Truels Reichardt : Parlamentsneuling stellt Gewohnheiten im Regierungsviertel infrage
Mehr denken, weniger hetzen: Sozialdemokrat Truels Reichardt über Anspruch, Tempo und persönliche Abstriche im Leben eines Abgeordneten zwischen Berlin und Husum.
Aus dem sogenannten hohen Norden, dem nordfriesischen Husum, kam Truels Reichardt allein nach Berlin. Hatte keine vertrauten Mitarbeiter mitgenommen, sondern setzt seit seinem Einzug in den Bundestag im vergangenen Jahr auf erfahrene Kräfte vor Ort. „Mein Büroleiter ist schon seit 30 Jahren hier beschäftigt, und alle anderen Mitarbeiter waren bei anderen Abgeordneten gewesen“, sagt er und lächelt. „Das waren meine ersten Anker beim Ankommen.“
Truels Reichardt sitzt seit 2025 für die SPD im Bundestag. Der Sozialpädagoge ist Mitglied im Verkehrsausschuss, der Kinderkommission sowie im Ausschuss für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Reichardt, 31, Abgeordneter für die SPD, nahm diese Hilfe dankbar an, gab es doch anfangs viel zu organisieren: „Wie stellt man Mitarbeiter ein, wie läuft das mit der Büroeinrichtung, und dann ist ja noch die eigene Krankenversicherung“, sagt er – alles Kleinigkeiten, die in der Summe schon ein Pfund werden können.
Wenn der “kurze Dienstweg” nicht mehr ganz so kurz ist
Aber es sollte Reichardt nicht abschrecken, der sagt, dass sein politisches Engagement losging, als seine Mutter mit ihm schwanger war. „Meine Oma trug in Husum den Spitznamen ‚Rote Ilse‘, die Sozialdemokratie ist irgendwie in unseren Familienadern drin“, sagt er.
Und da die SPD-Fraktion im neuen Bundestag nur neun neue Abgeordnete erhielt, stießen die Neulinge auf erfahrene Kolleginnen und Kollegen, die ihnen gern halfen. „Mich nahm eine Genossin an die Hand, ich konnte sie alles fragen.“ Nur dass der kurze Dienstweg, wie er ihn aus seiner Zeit als Fraktionschef im nordfriesischen Kreistag kannte, in Berlin doch etwas mehr Längen hat – daran muss er sich noch gewöhnen. „Bei einigen Fragen könnte ich mir schon etwas mehr Zügigkeit vorstellen.“
„Ich sehe meine Aufgabe als Parlamentsneuling auch darin, bisherige Abläufe in Frage zu stellen.“
Ihm falle schon auf, wie intensiv die Abstimmungsprozesse seien, „alle haben eben volle Terminkalender". In der eigenen Fraktion übrigens habe die Führung klar signalisiert, dass sie sich Impulse und neue Ideen von den Ersteinsteigern wünsche. „Ich hätte da eine“, sagt er, „und zwar sollten wir uns mehr Zeit nehmen, um wichtige Themen verstärkt von Anfang bis Ende durchdenken zu können.“
Doch wie? „Die Abgeordneten sollten die Wahlkreiswochen nutzen, um zunehmend Berliner Themen zu besprechen." Klar, auch vor Ort sei ein Termin nach dem anderen zu absolvieren, „aber irgendwo müssen wir uns ja etwas aus den Rippen schneiden“. In der Kommunalpolitik habe er oft den Spruch gehört, das habe man schon immer so gemacht – „und das ist ein schlechter Ratgeber. Ich sehe meine Aufgabe als Parlamentsneuling auch darin, bisherige Abläufe in Frage zu stellen“.
Unterschiede zum Kommunalen: Wie man in der Bundespolitik an Informationen kommt
Dass er als Abgeordneter einer Regierungsfraktion angehört, sieht er als Ansporn. Die Zusammenarbeit jedenfalls mit der Union empfindet er als gut. „Das gestaltet sich als sehr kollegial.“ Über die Medien erhalte jemand von außen vermutlich ein negativeres Bild vom Miteinander in der Koalition, „aber das kann ich überhaupt nicht bestätigen“. Es sei doch gut, wenn man Unterschiede aushalte; wichtig sei die gleiche Zielrichtung, und die sei gegeben. „Vor allem im Zwischenmenschlichen klappt es ganz gut.“
„Ich wurde gewarnt, dass man pro Legislatur eine Hemdgröße dazugewinnt.“
Also, würde er nicht lieber mit den Grünen oder mit der FDP regieren? Er überlegt einen Moment. „Koalition bedeutet immer die Kunst des Kompromisses. Mit den Grünen hätten wir zum Beispiel mehr Schwierigkeiten, nun die dringend benötigte Planungsbeschleunigung hinzukriegen. Wir müssen eben auch durch Baumaßnahmen dafür sorgen, dass das Land besser funktioniert.“ Überhaupt sehe er vor allem auf regionaler Ebene die Gemeinsamkeiten. Mit den anderen Abgeordneten aus dem Wahlkreis, von CDU und Grünen, stimme er sich eng ab, wenn es um Infrastrukturelles gehe.
Reizvoll sei auch der Austausch mit der Exekutive. „Je nach Thema gestaltet sich der unterschiedlich. Ich habe schon gelernt, dass Ministerien auch eine eigene politische Agenda haben. Da hat die eigene Parteifarbe schon einen Einfluss darauf, wie schnell man an Informationen kommt.“ Mit seinem kommunalpolitischen Verständnis, ergänzt er, decke sich das kaum. Jedenfalls muss er sich schon umorientieren. In seiner Zeit als Fraktionschef im Kreistag und in der Gemeindevertretung war er es, der von vielen angerufen wurde; von dem man etwas wollte. Nun, zumindest in Berlin, ist es andersrum.
Das Mandat ist für Reichardt auch mit Abstrichen verbunden
Reichardts Engagement bei den Jusos begann in den Zehnerjahren. Im Jahr 2015 wollte er sich mehr engagieren: Da gab es die Fluchtbewegungen nach Deutschland, das Erstarken der AfD, er wollte sich einbringen. Aber erst 2018 kandidierte er für ein Amt, kam mit frischgebackenen 24 Jahren in den Kreistag. Dann ging alles sehr schnell. In der Zwischenzeit hatte Reichardt Sozialpädagogik studiert und nach dem Masterabschluss angefangen, in einer Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderungen zu arbeiten. Sein Ansatz dabei: sich für andere Menschen einzusetzen. Reinhardt heiratete, wurde junger Vater.
Job, Familie, Ehrenamt – als man ihn dann gefragt habe, ob er sich den Bundestag vorstellen könne, musste er neu abwägen, gemeinsam eben mit der Familie. „Es war auch klar, dass meine Frau deshalb beruflich nicht kürzertreten soll.“
Abstriche macht Reinhardt beim Sport. Der Hobby-Fußballschiedsrichter (wegen des Jobs nun meist nur noch auf Kreisebene) versucht, auch in den Sitzungswochen in Berlin, zweimal zu joggen, „meist sehr früh oder sehr spät“. Es gelte vorzubeugen: „Ich wurde gewarnt, dass man pro Legislatur eine Hemdgröße dazugewinnt.“
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