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Vize-Generalinspekteurin Schilling : "Wir brauchen mehr Frauen bei der Bundeswehr"

Nicole Schilling ist die erste Frau im Amt der Vize-Generalinspekteurin der Bundeswehr. Ein Gespräch über weibliche Vorbilder und eine Wehrpflicht für Frauen.

27.08.2025
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6 Min

Frau Schilling, als Sie 1993 mit 19 Jahren als Offizieranwärterin bei der Bundeswehr angefangen haben, war der Kalte Krieg gerade zu Ende und die Zukunft der deutschen Streitkräfte völlig unklar. Mit welcher Motivation haben Sie damals ausgerechnet eine militärische Laufbahn eingeschlagen?

Nicole Schilling: Als Soldatenkind habe ich die Bundeswehr im Kalten Krieg zumindest mittelbar miterlebt. Als dann diese Umbruchsphase kam und diskutiert wurde, ob und wofür die Bundesrepublik noch Streitkräfte braucht, war mir schnell klar, dass Verteidigungsfähigkeit weiterhin wichtig sein würde. Wer als Akteur auf der Weltbühne ernst genommen werden möchte, braucht starke Streitkräfte. Dazu kam meine Überzeugung, dass es die Bundeswehr und die Solidarität im Nato-Bündnis waren, die im Kalten Krieg unser Überleben gesichert haben. Ich habe daher immer einen Sinn in dieser Arbeit gesehen, in der Vergangenheit und in der Zukunft.

Foto: picture alliance / Jörg Carstensen
Generaloberstabsarzt Nicole Schilling
ist die ranghöchste Soldatin der Bundeswehr. Seit dem 4. August 2025 ist sie die neue Stellvertreterin des Generalinspekteurs Carsten Breuer und damit die erste Frau in diesem Amt. Zuletzt war die promovierte Ärztin und Sanitätsoffizierin der Luftwaffe Leiterin der Abteilung Einsatzbereitschaft und Unterstützung der Streitkräfte im Bundesverteidigungsministerium. Im neuen Amt will Schilling ihren Schwerpunkt auf die Bereiche Personalgewinnung und Stärkung der Reserve legen.
Foto: picture alliance / Jörg Carstensen

Frauen gab es in den 1990er Jahren weniger als ein Prozent in der Truppe. Wie haben Sie das damals als junge Soldatin erlebt?

Nicole Schilling: Das war für mich eigentlich kein Thema. Ich habe ja im Sanitätsdienst begonnen, mein Offiziersjahrgang bestand damals schon zur Hälfte aus Frauen. Aber klar, die Wehrdienstleistenden, mit denen wir die Grundausbildung absolviert haben, waren schon ziemlich erstaunt. Eine Kameradin hat mir auch mal erzählt, dass ein Wachmann sie am Wochenende nicht in die Kaserne lassen wollte. Er war der Meinung, bei der Bundeswehr gebe es keine Frauen.

Inzwischen sind Sie die ranghöchste Soldatin der Truppe und seit Anfang August auch Stellvertreterin des Generalinspekteurs. Für eine Frau immer noch eine sehr ungewöhnliche Karriere bei der Bundeswehr, oder? 

Nicole Schilling: Das ist so, ja. Als ich Ende der 2000er Jahre in die Generalstabsausbildung gegangen bin, war ich auf einmal eine von ganz wenigen Frauen. Meine Kameraden als Kompaniechefs hatten damals zwar schon mit Soldatinnen in verschiedenen Truppengattungen zu tun, aber in den Führungsetagen und einigen Verwendungsreihen gab und gibt es bis heute noch nicht genug Frauen. Das ist ein Thema, an dem wir arbeiten.

Bisher mit mäßigem Erfolg: Obwohl Soldatinnen seit 2001 alle Laufbahnen offenstehen, ist ihr Anteil auf nur 13 Prozent gestiegen, die meisten von ihnen arbeiten noch immer im Sanitätsdienst. Die Bundesregierung will 20 Prozent erreichen - was steht dem im Weg? 

