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Deutsch-ukrainische Beziehungen : Der Blick durch die russische Brille

Der Historiker Martin Schulze Wessel analysiert und kritisiert in "Die übersehene Nation" die deutsche Politik gegenüber der Ukraine seit dem Kaiserreich bis heute.

29.01.2026
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3 Min
Foto: picture alliance/AA/Ukrainian Presidency/Handout

Bundeskanzlerin Angela Merkel (l.) wird bei ihrem Besuch in der ukrainischen Hauptstadt Kiew im August 2022 von Präsident Wolodymyr Selenskyj (r.) empfangen.

Als eine "übersehene Nation" bezeichnet der bekannte deutsche Historiker Martin Schulze Wessel die Ukraine in seinem neuen gleichnamigen Buch und erklärt, warum Deutschland das Land seit dem 19. Jahrhundert weitgehend ignoriert hatte. Zu Recht weist der Professor für die Geschichte Ost- und Südosteuropas an der LMU München darauf hin, dass sich Deutschland "den russischen imperialen Blick auf die Ukraine zu eigen" gemacht habe, demzufolge die Ukraine ein "integraler Bestandteil Russlands" und ein "Land ohne eigene Geschichte" ist.

Schulze Wessel nimmt die Beziehungen seit dem 19. Jahrhundert unter die Lupe

Diese Wahrnehmung überdauerte die beiden Weltkriege und herrschte kritiklos bis in die jüngste Vergangenheit. Den deutschen Blick auf die Ukraine durch die Brille Großrusslands bewertet Schulze Wessel als "sekundären Kolonialismus".


Martin Schulze Wessel: 
Die übersehene Nation. 
Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert. 
C.H. Beck, 
München 2025; 
287 Seiten, 28,00 €


Der Historiker analysiert die deutsch-ukrainischen Beziehungen seit dem 19. Jahrhundert und beschreibt detailliert die Hauptziele der deutschen Besatzungspolitik während beider Weltkriege. Die Deutschen waren vor allem am Getreide und den fossilen Rohstoffe des Landes interessiert. Es gab jedoch Unterschiede: Hatte das Kaiserliche Deutschland die Ukraine 1918 noch als souveräne Nation betrachtet, war das Land für die Nationalsozialisten nur Teil der "besetzten Ostgebiete", die ausgebeutet werden sollten.

Mitwirkung an der Ermordung ukrainischer und polnischer Juden

Zudem untersucht Schulze Wessel die Tätigkeit der "Organisation Ukrainischer Nationalisten" (OUN) unter Führung von Stepan Bandera und ihre Verbrechen an der Zivilbevölkerung und ihre Dienste als Hilfspolizisten bei der Vernichtung insbesondere der polnischen und ukrainischen Juden. Unter aktiver Mitwirkung der russischen Propaganda wird heute wieder über die Beteiligung der Ukrainer am Holocaust debattiert. 

Überzeugend kann der Autor darlegen, dass die deutschen Besatzer ohne die ukrainische Hilfspolizei ihre Menschheitsverbrechen nicht hätte durchführen können. Zur perfiden Strategie der Deutschen habe es gehört, die Ukrainer zu Komplizen zu machen, betont der Autor mit Verweis auf die Quellen. Die Ermordung der Juden war ein Kernziel der deutschen Besatzung, während die OUN und die Hilfspolizei Beihilfe leisteten. Diese Reihenfolge ist entscheidend, denn es wäre eine Verdrehung der Geschichte, die Verantwortung für die Shoa auf die Ukrainer abzuwälzen. Aussagen von einer "gemeinsamen Ermordung der Juden" dienen allein der Relativierung der verbrecherischen Rassenpolitik der Nazis.

Der Historiker überschätzt die Möglichkeiten der EU und Berlins

Im Schlusskapitel des empfehlenswerten Buches analysiert Schulze Wessel die aktuellen Beziehungen zwischen Deutschland und der Ukraine seit dem Zerfall der UdSSR. Er schreibt über die Krim-Annexion, die immer aggressivere Politik Russlands bis zum Angriffskrieg im Februar 2022

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Scharf kritisiert er die deutsche Politik, angefangen mit dem realpolitischen Kurs von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), der Deutschlands und Russlands sicherheitspolitische Interessen stets an die erste Stelle setzte. Auch die vorsichtige Politik von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihres Außenministers Frank-Walter Steinmeier (SPD) vermochten die imperialen Ambitionen von Russlands Präsident Wladimir Putin nicht einzuhegen. Allerdings überschätzt Schulze Wessel wie aktuell auch andere Autoren die Möglichkeiten der Europäischen Union und Berlins deutlich, den russischen Krieg gegen die Ukraine verhindern können. Sich eine deutsche Mitschuld einzureden, wäre an dieser Stelle falsch.