Piwik Webtracking Image

Foto: picture alliance / PHOTOPQR/VOIX DU NORD/MAXPPP
Chatbots wie ChatGPT sind das nächste große Ding in der Künstlichen Intelligenz. Auch in Schulen wird über ihren Einsatz intensiv diskutiert.

Chance statt Verbot Wie ChatGPT den Schulalltag verändert

In einer Bremer Schule hat der Chatbot bereits Einzug in den Unterricht gehalten. Die Technologie dürfte Einfluss auf Prüfungen, Hausaufgaben und Co. nehmen.

02.05.2023
2024-01-13T22:20:06.3600Z
5 Min

Habt ihr ChatGPT schon dazu befragt?", erkundigt sich Deutschlehrerin Claudia Potthoff bei ihrem Kurs. Auf dem Unterrichtsplan stehen heute die Begriffe Heimat und Zuhause. Die Schülerinnen und Schüler ihrer 12. Klasse an der Oberschule Findorff in Bremen blicken kurz auf, einige nicken, andere tippen auf ihren Tablets rum oder unterhalten sich in Kleingruppen über die Antworten des Chatbots.

Im November 2022 hat das US-Start-up OpenAI sein text-generierendes Sprachmodell ChatGPT der Öffentlichkeit präsentiert: Ein Chatbot, der präzise auf Anfragen antwortet, mit seinen Nutzern menschenähnlich kommuniziert und Texte jeglicher Art schreiben kann. Seitdem sorgt die Anwendung für viel Furore und hat die Frage aufgeworfen, wie mit dieser Entwicklung umzugehen ist - auch in Schulen und Unis.

Chatbots wie ChatGPT sollen weitere Denkanstöße liefern

Potthoff lässt ihre Schülerinnen und Schüler im Unterricht regelmäßig mit der Anwendung experimentieren. Es ist ihr jedoch wichtig, dass die Jugendlichen die Aufgaben zuerst selbst bearbeiten, bevor sie zum Vergleich und für weitere Denkanstöße auf den Chatbot zurückgreifen. Für den richtigen Umgang damit verteilt sie Zettel mit Hinweisen, durch welche Eingaben, sogenannte Prompts, die Gruppen gute Ergebnisse erhalten können.

Mehr zum Thema

Mehr zum Thema "Diese menschlichen Fähigkeiten bleiben weiterhin unverzichtbar"
Interview mit der Künstlichen Intelligenz: "Diese menschlichen Fähigkeiten bleiben weiterhin unverzichtbar"

Mit ihrer kritischen Haltung scheint die Klasse kein Einzelfall zu sein. Im Zuge seiner Recherchen zu ChatGPT hat Wissenschaftler Steffen Albrecht vom Büro für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestags von einigen Lehrkräften gehört, die ähnliches schilderten.

Diese Erfahrungen stehen im starken Kontrast zu der Sorge, dass Jugendliche künftig Schulaufgaben einfach von dem Chatbot erledigen lassen würden. Medienberichte darüber, dass ChatGPT bereits Prüfungen renommierter amerikanischer Universitäten bestanden habe, verstärkten solche Befürchtungen.

Das deutsche Bildungssystem steht vor Herausforderungen

Laut Albrecht kritisieren viele Lehrkräfte, dass Schülerinnen und Schülern unterstellt werde, ChatGPT ausschließlich mit "betrügerischen Absichten" zu nutzen. Gemeinsam mit seinem Team forscht er unter anderem zu der Frage, vor welchen Herausforderungen das deutsche Bildungssystem durch KI-Anwendungen steht.

Einen Bereich, den KI-Anwendungen wie ChatGPT verändern werden, ist die Prüfungskultur. Statt dem reinen Ergebnis sollte künftig der Arbeitsprozess bei der Bewertung im Vordergrund stehen, sagt Albrecht. Auch über Hausaufgaben müsse gesprochen werden.

Die Lösung könnte ein stärkerer Fokus auf mündliche Leistungen sein. Das findet Lehrerin Potthoff nicht ideal. Für jede mündliche Klausur werden zusätzliche Prüferinnen und Prüfer benötigt. Mit Blick auf den Lehrkräftemangel sei das kaum umsetzbar.

In New York ist ChatGPT an Schulen verboten

Die Stadt New York hat mit einem Verbot von ChatGPT an Schulen auf die jüngsten Entwicklungen im Bereich KI reagiert. Das sei wenig sinnvoll, meint Albrecht. Schließlich würde dies bedeuten, dass das Bildungswesen auf die Chancen von ChatGPT verzichten müsste. So können Lehrkräfte das Sprachmodell beispielsweise nutzen, um Routinetätigkeiten zu beschleunigen und bei Arbeitsblättern oder Aufgabenstellungen gezielter auf die unterschiedlichen Lernniveaus ihrer Schülerinnen und Schüler einzugehen.