Nicole Schilling: Tatsächlich verzeichnen wir aktuell mehr Bewerberinnen und stellen auch mehr Frauen ein. Und die machen auch ihren Weg bei uns. Aber bestimmte Aufgabengebiete, etwa bei den Spezialkräften, werden von Soldatinnen weiterhin kaum nachgefragt. Deshalb wollen wir die Frauen, die schon in den verschiedenen Truppengattungen tätig sind, sichtbarer machen und Interessentinnen stärker über Einsatzbereiche und Entwicklungsmöglichkeiten informieren. Grundsätzlich gilt, dass eine gut trainierte Frau in der Bundeswehr jede Aufgabe übernehmen kann, auch in der Kampftruppe. Und wir brauchen mehr Frauen, denn gemischte Teams verbessern das Gesamtergebnis. Das gilt bei der Bundeswehr wie in anderen Bereichen auch - und zwar im Grundbetrieb wie im Einsatz.


„Viele Soldaten wollen nicht mehr quer durch die Republik zur Kaserne reisen.“
Nicole Schilling

Die neuen Nato-Ziele erfordern vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges insgesamt einen massiven Personalaufwuchs. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) spricht von mindestens 60.000 aktiven Soldaten und Soldatinnen zusätzlich, bisher sind es etwas mehr als 181.000. Wie soll das gelingen?

Nicole Schilling: Indem wir die Rahmenbedingungen für den Dienst noch attraktiver gestalten. Da geht es zum Beispiel um finanzielle Anreize, aber auch um die Vereinbarkeit von Dienst und Familie auch während Ausbildung und Übungen, was längst auch für viele Männer ein bedeutendes Thema ist. Wir bieten daher schon an vielen Standorten Kinderbetreuungsmöglichkeiten an. Aber die neue geopolitische Situation stellt uns vor neue Herausforderungen. In der Vergangenheit wurden Einsätze im Ausland lange im Voraus geplant und waren zeitlich limitiert. Die Familien konnten sich früh darauf einstellen. Jetzt erfordert die Bedrohungslage, dass wir unsere Streitkräfte jederzeit einsatzbereit halten und ihre kurzfristige Verlegefähigkeit sicherstellen müssen. Das sind, so ehrlich muss man sein, Rahmenbedingungen, die nicht für jeden und jede in Frage kommen.

Pistorius setzt auf einen "Neuen Wehrdienst", der aber weiterhin auf Freiwilligkeit basiert und einen höheren Sold vorsieht. Allerdings erhalten Wehrdienstleistende schon heute deutlich mehr Geld als etwa Auszubildende im Handwerk. Glauben Sie wirklich, dadurch mehr junge Leute gewinnen zu können?

Nicole Schilling: Wir müssen viele Dinge gleichzeitig tun. Für die junge Generation ist neben der Bezahlung auch das Thema Regionalität von großer Bedeutung. Viele Soldaten wollen nicht mehr quer durch die Republik zur Kaserne reisen, sondern in der Nähe ihres Wohnortes lernen und arbeiten. Auch dafür müssen wir mehr Angebote machen. Insgesamt würde ich sagen, dass es angesichts des Ukraine-Krieges einfacher geworden ist, junge Menschen von der Wichtigkeit des Wehrdienstes zu überzeugen. Die Zahl der Bewerbungen hat deutlich zugenommen.

Für die Reserve gibt es sogar mehr Bewerbungen als Plätze. Allerdings häufen sich Beschwerden, dass Anträge monatelang nicht bearbeitet werden. Was läuft da schief?

Nicole Schilling: Der Aufbau der Reserve ist kein leichtes Unterfangen. Wir mussten die Strukturen, die nach Ende des Kalten Krieges abgebaut wurden, erst wieder schaffen. Dieser Prozess ist weitgehend abgeschlossen. Dazu kommt, dass unsere Soldatinnen und Soldaten umfassend ausgebildet sein müssen. Wer also direkt nach dem aktiven Dienst als Reservist mit frischem Wissen weitermachen will, für den finden wir aktuell auch eine Stelle. Für alle anderen erarbeiten wir gerade neue Konzepte, auch für deren Ausbildung.


