Kompromiss als Zauberwort : Die Lehren der Welt vor dem Ersten Weltkrieg
Der norwegische Historiker Odd Arne Westad warnt vor einem großen Krieg und zieht in seinem Buch "Der kommende Sturm" Parallelen zur Welt vor dem Ersten Weltkrieg.
Markige Worte schon auf dem Cover seines Buches warnen vor einem großen Krieg. Der Norweger Odd Arne Westad lehrt an der Yale University globale und internationale Geschichte und stellt gleich zu Anfang fest, dass die heutige Welt in Sachen Bündnisse, Handelspolitik und neuen Technologien recht ähnlich wie die vor dem Ersten Weltkrieg tickt. Sie sei allerdings noch komplexer und unsicherer.
Mehrere Großmächte ringen um die Vorherrschaft auf den Gebieten der Nukleartechnologie, der Künstlichen Intelligenz und Raumfahrt. Handelskriege, Protektionismus und Nationalismus sind wieder an der Tagesordnung. Das gegenseitige Misstrauen unter den Großmächten sei viel größer als vor 100 Jahren.
Odd Arne Westad:
Der kommende Sturm.
Der nächste große Krieg und wovor die Geschichte uns warnt.
Klett-Cotta,
Stuttgart 2026;
272 S., 26,00 €
Die geschlossenen Bündnisse vor dem Ersten Weltkrieg konnten den Frieden nicht erhalten, weil die Mächte mit ihren Kriegsplänen zu Getriebenen wurden. Heute sollte das Nato-Bündnis nur zur Abschreckung eines Angriffs dienen und nicht einfach weltweit eingesetzt werden.
Technologischer Fortschritt verkürzt die Zeit für Entscheidungen und Diplomatie
Schneller technologischer Wandel führte während des Ersten Weltkriegs zu einer Revolution des Militärwesens: Züge zum Transport von Truppen, Panzer und Schnellfeuergewehre, Chemiewaffen, Flugzeuge und Unterseeboote kamen zum Einsatz. Die Zeit für Entscheidungen und Diplomatie wurde kleiner. "KI und Robotik sind heute mit ähnlichen Verheißungen verbunden wie Elektrizität und Maschinen vor 1914", stellt Westad fest. Militärs schwärmen heute von Cyber- und Laserwaffen, auch solchen aus dem Weltraum. KI kann auf Knopfdruck autonom operieren. Deshalb sollten bei Entscheidungen über Massenvernichtungswaffen unbedingt Menschen beteiligt sein.
Wie lassen sich Gefahren vermindern oder Kriege verhindern? Westads Zauberwort ist "Kompromiss" und vorsichtige Absprachen wenigstens über einige der Probleme. "Eine zentrale Lehre aus der Welt von 1914 lautet, dass regionale Konflikte, die lange ungelöst bleiben, die Pulverfässer sein können, die einen Weltbrand entfachen". Wer denkt da nicht an die Ukraine?
Rein technisch müssen sichere und schnelle Kommunikationsverbindungen zwischen den politischen Führern hergestellt werden. Konsultationen auf höchster Ebene sollten zum besseren Kennenlernen und gegenseitigem Respekt vermehrt stattfinden. Auch eine Zusammenarbeit in Umweltfragen, bei Pandemien und der Erkundung des Weltraums hilft dem Frieden.
Odd Arne Westad verknüpft geschickt so manche Lehre aus der Geschichte von Staaten und Großmächten mit der aktuellen internationalen Politik.