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Foto: Tom Schimmeck
Mit dem feierlichen Aufstellungsappell wurde die Panzerbrigade 45 am 22. Mai 2025 in Vilnius formal in Dienst gestellt.

Brigade in Litauen : "Wir wissen morgens nicht, wann und wie dieser Tag endet"

Der Aufbau der neuen deutschen Panzerbrigade 45 in Litauen geht zügig voran. Bis 2027 soll sie "kriegstüchtig" sein. Ein Besuch vor Ort.

27.08.2025
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5 Min

Die Fahrt geht durch litauische Dörfer mit pittoresken Holzhäusern, weiter durch beschauliche Wälder, bis immer mehr Baufahrzeuge auftauchen - schweres Gerät, das mächtig Staub aufwirbelt. Hinter dem Örtchen Rudninkai, etwa 35 Kilometer von der Hauptstadt Vilnius entfernt, werden neue Betontrassen durch den Wald gefräst. Berge von Baumstämmen stapeln sich auf neuen Lichtungen. 

Wenige Kilometer von der Grenze zu Belarus entfernt entsteht die "Stadt im Wald", wie Orijana Masale sie nennt. Die Vizeministerin für Verteidigung ist für die Infrastruktur der deutschen Brigade in Litauen zuständig. Und gut beschäftigt. "Es ist das größte militärische Infrastrukturprojekt in der Geschichte Litauens", sagt sie, "und kostet uns etwa 2,3 Milliarden Euro." Schon im kommenden Jahr sollen Teile der Panzerbrigade 45 der Bundeswehr hier einrücken. 

Die Panzerbrigade 45 ist der erste dauerhaft in einem anderen Land stationierte Großverband

Der Weg zu ihrem Kommandeur Christoph Huber führt über einen gläsernen, fast lautlos schwebenden Fahrstuhl. Der Brigadegeneral verströmt Optimismus, schwärmt von seinem "tollen Team" und der engen Zusammenarbeit mit den "litauischen Freunden". Huber, ein Panzergrenadier von der Schwäbischen Alb, sitzt mit seinem Vorauskommando an einem für Militärs ungewöhnlichen Ort: In der 7. Etage eines topmodernen Bürobaus im Zentrum von Vilnius, zwischen Tech-Firmen und Startups.

Foto: Tom Schimmeck

Bei Militärpfarrer Bernd Rosner in Rukla gibt es Kaffee, Kekse und ein offenes Ohr.

Huber weiß, dass er Geschichte schreibt. Seine Brigade ist der erste Großverband in 70 Jahren Bundeswehr, der dauerhaft in einem anderen Land stationiert wird - mit an die 5.000 Soldatinnen und Soldaten, die sich für drei Jahre und mehr verpflichten und hier leben werden, manche mit Familie. "Wir werden gebraucht", sagt der Kommandeur. Das Bedrohungsgefühl der Litauer sei seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 deutlich gewachsen.

Litauen, das südlichste der drei Länder des Baltikums, ist etwas kleiner als Österreich und hat weniger Einwohner als Schleswig-Holstein. Strategisch aber liegt es im Zentrum denkbarer Bedrohungsszenarien. Im Osten grenzt Litauen an Belarus, im Südosten an die russische Enklave Kaliningrad. Dazwischen liegt die nur etwa 65 Kilometer breite Südgrenze zu Polen, unter Generälen als "Suwalki-Korridor" bekannt, nach einem Städtchen auf der polnischen Seite. Ein neuralgischer Punkt an der viele tausend Kilometer langen Ostgrenze der Nato. Würde er abgeriegelt, wäre der Landweg von Zentraleuropa Richtung Baltikum blockiert. Litauen war 1990 die erste Sowjetrepublik, die ihre Unabhängigkeit erklärte. Russlands Präsident Wladimir Putin, der von der Restauration des sowjetischen Imperiums träumt, dürfte sich daran erinnern.

Litauische Bevölkerung feiert die deutschen Soldaten

Wenn Huber in seiner Uniform mit deutschem Hoheitsabzeichen über die König-Mindaugas-Brücke Richtung Innenstadt spaziert, um etwa litauische Ministerien zu besuchen, so erzählt er, "ist es mir mehr als einmal passiert, dass ich an der Ampel stehe, warte und litauische Passanten sich zu mir umdrehen und 'Aciu', also Danke auf Litauisch, sagen." Und das widerfahre nicht nur ihm, sondern vielen Soldatinnen und Soldaten mit Schwarz-Rot-Gold am Ärmel. 

Im Mai, beim feierlichen Aufstellungsappell der Brigade auf dem Kathedralenplatz von Vilnius, kletterten ganze Familien neugierig durch ausgestellte deutsche Panzer. Junge Männer maßen ihre Kräfte beim Heben schwerer Munition. Zu den feierlichen Ansprachen schwenkten Litauer deutsche Fähnchen.