Für Tim Kantereit, ebenfalls Lehrer in Bremen, überwiegen diese Vorteile. Der Mathematiklehrer spricht von ChatGPT als eine Art "Kollegen", der jederzeit für ihn erreichbar sei. Durch die Anwendung hole er sich Anregungen für die Planung von Unterrichtseinheiten, lasse E-Mails ausformulieren oder gebe Texten den letzten Feinschliff. Seine Klassen dürfen ChatGPT nutzen; solange sie transparent angeben, welche Aufgaben sie dadurch gelöst haben und wie sie vorgegangen sind. Einen Chatbot richtig zu nutzen, sei auch eine Leistung und mit einem Lerneffekt verbunden.

Bildungsungerechtigkeit könnte sich verstärken

Bislang nutzen nur wenige Lehrkräfte ChatGPT. Die Kosten dafür tragen sie oftmals selbst. Neben der kostenlosen hat OpenAI mittlerweile auch eine zahlungspflichtige Version auf den Markt gebracht. Kantereit nutzt sie, da sie seiner Ansicht nach schnellere und bessere Ergebnisse liefert. Mit Blick auf die Bildungsgerechtigkeit, seien Bezahlversionen für Schülerinnen und Schüler kritisch zu sehen. Durch sie würden Jugendlichen, deren Eltern sich die Kosten leisten können und wollen, stärker profitieren als andere, sagt Kantereit.

Da geht noch mehr: KI-generiertes Bild eines Klassenraums der Zukunft.   Foto: DallE

Grundsätzlich haben Chatbots laut Albrecht das Potential, Ungerechtigkeiten auszugleichen. Wer Zuhause keine Hilfe erhält, könnte ChatGPT als Lernassistenten nutzen. Doch er räumt ein, dass die bisherige Erfahrung mit digitalen Medien eher darauf hinweise, dass sich "Ungerechtigkeiten eher verstärken" werden. Schließlich nutzt der Zugriff auf ChatGPT alleine wenig, wenn die Jugendlichen nicht wissen, wie sie den Chatbot benutzen können. "Die KI ist wie ein Taschenrechner", sagt Kantereit. Nur wer die Materie verstehe, könne damit umgehen.

Richtiges Prompting, kritisches Hinterfragen: In einer Gesellschaft, in der KI einen immer höheren Stellenwert einnimmt, ist der sichere Umgang damit eine Schlüsselkompetenz. Damit Schülerinnen und Schüler KI-Anwendungen sinnvoll und reflektiert nutzen, brauche es wichtige Kompetenzen in dem Bereich - auch für Lehrende, sagt Wissenschaftler Albrecht.

Chatbot reproduziert Stereotypen

Dass zu einem reflektierten Arbeiten mit ChatGPT auch der kritische Blick auf die generierten Texte gehört, hat die 12. Klasse in Bremen Findorff an praktischen Beispielen gelernt. In der Unterrichtseinheit zu "Erzählperspektiven" hat Potthoff sich von ChatGPT dieselbe Situation - ein Streit an der Supermarktkasse - aus der Sicht einer weiblichen und eines männlichen Angestellten beschreiben lassen. Während der Mann zunächst "entsetzt" ist, aber schnell versucht, "die Lage zu beruhigen", sei die Verkäuferin "schockiert, sie fühlt sich hilflos, ausgeliefert" - der Mann aktiv und rational, die Frau passiv und emotional.

Welche Antworten ein Chatbot liefert, hängt davon ab, mit welchen Texten er trainiert wurde. Beinhalten diese Daten Vorurteile oder Prägungen, kann die Anwendung diese reproduzieren. OpenAI arbeitet zwar daran, durch Software-Optimierungen diesen sogenannten Bias klein zu halten, er existiert aber. Das bringt ein weiteres Problem mit sich: ChatGPT ist laut Albrecht besonders gut darin, auf Englisch zu antworten, und sei mit bestimmten kulturellen Kontexten besser vertraut als mit anderen. Dies könne zur Folge haben, dass bestimmte Nutzer begünstigt würden und andere eher davon abgehalten, den Chatbot zu nutzen. Um solche Prägungen nachvollziehen zu können, fordern Experten, dass OpenAI sein Trainingsdatensätze offenlegen soll.

Manchmal halluziniert sich die KI Fakten herbei

Wenn ChatGPT trotz aller Datenmengen nicht weiter weiß, "halluziniert" es. Das heißt, es erfindet Fakten oder Zusammenhänge. Selbst bei Texten zu historischen Themen finde sie Fehler, sagt Potthoff, die auch Geschichtslehrerin ist. Ohne eigenes Wissen sei es schwierig, sich auf die Ergebnisse zu verlassen.

Ein Aspekt, der auch den 17-Jährigen Moritz an dem Chatbot zweifeln lässt: "Ich bin mir einfach unsicher, inwiefern es das richtige Ergebnis liefert." Er nutzt ChatGPT, um sich Charaktere für ein beliebtes Rollenspiel entwickeln zu lassen. Doch ob er den Chatbot auch für die Abiturvorbereitungen nutzen wird, weiß er noch nicht.