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Der Sportjournalist und Moderator Marcel Reif ist Sohn eines Holocaust-Überlebenden. Er spricht in diesem Jahr zum Tag des Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag.

Holocaust-Gedenktag "Ich weiß nur, dass ich das Maul aufmachen muss"

Marcel Reif ist der Sohn eines Holocaust-Überlebenden: Ein Gespräch über seine Rede im Bundestag, das Schweigen des Vaters und Antisemitismus in Deutschland.

25.01.2024
2024-02-05T09:47:35.3600Z
14 Min

Herr Reif: Man kennt Sie vor allem als Sportjournalist. Am 31. Januar aber werden Sie im Bundestag zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus reden. Wie kam es dazu?

Marcel Reif: Es gab eine Anfrage aus dem Büro der Bundestagspräsidentin. Ich habe, wie Sie richtig sagen, einen Beruf - und ich habe ein Leben. Ein Leben, zu dem ein Vater gehört, der den Holocaust überlebt hat. Ich denke deshalb hat man mich kontaktiert. Aber ich habe mich zunächst sehr schwer getan, zuzusagen.

Warum?

Marcel Reif: Mein Vater hat über diese Zeit nicht gesprochen. Und jetzt soll ich hingehen und mich im Bundestag wichtigmachen? Das war eine große Hürde für mich.

Jetzt werden Sie aber da sein.

Marcel Reif: Erstens sagt man der Bundestagspräsidentin nicht einfach: Mach' ich nicht. Zweitens habe ich angefangen, darüber nachzudenken, und habe in einem Vorgespräch erklärt, wie ich meine Rolle sehe und wie nicht.

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Marcel Reif
Der Sportjournalist und Moderator wurde 1949 als Marek Nathan Reif im polnischen Wałbrzych (Waldenburg, Niederschlesien) in einer polnisch-jüdischen Familie geboren, die in den 1950er Jahren über Israel nach Deutschland übersiedelte. Inzwischen lebt Reif in der Schweiz und hat die Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen. Reifs Vater ist Holocaust-Überlebender.
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Wie sehen Sie Ihre Rolle?

Marcel Reif: Ich kann und werde nicht das große Ganze beleuchten. Und ich werde nicht post mortem ein Sprachrohr meines Vaters werden, denn der wollte nicht sprechen. Nein: Ich möchte mich bei ihm bedanken. Ich will ihn ehren, das ist mein Antrieb. Und ich möchte schildern, was ich nach seinem Tod darüber erfahren habe, warum er nicht gesprochen hat. Weil ich glaube, dass das allgemeingültig für einen Teil der Holocaust-Überlebenden ist. Und wenn ich da schon für irgendwen sprechen soll, dann würde ich gerne die Situation der zweiten Generation darstellen, und zwar derer, deren Eltern nicht gesprochen haben -  und wie man mit diesem Schweigen umgegangen ist.

Mögen Sie ein paar Worte zu Ihrem Vater sagen?

Marcel Reif: Mein Vater, ein polnischer Jude, hat den Holocaust überlebt, weil ihn der Industrielle Berthold Beitz, der später Generalbevollmächtigter von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach wurde, aus einem Todeszug ins KZ rausgeholt oder am Einsteigen gehindert hat - ganz genau weiß ich das nicht. Als später - Anfang, Mitte der 50er Jahre - in Polen antisemitische Tendenzen aufkamen, war das für meinen Vater offenbar einmal zu viel. Als anständiger Jude versuchte er, die Familie in Israel sesshaft zu machen, doch nach knapp zwei Jahren wurde der Versuch abgebrochen. Es gab Verwandte und Freunde in Deutschland. Und dahin ging man.

Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

🕍 Der Tag wurde 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführt. Seither findet jährlich am oder um den 27. Januar eine Gedenkstunde im Bundestag statt.

👉 Anlass ist die Erinnerung an die Befreiung der Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch Soldaten der Roten Armee am 27. Januar 1945.

🏢 Als Gastredner werden in diesem Jahr am 31. Januar die Holocaust-Überlebende Eva Szepesi und der Sportjournalist Marcel Reif sprechen. Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) wird die Gedenkstunde um 10 Uhr  im Plenarsaal eröffnen. 



