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Foto: picture alliance / dpa / Ingo Wagner
Während der Trauerfeier im niedersächsischen Selsingen am 9. April 2010 verfolgen Soldaten und Zivilisten die Rede von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Drei Fallschirmjäger aus dem nahe gelegenen Seedorf waren am Karfreitag im Norden Afghanistans gefallen.

Afghanistaneinsatz : Das Karfreitagsgefecht hinterlässt offene Fragen

Der ehemalige Bundeswehroffizier Wolf Gregis hat die Ereignisse des blutigen Karfreitagsgefechts vor 15 Jahren in Afghanistan minutiös recherchiert und dargestellt.

29.08.2025
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2 Min

Es sollte das bislang längste und verlustreichste Gefecht in der Geschichte der Bundeswehr werden. Am 2. April 2010 gerät eine kleine Gruppe Fallschirmjäger des deutschen ISAF-Kontingentes in Afghanistan beim Versuch, eine abgestürzte kleine Aufklärungsdrohne in der Ortschaft Isa Khel nahe der Provinzhauptstadt Kundus zu bergen, in einen Hinterhalt der Taliban. Schnell entwickelt sich aus den ersten Schusswechseln ein intensives Feuergefecht, das sich auf das Gebiet um Isa Khel ausweitet und in das weitere deutsche Fallschirmjäger und Panzergrenadiere involviert werden.

Minister zu Guttenberg räumte später ein, man könne "umgangssprachlich von Krieg reden"

Die Bilanz der schweren achtstündigen Kämpfe: Drei deutsche Soldaten werden getötet, acht weitere zum Teil schwer verwundet. Zudem sterben sechs Soldaten der afghanischen Nationalarmee durch "friendly fire" deutscher Soldaten. Die afghanischen Soldaten waren mit einem Fahrzeug auf eine deutsche Stellung zugefahren und hatten auf die Aufforderung zu stoppen und einen Warnschuss nicht reagiert. Die Deutschen vermuteten einen Anschlag und eröffneten das Feuer. Zwei Tage nach den Ereignissen, die als Karfreitagsgefecht in die Annalen der Bundeswehr eingingen, räumte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg als erster deutscher Politiker ein, in Teilen Afghanistans könne man "umgangssprachlich von Krieg reden". Ein Wendepunkt im deutschen Afghanistan-Engagement.


Wolf Gregis:
Das Karfreitagsgefecht.
Deutsche Soldaten im Feuer der Taliban.
Berlin 2025;
304 S., 24,99 €


Wolf Gregis, selbst ehemaliger Offizier der Bundeswehr und Afghanistan-Veteran, hat das Karfreitagsgefecht minutiös aus Sicht der beteiligten Soldaten nachgezeichnet. In 24 Interviews hat er über 70 Stunden Audiomaterial zusammengetragen, diese analysiert und verglichen. Herausgekommen ist eine packende Darstellung, die einen unmittelbaren Eindruck der Kämpfe vermittelt. Der Leser erfährt vieles über das soldatische Handwerk, die Einstellungen, Sichtweisen und die Gefühlslagen der Soldaten. Es ist auch ein Buch über Trauer und Schmerz über die gefallenen Kameraden.

Vorwürfe gegen einen Zugführer stehen im Raum 

Aber es bleiben auch Fragen offen: Zum Beispiel, warum die Fallschirmjäger in den Ort vorrückten, obwohl der zuständige Kommandeur dies im Vorfeld wohl ausdrücklich untersagt hatte. Isa Khel galt als Taliban-Hochburg. Der Vorwurf, das Gefecht sei von einem Zugführer der Fallschirmjäger bewusst gesucht worden, steht im Raum. Gregis hat entsprechende Anhaltspunkte recherchiert, enthält sich aber eines eigenen Urteils. Wohl auch aus Respekt vor den beteiligten Soldaten und der Erfahrung als Afghanistan-Veteran, dass sich die Lage vor Ort in einem Kampfgebiet nur schwer im Nachhinein eindeutig bewerten lässt. 

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