Christoph Huber im Portrait
Foto: picture alliance/dpa
„Wir werden gebraucht. Das Bedrohungsgefühl der Litauer ist seit dem russischen Angriff auf die Ukraine deutlich gewachsen.“
Kommandant Christoph Huber

Nachdem die russische Annexion der Krim 2014 Europas Sicherheitsarchitektur durcheinandergewirbelt hatte, kam Christoph Huber Anfang 2017 erstmals nach Litauen, als Kommandeur der neuen, von der Bundeswehr geführten Enhanced Forward Presence Battle Group der Nato. Eine von acht neuen Kampftruppen der "verstärkten Vorwärtsverteidigung" von Estland bis Bulgarien, mit der das Bündnis 2016 (an der Nordost-Flanke) und 2022 (an der Südostflanke) auf den sich ausweitenden Krieg Russlands gegen die Ukraine reagierte. Die Kampftruppe in Litauen wird seither von der Bundeswehr geführt, mit einigen hundert Soldatinnen und Soldaten aus Belgien, Tschechien, Luxemburg, den Niederlanden und Norwegen. Zusätzlich sind etwa 500 Soldatinnen und Soldaten eines Panzer-Bataillons der US Army in Litauen präsent.

Die näher rückende Möglichkeit eines Krieges beschäftigt die Truppe

Die Battle Group ist in Rukla stationiert, einem Städtchen knapp hundert Kilometer von Vilnius entfernt, in dem es viel Militär und wenige Zivilisten gibt. Litauen sei ein freundliches Land, erzählt Militärpfarrer Bernd Rosner, der dort im Frühjahr 2025 Dienst tut. "Es ist nicht Afghanistan, nicht Mali und auch nicht die Beklemmung auf irgendeinem Schiff."

Vor der "Little Church", einer Baracke auf dem großen Kasernengelände, läutet der Pfarrer die Glocke. Seine Predigt macht die Ungewissheit zum Thema: "Wir wissen morgens, wenn wir aufstehen, nicht, wo dieser Tag wann und wie für uns endet, egal wie getaktet der Plan ist." Nach dem Gottesdienst sitzt er mit Soldatinnen und Soldaten auf der alten Couchgarnitur beisammen. "Das ist halt der Charme eines Pfarrers", meint Rosner: "Dass er der Einzige mit echter Schweigepflicht ist." Zu dem jeder kommen könne. "Du kannst auch sagen: 'Pfarrer, mich kotzt gerade alles an. Hast Du einen Kaffee und einen Keks?' Und dann gibt es das." Bedarf besteht. Der immer härtere Takt der Übungen sei überall Thema, meint der Geistliche, das Bedrohungsgefühl, die näher rückende Möglichkeit eines Krieges.

Foto: Tom Schimmeck

Litauens Vize-Verteidigungsministerin Orijana Mašalė ist zuständig für die notwendigen Baumaßnahmen.

Ansonsten wird geübt, geübt, geübt. Im Mai 2025 absolvierten rund 8.000 Soldatinnen und Soldaten aus Litauen und diversen Nato-Staaten Manöver mit klingenden Namen wie Iron Wolf, Swift Response, Strong Shield und Thunder Fortress. US-amerikanische Fallschirmjäger sprangen vom Himmel, deutsche Heeresflieger sausten im Tiefflug über Wald und Flur, norwegische Panzer gingen gut getarnt in Stellung. Auf dem Truppenübungsplatz Gaiziunai, unweit von Rukla, wurde Prominenz aus Politik und Militär, platziert unter einem mit Tarnnetzen geschmückten Zeltdach, eine Panzerschlacht geboten. Der deutsche Leopard 2 spielte eine Schlüsselrolle. Litauen hat 44 Stück bestellt.

Ganze Bataillone werden geschlossen ins Baltikum verlegt

Die Panzerbrigade 45 soll Ende 2027 voll einsatzfähig sein - "als kriegstüchtige, schwere Brigade des deutschen Heeres", wie Kommandeur Huber erklärt. Das Panzergrenadierbataillon 122 aus dem bayerischen Oberviechtach und das Panzerbataillon 203 aus Augustdorf/Nordrhein-Westfalen werden, wie die Bundeswehr mitteilt, "geschlossen und dauerhaft nach Litauen verlegt". Die multinationale, aber überwiegend aus Bundeswehr-Angehörigen bestehende Battle Group, die das dritte Bataillon bilden wird, soll weiter rotieren.

Anfang 2025 hat der Bundestag den Weg für eine bessere Bezahlung freigemacht. Der Auslandsverwendungszuschlag beträgt derzeit 93 Euro pro Tag - steuerfrei. Außerdem können Zuschüsse zur Miete und für Kinder und Partner, die nach Litauen mitkommen, beantragt werden; unter Umständen auch zur Altersvorsorge des Partners oder der Partnerin. Bei der Brigade Litauen verdient man etwa 1.400 bis 4.000 Euro mehr als entsprechende Dienstgrade in Deutschland. Schon seit Sommer 2024 läuft die Personalauswahl. Freiwilligkeit soll Vorrang haben. Das Interesse unter den Soldaten, heißt es bei den Verantwortlichen, sei sehr groß.

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Litauen drückt derweil enorm aufs Tempo, baut allein für die deutsche Brigade etwa 400 neue Objekte - nicht nur Schießplätze, auch Spielplätze, Kindergärten, Schulen. Das Unternehmen Eika, für die erste Bauphase in Rudninkai, der "Stadt im Wald" verantwortlich, erklärte Anfang Juli, man werde wohl sechs Monate früher fertig werden.

Vize-Verteidigungsministerin Masale arbeitet "Tag und Nacht daran", auch die weiteren Schritte zu beschleunigen. "Mein Präsident hat mir mal gesagt: 'Wir wollen, dass sich die deutschen Soldaten hier besser fühlen als Zuhause'", berichtet sie. “Das ist unser Anspruch.”

Der Autor ist freier Journalist und lebt in der Nähe von Hamburg.