Altersgrenze für Social Media? : Worum es in der Debatte um ein Social-Media-Verbot geht
Kann eine Altersgrenze für mehr Schutz vor den schwersten Nebenwirkungen sozialer Medien sorgen? Ein Überblick zum Stand der Diskussion in Deutschland und Europa.
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Die Diskussion über ein mögliches Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche in Deutschland ist wieder aufgeflammt: Nachdem die SPD-Fraktion Anfang der Woche ein Impulspapier für ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren veröffentlichte, das auf ein Stufenmodell setzt, bekundete neben führenden Unionspolitkern auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) Sympathie für entsprechende Vorschläge. Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) steht Altersbeschränkungen ebenfalls positiv gegenüber, wie er am Rande des KI-Gipfels in Indien sagte.
Die Union will bei ihrem am Wochenende anstehenden Bundesparteitag über das Thema beraten. Ein Regierungssprecher kündigte am Montag an, dass erst nach dem Sommer über das Thema entschieden werden soll. Dann soll auch die im Herbst 2025 im Familienministerium eingesetzte Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt" ihre Empfehlungen vorgelegt haben.
Gleichzeitig wächst die Kritik an den Plänen. So bestehen unter anderem Zweifel an der juristischen und technischen Umsetzbarkeit der vorgeschlagenen Altersverifikation. Zudem wird infrage gestellt, ob ein striktes Mindestalter ein geeignetes Mittel im Umgang mit den kritisch beäugten Mechanismen von TikTok, Instagram oder YouTube ist, etwa Nutzer-Tracking, algorithmische Manipulation sowie suchtfördernde Funktionen wie Autoplay und Endlos-Scrollen.
Konflikt mit EU-Recht? Europarecht hat Vorrang vor nationalem Recht
Anstoß für die Debatte waren Regelungen für eine Altersbeschränkung, die das australische Parlament Ende 2024 als erstes Land weltweit beschlossen hatte. Seitdem prüfen eine Reihe europäischer Länder und auch die EU-Kommission die Möglichkeiten für ein Verbot. Ob eine gesamteuropäische Lösung auf den Weg gebracht werden soll, soll ebenfalls bis zum Sommer entschieden werden, sagte EU-Digitalkommissarin Henna Virkkunen kürzlich der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.
Das ist kein unwichtiges Detail, denn es gibt einige Hürden bei der Frage, ob die EU-Mitgliedsstaaten überhaupt ein tatsächlich anwendbares Social-Media-Verbot für Minderjährige einführen können. Schließlich gilt der europäische Digital Services Act (DSA), wie der Medienrechtler Stephan Dreyer auf Netzpolitik.org erklärte: Als unmittelbar geltender, vollharmonisierender Rechtsakt existierten keine Spielräume für die Mitgliedstaaten, nationale Vorschriften zu erlassen, die die gleichen Ziele wie der DSA verfolgten. Selbst wenn sich nationale Regierungen also auf entsprechende Gesetze einigten, bedeute dies nicht, dass diese auch anwendbar wären.
Ausgangspunkt Australien: Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige seit Ende 2025
Als Pionier hat Australien am 10. Dezember 2025 ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt. Den „Online Safety Amendment Bill 2024“ nahm das australische Repräsentantenhaus im November 2024 mit großer Mehrheit an und auch im Senat bekam er eine Mehrheit. Die Tech-Unternehmen, darunter TikTok, Snapchat, YouTube, Facebook, Instagram, Threads, X (vormals: Twitter), Twitch, Reddit und Kick hatten knapp ein Jahr Zeit, um datenschutzkonforme Alterskontrollen zu implementieren. Das Gesetz machte keine technischen Vorgaben, sieht aber im Falle der Nicht-Umsetzung empfindliche Geldstrafen im zweistelligen Millionenbereich vor. Wie die Unternehmen das Alter überprüfen, etwa über die Auswertung von Nutzerdaten oder hochgeladene Fotos, bleibt ihnen überlassen.
Die australische Regierung zog im Januar eine erste positive Bilanz: Mehr als 4,7 Millionen Konten von Nutzerinnen und Nutzern seien deaktiviert worden, hieß es. Australische Lehrkräfte berichten jedoch aus der Praxis, dass viele Jugendliche die neuen Regelungen kreativ umgehen und sich am Nutzungsverhalten der Jugendlichen wenig verändert habe.