„Tatsache ist, dass wir noch lange nicht da sind, wo wir mit der Bundeswehr hinmüssen.“
Nicole Schilling

Im Gesetzentwurf zum Neuen Wehrdienst ist auch eine Dienstpflicht vorgesehen. Sie soll greifen, wenn der Aufwuchs der Streitkräfte "zwingend erforderlich", aber auf freiwilliger Basis nicht zu erreichen ist. Was meinen Sie, sollten dann auch Frauen zum Wehrdienst verpflichtet werden?

Nicole Schilling: Aus militärischer und meiner ganz persönlichen Sicht wäre auch das ein denkbarer Ansatz. In Ländern wie Israel, Norwegen und Schweden gibt es bereits eine Wehrpflicht für Frauen, in Dänemark wird sie 2026 eingeführt. Abgesehen davon, dass dafür das Grundgesetz geändert werden müsste, wüsste ich nicht, warum das bei uns nicht auch funktionieren sollte. Momentan sehe ich aber nicht, dass sich die politische Diskussion in diese Richtung entwickelt.

Die Bundeswehr bildet ukrainische Soldaten in Deutschland aus, um sie im Kampf gegen Russland zu unterstützen. Was kann die Bundeswehr ihrerseits vom Krieg in der Ukraine lernen?

Nicole Schilling: Wir analysieren diesen Krieg sehr intensiv und lernen nicht nur von den Erfahrungen der ukrainischen Soldaten, sondern auch viel über den Einsatz neuer Waffensysteme, insbesondere von bewaffneten Drohnen. Da gibt es fundamentale Veränderungen. Wie können wir uns darauf vorbereiten? Wie muss ein Gefechtsstand aufgestellt, abgesichert und geschützt werden, um gegen einen Drohnenangriff gewappnet zu sein? Unsere Erkenntnisse berücksichtigen wir bereits auf allen Ebenen. Die Drohnenabwehr ist bei der Bundeswehr inzwischen Teil jeder Ausbildung.

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Sie sind Ärztin, waren schon in Afghanistan und Bosnien im Einsatz. Wie gut ist der Sanitätsdienst auf eine Konfrontation mit Russland und eine möglicherweise hohe Zahl an verwundeten Soldaten vorbereitet?

Nicole Schilling: Nicht ausreichend. Da geht es um die Versorgung mit Blutprodukten und bestimmten Medikamenten und die Frage, in welchen Größenordnungen wir was brauchen. Wir müssen klären, wo die Arzneimittel hergestellt und gelagert werden und wie Verletzte schnell und effizient zur am besten geeigneten Behandlungseinrichtung transportiert und dort versorgt werden. Das sind alles andere als triviale Themen, deswegen wird im Gesundheitsministerium gerade ein "Gesundheitssicherstellungsgesetz" erarbeitet. Unsere Infrastruktur muss insgesamt angepasst werden, auch die von Straßen, Brücken, Schienen. Denn unsere Rolle wäre inzwischen eine andere als im Kalten Krieg. Damals wären wir das Gefechtsfeld gewesen, heute hätten wir es aufgrund unserer Lage mit Truppenaufmärschen und -bewegungen zu tun.

Pistorius fordert, Deutschland müsse "kriegstüchtig" werden. Um diese Formulierung gab es viel Aufregung. Was halten Sie davon?

Nicole Schilling: Ich sehe den Begriff positiv. Denn die Botschaft ist: Wir müssen uns auf einen Krieg vorbereiten, um ihn zu verhindern. Und die Gefahr wird ja nicht kleiner, nur weil wir sie ausblenden oder weniger klar benennen. Tatsache ist, dass wir noch lange nicht da sind, wo wir mit der Bundeswehr hinmüssen. Damit setze ich mich lieber aktiv auseinander. Je besser unsere Streitkräfte aufgestellt, ausgebildet und ausgerüstet sind, desto besser werden potenzielle Aggressoren abgeschreckt, unser Bündnis anzugreifen.