Sie gingen ins Land der Täter.

Marcel Reif: Dieses Land der Täter hat mein Vater, der ein lebenslustiger, fröhlicher Mensch war, versucht für seine Kinder unbelastet und behütet lebbar zu machen. Deswegen hat er nicht gesprochen. „Papa wollte nicht, dass ihr in jedem Metzger, Lehrer, Busfahrer einen möglichen Mörder Eurer Tante seht“, sagte mir meine Mutter nach seinem Tod. Und so habe ich eine - wie ich heute sage - geradezu dumpfbackig fröhliche Nachkriegs-Wirtschaftswunder-Kindheit und -Jugend erlebt. Wofür ich unendlich dankbar bin.

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Berthold Beitz, Aufsichtsratsvorsitzender der Friedrich Krupp GmbH, erhält 1973 das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern. Beitz hat während der NS-Zeit zahlreiche Juden vor dem Tod gerettet.

Hatten Sie keine Fragen an Ihren Vater?

Marcel Reif: Ich wusste, was zu wissen war, über den Holocaust, und alles andere wollte ich ehrlich gesagt auch gar nicht hören. Das klingt jetzt alles so rational. Aber offensichtlich habe ich erstmal alles soweit verdrängt, wie es ging, und mich einfach um meine Alltagssorgen gekümmert, wie die Frage, ob ich zum Schulabschluss den weißen 850er Fiat mit roten Ledersitzen und Holzlenkrad bekomme oder nicht.

Wann hat sich das geändert?

Marcel Reif: Ein paar Jahre nach dem Tod meines Vaters habe ich ein Buch gemacht, in dem es um meine Lebensgeschichte in allen Facetten gehen sollte. Ich habe mich mit meiner Mutter zusammengesetzt. Wir haben drei Tage geredet, gelacht, geweint. Bei der Gelegenheit hat sie mir Dinge erzählt - das waren genau die Geschichten des Grauens, die ich nicht hatte hören wollen. Weil sie unfassbar sind, weil ich sie als unerträglich empfunden habe. Da erst habe ich das Schweigen meines Vaters richtig begriffen. Und ich bin ihm unendlich dankbar dafür. Ich glaube, dass das ziemlich heldenhaft war.


„Nie wieder! Das ist Nationalräson, Staatsräson, Volksräson. Wer sich nicht an diese Räson hält, der muss zur Räson gebracht werden.“
Marcel Reif

Ist es jetzt Aufgabe der zweiten Generation, also an Ihnen, das Gedenken lebendig zu halten, da die Generation der Augenzeugen dies nicht mehr selbst kann?

Marcel Reif: Eine sehr gute Frage – und eigentlich leicht zu beantworten: Ja, selbstverständlich! Aber Hallo! Mein Vater würde im Grab rotieren, wenn er wüsste, dass wir darüber reden, wie sich antisemitische Tendenzen in Deutschland bekämpfen lassen. Nur: Wie soll das aussehen? Mahnungen? Appelle?

Aber klar: Dieses Land -  gerade dieses Land! -  muss weitergehen in dieser Richtung. Nie wieder! Das ist Nationalräson, Staatsräson, Volksräson. Wer sich nicht an diese Räson hält, der muss zur Räson gebracht werden. Ich weiß nicht, was die zweite, dritte Generation tun kann. Ich weiß nur, dass ich das Maul aufmachen muss. Mir soll kein Deutscher erklären, es reicht, irgendwann ist mal gut. An der Stelle bin ich Kämpfer. 

 

Foto: privat

Familienerinnerungen: Marcel Reif als Kind mit seinem Vater und seiner Mutter.

Es ist ja auch deshalb nicht vorbei, weil es nicht vorbei ist: Antisemitismus ist weit verbreitet in Deutschland. Das ging im Jahr 2019 bis zum versuchten Massenmord in einer Synagoge in Halle. Wie steht es angesichts dessen um Ihr Sicherheitsgefühl in Deutschland?

