Tarek Al-Wazir : Mit viel Erfahrung aus Wiesbaden nach Berlin
Mit Tarek Al-Wazir sitzt seit einem Jahr ein erfahrener Landespolitiker im Bundestag. Die Rolle in der Opposition ist für den Grünen aus Hessen keineswegs "Mist".
Nein, ein "Rookie", wie die Neulinge in den Clubs der amerikanischen Profi-Ligen heißen, ist Tarek Al-Wazir keineswegs. Er hat zwar vor zwölf Monaten das Spielfeld gewechselt, aber nicht die Sportart. Politik war auch vorher schon seine Disziplin, drei Jahrzehnte saß der Offenbacher für Bündnis 90/Die Grünen im hessischen Landtag. Er gehörte dem Wiesbadener Kabinett unter CDU-Führung als Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident an. Sein Wort galt etwas im Bundesrat wie an der Spitze seiner Partei.
Was konnte den 55-jährigen Sohn einer deutschen Lehrerin und eines jemenitischen Ex-Diplomaten da nach seiner Wahl in den Bundestag im Februar 2025 noch überraschen?
Tarek Al-Wazir ist seit 2025 Mitglied des Deutschen Bundestages. Er sitzt dem Verkehrsausschuss vor und ist stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales.
Die Antwort auf diese Frage gibt Tarek Al-Wazir ganz nach Art des abgeklärten Realpolitikers: "Das eine ist, was man sich theoretisch vorstellt, das andere ist das praktische Erleben." Also: Der Bundestag mit seinen 630 Abgeordneten ist schon durch seine schiere Größe anders als der eher "familiäre" Landtag in Wiesbaden mit etwa 130 Volksvertretern.
"Eine gewisse Anonymität entsteht dadurch", hat der diplomierte Politikwissenschaftler festgestellt. Während Al-Wazir (zu Deutsch: der Minister) wusste, "wie viele Enkel die Frau in der Landtagskantine hatte, bei der ich mein Mittagessen bekam", ist er in manchen Gebäuden des Parlaments an der Spree bisher noch gar nicht gewesen.
Ein überzeugter Kommunalpolitiker
Das bedeutet allerdings nicht, dass der Bundestags-Neuzugang eine unterschiedliche Wertigkeit zwischen Landes- und Bundespolitik sieht: "Man kann wirklich nicht sagen, dass in den Landes- und Kommunalparlamenten die Amateure sitzen und im Bundestag die Profis." Tatsächlich seien die Kommunalpolitiker bei vielen Themen vor Ort "oft näher dran als wir Bundespolitiker". Das sagt Tarek Al-Wazir mit der Erfahrung eines Mannes, der 20 Jahre lang auch Stadtverordneter in Offenbach war.
„Opposition ist nicht Mist.“
Allerdings gibt er zu, dass die hohe Präsenz und Aufmerksamkeit von Interessenvertretungen und Medien in Berlin den "großen Unterschied" ausmachen zwischen Bundes- und Landesbühne. Neulich hielt der Verkehrsexperte eine kurze Rede zu Mosel-Schleusen im Plenum. Prompt kam nach kurzer Zeit die öffentliche Reaktion eines Verbandes auf den Debattenbeitrag. Das ist "Stand der Technik" in der Mediendemokratie.
Frisch im Bundestag und bereits Ausschussvorsitzender
Dass sich Tarek Al-Wazir nicht - wie sonst üblich für alle Newcomer im Bundestag - erst einmal "ohne Ansprüche" hinten anstellen musste, als es zu Beginn der Legislaturperiode um die Vergabe von Posten ging, lag an seiner gegenüber der Fraktionsführung bekundeten Bereitschaft, "Verantwortung in einem Themenfeld zu übernehmen, in dem ich mich auskenne". In der hessischen Landesregierung war er nicht bloß für Wirtschaft zuständig, sondern auch für Energie, Verkehr und Wohnen. Da kam es doch gerade recht, dass die Grünen den Vorsitz im Verkehrsausschuss des Bundestages mit einem ebenso kundigen wie prominenten Parteifreund besetzen konnten, der nun Wert darauf legt, sein Amt "neutral und sehr korrekt im Umgang mit allen Fraktionen" auszuüben.
Das umso mehr, als Tarek Al-Wazir das Klima im Plenum des Hohen Hauses "oft als extrem unangenehm" erlebt. Grund seien die "vielen unangemessenen Reaktionen und Pöbeleien der AfD auf Rednerinnen und Redner der anderen Fraktionen". Mit der AfD arbeiten die Grünen prinzipiell nicht zusammen: "Das wird auch so bleiben." Noch etwas anderes findet Al-Wazir "gewöhnungsbedürftig" im Bundestag, nämlich "wie viele Abgeordnete im Plenum nicht in erster Linie zu den anderen Fraktionen sprechen, sondern in die Kamera, für ihren Social-Media-Auftritt". So entstehe "keine wirkliche Debatte, das ist schade".
Al-Wazir will nicht nur kontrollieren, sondern mitgestalten
Seine eigene Rolle als Vertreter der Opposition sieht der Grüne positiv: "Opposition ist nicht Mist". Er könne über seinen Kontrollauftrag hinaus sogar "mitgestalten und verändern - durch das Setzen der richtigen Themen oder durch die richtigen Fragen an die Regierung". Ein Beispiel: Bei den Beratungen des 500-Milliarden-Euro-Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaneutralität hätten die Grünen darauf hingewirkt, dass kein "großer Verschiebebahnhof entsteht", sondern "konkrete Verkehrsprojekte finanziert werden". Korrekturen erreichen durch Druck im Bundestag und in der Öffentlichkeit - so sieht der "leidenschaftliche Parlamentarier" seine Funktion als jemand, der auch weiß, wie die Exekutive tickt.
Damit befindet sich Tarek Al-Wazir in einer illustren Runde. Vor Zeiten wechselten schon Helmut Kohl (CDU), Joschka Fischer (Grüne) und die beiden Sozialdemokraten Rudolf Scharping und Oskar Lafontaine aus Landesregierungen in die Bundespolitik.
Wäre es nach den beiden grünen Parteigranden Renate Künast und Cem Özdemir gegangen, wäre der "Ultra-Realo" aus Hessen bereits viel früher nach Berlin gekommen, doch damals lehnte Al-Wazir ein entsprechendes Angebot ab - seine beiden Kinder waren noch zu klein. Inzwischen sind die beiden 17 und 20 Jahre alt und finden es "super, Papas Zweitwohnung in Berlin nutzen zu können, wenn ich nicht da bin". Tarek Al-Wazir wiederum nimmt die sitzungsfreie Zeit daheim und im Wahlkreis gern dazu wahr, seinen Lieblingsverein Kickers Offenbach in der Fußball-Regionalliga anzufeuern. Um in Berlin dann mit seinem Fraktionskollegen Omid Nouripour zu fachsimpeln - der Parlamentsvize aus Frankfurt ist glühender Fan der Eintracht.
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