Geschichte des Christentums : Der Traum des Konstantins und seine Folgen
Der britische Historiker Peter Heather zeichnet den Aufstieg des Christentums von der Antike bis ins 13. Jahrhundert zur bestimmenden Religion in Europa nach.
Auch wenn es ihn vermutlich nie gegeben hat, hatte wohl kein anderer Traum einen so großen Einfluss auf die Geschichte Europas wie derjenige, den der römische Kaiser Konstantin in der Nacht auf den 28. Oktober des Jahres 312 geträumt haben soll. Dem Monarchen sei im Schlaf ein Engel erschienen, der ihm ein Monogramm in Kreuzform und die Inschrift "In diesem Zeichen wirst du siegen" gezeigt habe.
Konstantin habe daraufhin dieses Monogramm an seinen Feldzeichen angebracht und errang kurz darauf an der Milvischen Brücke bei Rom einen strahlenden Sieg über seinen Rivalen Maxentius, der Konstantin zum Alleinherrscher im römischen Westreich machte. Er beendete daraufhin die Verfolgung der Christen und gewährte ihnen volle Religionsfreiheit.
Peter Heather:
Christentum.
Aufstieg und Triumph einer Religion.
Klett-Cotta,
Stuttgart 2025;
800 S., 42,00 €
Für den britischen Historiker Peter Heather, Professor für mittelalterliche Geschichte am King's College in London, ist der Mythos vom Traum Konstantins der Ausgangspunkt für eine Entwicklung, "die einen kleinen, nahöstlichen Mysterienkult in die dominierende religiöse Struktur der europäischen Landmasse verwandeln sollte, von wo er sich dann im Zeitalter des europäischen Imperialismus weltweit ausbreitete".
Heather hat ein in doppelter Hinsicht schwergewichtiges Buch veröffentlicht, in dem er auf 800 Seiten die knapp tausend Jahre des Christentums von der "Konstantinischen Wende" bis zur Taufe des letzten heidnischen Herrschers in Europa schildert, des litauischen Großfürsten Mindaugas um das Jahr 1250. Als Lohn dafür wurde er vom Papst zum König erhoben.
Viele Konvertiten ohne tiefe religiöse Überzeugungen
Das Beispiel untermauert die Kernthese Heathers: Es waren zumeist politische Gründe, die einen Monarchen dazu brachten, den christlichen Glauben anzunehmen. Seinen Untertanen blieb meist wenig anderes übrig, als diesen Schritt nachzuvollziehen, wollten sie nicht gravierende persönliche Nachteile in Kauf nehmen. Besonders offen dafür seien die landbesitzenden Eliten gewesen, "die am meisten zu verlieren oder zu gewinnen hatten".
Allein die Schnelligkeit, mit der viele konvertierten, ist laut Heather "schon ein starkes Indiz dafür, dass für viele Konvertiten tiefe religiöse Überzeugungen nicht im Spiel waren". Der Historiker zieht dabei Parallelen zum Siegeszug des Islam im siebten Jahrhundert oder auch zum Einparteienstaat im ehemaligen Sowjetblock. "Einige wenige mutige Individuen widersetzten sich dem Anpassungsdruck des Systems", aber die große Mehrheit habe auf Gegenwehr verzichtet, "weil dies der einzige Weg zum bestmöglichen Lebensstil gewesen sei". Heathers Analyse lässt sich auch als Warnung für autoritäre Entwicklungen in der Gegenwart verstehen.
Etwas zu kurz kommt bei ihm allerdings die Frage, welche inneren Beweggründe es waren, die zunächst die spätrömischen Kaiser seit Konstantin und dann auch zahlreiche fränkische und germanische Fürsten dazu brachten, sich dem Christentum zuzuwenden. Allein das Kriegsglück wie im Falle Konstantins kann es nicht gewesen sein, denn auch christliche Herrscher erlitten vernichtende Niederlagen.
Das Papsttum steigt auf zu einem eigenen Machtfaktor
Eindrucksvoll arbeitet er aber heraus, wie stark das Christentum in den ersten Jahrhunderten von der staatlichen Macht geprägt war, angefangen vom berühmten und folgenreichen Konzil von Nicäa 325, dessen 1700-jähriges Jubiläum im vergangenen Jahr begangen wurde. Das Papsttum sei hingegen vor allem im Frühmittelalter immer wieder in eine "Reihe bizarrer Skandale" verwickelt gewesen wie etwa im Fall von Stephan VI., der im Jahr 897 seinen Vorgänger Formusus exhumieren und den verwesenden Leichnam im Lateranspalast vor Gericht stellen ließ.
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Die dauerhafte Wende kam laut Heather erst um das Jahr 1000, als die Päpste gegenüber den weltlichen Herrschern immer einflussreicher wurden, wofür auch der bis heute sprichwörtliche Gang nach Canossa von Kaiser Heinrich IV. im Jahr 1077 steht - wobei allerdings in diesem Fall Papst Gregor VII. "sein Blatt überreizt" hatte und später abgesetzt wurde. Als jedoch Papst Urban II. 1095 mit einem fulminanten Auftritt unter dem Schlachtruf "Deus lo vult" (Gott will es) in Clermont-Ferrand zum Ersten Kreuzzug aufrief, folgten ihm rund Hunderttausend Menschen. Auch wenn die Eroberung Jerusalems im Jahr 1099 mit einem grauenhaften Blutbad einherging, trug der "Erfolg" des Ersten Kreuzzuges maßgeblich dazu bei, die Macht der Päpste weiter zu stärken.
Ihren Höhepunkt erreichte sie schließlich, als am 11. November 1215 auf Einladung des Papstes - und nicht wie früher des Kaisers - in Rom das größte Konzil des Mittelalters zusammentrat und in der Folgezeit viele Entscheidungen traf, die in der katholischen Kirche bis heute Gültigkeit haben.