Marcel Reif:  Ach! Ich fühl mich sicher. Ich habe persönlich nichts erlebt. Ein einzig Brieflein in meiner ganzen Karriere mit antisemitischen Andeutungen. Aber meine Mutter, die sagte öfter zu mir: Musst Du denn immer erzählen, dass der Papa Jude war? Diese Frau, eine schlesische Katholikin aus Kattowitz, hatte 40 Jahre später in Deutschland das Gefühl, mir das sagen zu müssen. Aus Sorge um meine Sicherheit - unfassbar auch das! Gottseidank, ich fühle mich heute sicher. Aber allein, dass Sie mir diese Frage stellen, ist doch Wahnsinn.

Ist Antisemitismus in Fußballstadien ein Thema?

Marcel Reif: Ich habe, glaube ich, vor sechs Jahren aufgehört regelmäßig ins Stadion zu gehen. Aber: Nein, im Gegenteil. Bei allem, was ich den Fußball-Ultras vorhalten kann, muss ich sagen: Es gab, was das angeht, sehr gute, selbstheilende Kräfte in den Fankurven.

In diesen Wochen kann man kein Gespräch über jüdisches Leben führen, ohne auf den 7. Oktober 2023 zu sprechen zu kommen. Wie haben Sie den Tag des Terrorakts der Hamas erlebt?

Marcel Reif: Ich habe eine Cousine in Tel Aviv. Die hat drei Söhne, die wissen, dass sie jederzeit einberufen werden können, und wenn die einberufen werden, dann haben die die Alternative: Grenze zum Libanon oder Gazastreifen. Deswegen ist das etwas, was mich sehr berührt. Nach dem 7. Oktober habe ich Kontakt gesucht, habe viel erfahren. Man wird dabei mit einer fast verstörenden Selbstverständlichkeit über Schrecklichkeiten informiert: „Naja, Du, wenn Raketenalarm ist, gehen wir runter in den Keller.“  „Beim Nachbarn sind gestern bei einem Raketenbeschuss die Fenster aus den Rahmen geflogen.“ „Weißt du, wir haben derzeit leider jeden Tag eine Beerdigung“… Schrecklich. Deswegen halte ich Kontakt, will wissen, wie sie heute ihren Tag verbringen. Dabei geht es nicht darum, ob sie am Strand sind oder nicht, sondern, ob sie im Krieg sind.

War der 7. Oktober ein Moment wie 9/11 es für viele war: Ein Ereignis, das das Leben in ein Davor und ein Danach teilt?

Marcel Reif: Das war es. Ja, natürlich. In Israel ist das 9/11. Und zwar, ich würde sagen, mit noch größerer Tragweite für das inner-israelische Leben als damals in den USA. David Ben-Gurion, einer der Gründerväter des Landes, hat einmal gesagt, das Schicksal Israels hänge von zwei Dingen ab: seiner Gerechtigkeit und seiner Stärke. Über die Entwicklung der Gerechtigkeit in den letzten Jahren lässt sich diskutieren. Stärke allerdings ist nicht verhandelbar, weil alternativlos. Dieser Grundpfeiler aber ist massivst beschädigt. Israel wird innenpolitisch nicht so schnell wieder sein, was es war. Und es ist ja noch lange nicht vorbei: Jeden Tag sterben Menschen auf beiden Seiten. Wie man jemals zusammen leben will, nach all dem Leid, das man sich gegenseitig zugefügt hat – ich weiß es nicht.

Es ist schrecklich. Ich versuche einem Gewöhnungseffekt zu entgehen, sage mir, hoffentlich stumpfst Du nicht ab, denn das passiert einem ja auch manchmal, wenn es zu viel wird. Aber ich bin schon froh, 3000 Kilometer weiter oben und links auf der Landkarte zu leben und mein Problem hier in München gerade nur die Frage ist: Gibt es wieder Blitzeis oder nicht?

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Stichwort „Fassbarkeit“: Haben Sie den Eindruck, die Dimension des Geschehens wurde hier richtig verstanden? Dem Terrorangriff am 7. Oktober der Hamas fielen 1400 Israelis zum Opfer. Mit Blick auf die Gesamtbevölkerung wäre das auf Deutschland bezogen ein Anschlag mit 40.000 Toten.

