozialismus, selbst nie in Chemnitz war, wurde die Stadt 1953 anlässlich des vom Zentralkomitee der SED ausgerufenen Karl-Marx-Jahres zu Ehren des Theoretikers umbenannt.

Chemnitz war eine Stadt, die von Arbeit und Industrie geprägt war , sie sollte sich in der DDR zu einer sozialistischen Musterstadt entwickeln. 18 Jahre nach der Umbenennung wurde dann die übergroße Porträtbüste des Mannes enthüllt, der der Stadt ihren neuen Namen gab. Bei dem Festakt am 9. Oktober 1971 sollen mehr als 250.000 DDR-Bürgerinnen und Bürger anwesend gewesen sein. SED-Chef Erich Honecker würdigte in seiner Rede den "lebenden Marxismus auf deutschem Boden".

Ein Kopf mit vielen Namen

Von den Chemnitzerinnen und Chemnitzern wurde der Platz rund um das neue Monument fortan "Schädelstätte" genannt. Die Büste selbst erhielt den Namen "Kopp" oder "Nischel"; ein sächsischer Ausdruck für "Kopf".

Reinhard Heinrich, der in Karl-Marx-Stadt, wie er selbst sagt, "Marxismus, Leninismus und ein wenig Maschinenbau" studiert hat, ist an diesem kühlen Dezembernachmittag in seiner alten Studienstadt zu Besuch. Er erzählt, dass zu DDR-Zeiten viele Bewohnerinnen und Bewohner die Stadt weiterhin Chemnitz nannten - aus Trotz und aus Frust auf den Staat. Auch die unwürdigen Bezeichnungen "Nischel" oder "Schädelstätte" seien ein Ausdruck der Unzufriedenheit gewesen. Heute zeige sich aber, dass Marx' Thesen immer noch zuträfen. So habe der Theoretiker schon in seinem kommunistischen Manifest erklärt, dass das Kapital am Ende sei, wenn es keinen Profit mehr bringt. Geld anlegen lohne sich dann nicht mehr, sagt Heinrich. Bedenke man, dass es heute bei einigen Banken beispielsweise Negativzinsen gebe, so habe Marx in dem Punkt Recht behalten.

Historischer Name der Stadt zuückgefordert

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Während viele andere Karl-Marx-Statuen in den neuen Bundesländern nach der Wende abgerissen wurden, blieb die Büste in Chemnitz verschont. Den alten Namen ihrer Stadt wollten die Bewohnerinnen und Bewohner aber zurück. Nachdem bei einem Volksentscheid 76 Prozent der Wahlberechtigten für den historischen Namen stimmten, heißt Chemnitz seit April 1990 wieder Chemnitz.

Doch warum guckt Marx nun so grimmig? Die Informationstafel neben dem Monument spekuliert: "Vielleicht weil es nach wie vor Ungerechtigkeit, Unfreiheit und moderne Sklaverei auf der Welt gibt. Vielleicht, weil Diktaturen sich auf ihn berufen haben, andere Meinungen unterdrückten, unliebsame Menschen verhafteten und Lebenswege zerstörten."