EU-Länder wollen nicht warten: Frankreich legt Gesetzesinitiative vor
Auch in der EU streben mehrere Staaten Regelungen wie in Australien an. So hat die dänische Regierung im November angekündigt, ein Mindestalter von 15 Jahren einführen zu wollen. In Spanien, Tschechien, Norwegen, Griechenland und den Niederlanden wird ebenfalls über ein Verbot und die Altersgrenze 15 oder 16 Jahre debattiert. Die spanische Regierung arbeitet zudem an einem digitalen Gesichtserkennungs-Tool, mit dem Alter und Identität von Internetnutzern überprüft werden sollen.
In Großbritannien stimmte das Oberhaus im Januar bereits für ein Social-Media-Verbot für Personen unter 16 Jahren. Die Initiative, die mit 261 zu 150 Stimmen angenommen wurde, muss nun noch durch das von der Regierungspartei Labour dominierte Unterhaus. Ende Januar brachte auch das französische Parlament eine Gesetzesinitiative für ein Social-Media-Verbot für Nutzerinnen und Nutzer unter 15 Jahren auf den Weg, über die noch im Senat abgestimmt werden muss. Dem Gesetzentwurf stimmte die Nationalversammlung mit großer Mehrheit von 130 zu 21 Stimmen zu. Wie eine Altersprüfung technisch umgesetzt werden soll, ist allerdings noch nicht klar.
Über welches Modell in Deutschland diskutiert wird
Bereits im vergangenen Jahr hatten sich einige Politiker, etwa Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) oder Familienministerin Karin Prien (CDU), für eine Altersgrenze von 16 Jahren ausgesprochen. Darauf drängte auch eine entsprechende Petition für ein gesetzliches Mindestalter von 16 Jahren, die im Herbst 2025 im Bundestag debattiert wurde. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hatte zudem im August ein Diskussionspapier mit Maßnahmen zum unmittelbaren Schutz von Kindern und Jugendlichen als besonders verletzliche Zielgruppe veröffentlicht.
Während die Union einem Verbot offener gegenüberstand, waren die Sozialdemokraten bislang tendenziell eher dagegen. Mit dem Anfang der Woche von der SPD veröffentlichen Impulspapier für ein striktes Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren ändert sich dies nun: Darin spricht sich die Partei – im Unterschied zur australischen Regelung – für ein Stufenmodell mit drei Altersgruppen aus. Für unter 14-Jährige soll Social Media danach komplett verboten sein. Die Anbieter müssten den Zugang dann „technisch wirksam unterbinden“, bei Verstößen soll es Sanktionen geben.
Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren könnten die Plattformen demnach in einer eingeschränkten „Jugendversion“ nutzen. In dieser sollen suchtfördernde Designs und algorithmische Feeds keine Chance haben – die Zustimmung der Erziehungsberechtigten vorausgesetzt. Für Jugendliche über 16 Jahren könnte es ein Opt-in-Angebot zur Empfehlung von Inhalten geben, das heißt, dass diese Funktion nur auf ausdrücklichen Wunsch aktiviert würde.
Kritiker rütteln am Kern der Debatte: Geschäftsmodelle blieben unangetastet
Überprüft werden soll das Alter den Plänen zufolge über eine europäische digitale Brieftasche, die European Digital Identity Wallet (EUDI-Wallet), in der Dokumente wie Personalausweis oder Führerschein hinterlegt werden können. Minderjährige sollen sich demnach über die Wallet ihrer Erziehungsberechtigten verifizieren. Bislang befindet sich die Brieftasche jedoch noch in der Umsetzung, ihr Start ist in Deutschland für Anfang 2027 vorgesehen.
Aus Teilen der Opposition, der Wissenschaft und der Zivilgesellschaft wird seit Bekanntwerden des Vorschlags vor allem daran Kritik geübt, dass Soziale Medien entscheidender Teil des Alltags und Ausdrucksraums junger Menschen sind und ihnen durch ein Verbot diese Teilhabe- und Kommunikationsmöglichkeiten genommen würden. Gleichzeitig werde ein frühes Erlernen der sicheren und kritischen Nutzung digitaler Räume verhindert und die Geschäftsmodelle der großen Plattformen blieben unangetastet, so die Kritik.
Studien sind bislang zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen, ob die Risiken oder die Chancen der Nutzung überwiegen. Allerdings legen die Zahlen nahe, dass es eine problematisch Mediennutzung gibt – nicht nur bezogen auf den zeitlichen Umfang, sondern auch auf die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.
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