Marcel Reif: Dieses Nachzählen, dieses Aufrechnen – so denke ich nicht. Ob jetzt 20.000 zur Demo kommen, dann ist Deutschland  ein gutes Land, oder es kommen ein paar weniger, dann ist es nicht gut – das ist mir egal. Es geht darum, wie man mit dem Geschehenen umgeht. Ist es fassbar, was da passiert ist? Ich glaube es ist für jeden unfassbar, der diese Bilder dieses Tages - Bilder jenseits alles menschlich Vorstellbaren - gesehen hat.

Wie haben Sie die „Friedens“- und „Free Palestine“-Demos erlebt?

Marcel Reif: Was sich auf deutschen Straßen abgespielt hat, ist unerträglich. Hier ist etwas passiert, das dieser Rechtsstaat nicht hinnehmen kann: Es darf keine Demonstrationen geben, auf denen das Existenzrecht Israels, dieses Staates mit seinen Menschen, in Frage gestellt wird. Erst recht nicht in Deutschland. Da hätte ich gerne eine klarere Reaktion gesehen.  

Hat Deutschland ein Problem mit sogenanntem importiertem Antisemitismus?

Marcel Reif: Das ist eine schwierige Nachfrage, die Sie da stellen, weil das ein völlig anderes Fass aufmacht. Darf ich kneifen und sagen, es ist mir wurscht, ob er importiert ist oder nicht importiert? Es ist mir egal, worauf sich der Antisemitismus gründet. Er hat hier in diesem Lande – nein, es hat nirgendwo auf der Welt etwas verloren, aber in diesem Land schonmal gar nicht. Und dieses Land hat dafür zu sorgen, dass, egal aus welcher Ecke es kommt, das keinen Raum bekommt.


„In vielen Ecken wird gedacht, es ist genug bewältigt, genug aufgearbeitet. Aber aufzuarbeiten gilt es ein Leben lang, für jeden. “
Marcel Reif

Tatsächlich aber steigt seit Jahren die Zahl der antisemitischen Straftaten in Deutschland. Was läuft da eigentlich schief? Es gibt doch so viel Aufklärung, in der Schule, in den Medien und andernorts. Beizeiten wurde die Bundesrepublik für ihre Art der Geschichtsaufarbeitung gerühmt…

Marcel Reif: Einerseits wird in vielen Ecken gedacht, es ist genug bewältigt, genug aufgearbeitet. Aber aufzuarbeiten gilt es ein Leben lang, für jeden. Und dabei geht es nicht nur um Antisemitismus, sondern auch um Rassismus, um Fremdenfeindlichkeit in jeder Form. Alles, was da kommt, gilt es jeden Tag zu bearbeiten.

Und dann kommt manches von außen dazu. Aus Weltgegenden, aus Lebenskreisen, in denen Antisemitismus, Antiisrealismus Staatsreligion ist. Damit muss man sich auseinandersetzen. Damit kommen wir dann jetzt auch noch in die Migrationsproblematik. Dieses Land wollte so viel Gutes und hat sich übernommen an vielen Stellen. Hat Dinge nicht hingekriegt, die du aber hinkriegen musst, damit der ganze gute Wille auch lebbar wird. Da ist vieles nicht gut gegangen.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, wo ließe sich anpacken? Wenn Sie die Bundesregierung beraten sollten…

Marcel Reif: … soweit kommt es noch!  Nein. Das ist nicht mein Beritt. Aber was ich sagen würde ist: Auf keinen Fall nachlassen. Hilflosigkeit, die ich auch oft verspüre, darf nicht zu Resignation, Teilnahmslosigkeit, Lähmung führen.

Was ich nicht raten kann, sondern einklagen muss, und zwar so laut ich nur kann, ist, dass jeder rechtdenkende Mensch alles tut, was er kann, um Antisemitismus entgegenzutreten, wo immer er auftritt. Etwas pathetisch gesagt: Als Mensch streben wir mit unserer ganzen Existenz nach Glück und nach Gerechtigkeit. Wenn wir dabei stolpern, dann müssen wir wieder aufstehen. Nicht sagen: Ist doch egal. Sondern dagegenhalten, wenn einer etwas sagt, von dem man denkt: Das kann doch wohl nicht wahr sein.