Sachverständige fordern Vernetzung : Wie Teilhabe im Alter gelingen kann
In einem Fachgespräch machen Expertinnen klar: Gute Einkommen, bezahlbares Wohnen und vernetzte Angebote sind entscheidend für ein selbstbestimmtes Leben im Alter.
Regina Görner hatte eine gute Nachricht für die Abgeordneten: "Wir müssen nicht alles neu erfinden. Es gibt bundesweit so viele gute Ansätze, Projekte und Initiativen, die sich für eine Teilhabe älterer Menschen einsetzen. Sie sind nur viel zu wenig miteinander vernetzt." Der Ausschuss für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend hatte die Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) am Mittwoch dieser Woche zu einem Fachgespräch eingeladen zum Thema "Gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen". An ihrer Seite außerdem: Martina Brandt, Professorin an der Technischen Universität Dortmund und Vorsitzende der Neunten Altersberichtskommission, sowie Alexia Zurkuhlen, Vorständin und Geschäftsführerin des Kuratoriums Deutsche Altershilfe.
Grundlage des Gesprächs waren der achte und der neunte Bericht zur Lage der älteren Generation, eine Bestandsaufnahme, die jede Regierung einmal pro Wahlperiode vorlegt. Zwar ist der neunte Bericht schon vor einem Jahr vorgelegt worden, jedoch hatte das vorzeitige Aus der Ampel-Koalition und die anschließende Regierungsneubildung den Beratungsprozess verzögert.
Materielle Sicherheit ist die Basis für Teilhabe
Trotz der Verweise auf erfolgreiche, meist kommunal verankerte Initiativen, betonten alle drei Expertinnen: Es gibt eine Grundvoraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe, und das ist die materielle Sicherheit. Zwar beginne die Arbeit an dieser Absicherung für das Alter nicht erst, wenn jemand 65 werde, sondern Jahrzehnte vorher über entsprechend entlohnte Erwerbsarbeit zum Beispiel.
Barrierefreie Mobilität ist eine zentrale Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe.
Aber für jene, die aktuell im Rentenalter sind und in prekären finanziellen Verhältnissen leben (vor allem Frauen), gebe es dennoch einiges zu tun, konstatiert die Sachverständigenkommission im aktuellen Lagebericht. Denn es gebe zwar eine Vielfalt an Potenzialen, aber zugleich auch eine Ungleichheit bei den Teilhabechancen.
Zu den Forderungen gehört unter anderem eine Stärkung der Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV): “Als tragende Säule des deutschen Alterssicherungssystems sollte sie auch über das Jahr 2025 hinaus ein gesetzlich kodifiziertes, verlässliches Sicherungsziel (Mindestrentenniveau) festlegen, das die angemessene Teilhabe von Rentnern an der gesellschaftlichen Wohlstandsentwicklung gewährleistet und jüngeren Beitragszahlern ein verlässliches Sicherungsversprechen gibt, an dem sie sich bei ihrer Lebensplanung orientieren können. Der soziale Ausgleich in der GRV sollte gestärkt werden, indem diskontinuierliche Lebensverläufe und Phasen der Arbeitslosigkeit besser abgesichert werden, zum Beispiel durch eine Weiterentwicklung der sogenannten 'Grundrente'. Notwendig ist darüber hinaus eine Verbesserung der Absicherung des Erwerbsminderungsrisikos; ein besonderer Fokus sollte hier auf der Stärkung von Gesundheitsförderung, Prävention und Rehabilitation liegen.”
Steigende Mieten sind ein Problem für Rentner
In dem Bericht wird außerdem festgestellt, dass steigende Mieten vor allem in Ballungsräumen zunehmend zu einem Problem für viele Rentner werden. Bezahlbarer Wohnraum für ältere Menschen mit geringem Einkommen sowie barrierereduzierte Wohnangebote zu fördern, sei deshalb dringend geboten.
Im Familienausschuss wiesen alle drei Expertinnen darauf hin, wie wichtig es sei, Teilhabepolitik sowohl auf politischer als auch auf gesellschaftlicher Ebene als Querschnittsaufgabe zu begreifen. Bildung, Prävention, Versorgung und Pflege müssten zusammen gedacht werden, betonte etwa Martina Brandt. Eine dieser Möglichkeiten, Netzwerke aufzubauen, seien die "Caring Communities", die es vielerorts schon gebe, wie Alexia Zurkuhlen erläuterte.
Dabei handelt es sich um lokale Netzwerke, die solidarische Unterstützung im Quartier fördern, besonders für ältere, kranke oder sterbende Menschen. Sie verbinden bürgerschaftliches Engagement mit professioneller Pflege, oft initiiert durch Hospiz- und Palliativbewegungen, um Teilhabe zu ermöglichen. Die Caring Communities sollten keine Pflegedienste ersetzen, sondern verschiedene Akteure vor Ort vernetzen, sagte Zurkuhlen.
Die Politik sollte die Vernetzung von Projekten stärker fördern
Auf die Frage aus den Reihen der SPD-Fraktion, welche Erwartungen an den Bundestag es in diesem Zusammenhang gebe, appellierte Martina Brandt: "Die Vernetzung muss von oben beginnen, damit sie auch unten ankommt. Es gibt im Prinzip in Deutschland alles schon, auch Caring Communities, aber es ist unglaublich schwer, diese Dinge in einem größeren Zusammenhang zu denken. Die Projektlandschaft muss zusammengebunden und besser gesteuert werden."
Daneben müsse es aber auch darum gehen, oft einseitige, von Defiziten geprägte Altersbilder aufzubrechen und gegen Altersdiskriminierung vorzugehen. Man könne nicht alle über 65 Jahre in einen Topf werfen, das Alter sei vielfältig und das berge Chancen, die noch besser genutzt werden könnten, so Brandt. Regina Görner regte an, die "Versäulung" im Sozialbereich, also die Trennung von Gesundheit (Krankenkasse) und Pflege (Pflegeversicherung), abzubauen, "denn diese Trennung erzeugt für die Menschen oft nur Hürden im Alltag".