Von Partnern und Bedrohungen : Rivalisierende Mächte
Volker Perthes sieht die Welt von einem multipolaren System geprägt. Die verschärfte Konkurrenz von Großmächten bringe Europa in eine gefährliche Zwickmühle.
Respekt ist offenbar eine unterbewertete Währung der internationalen Politik. Das demonstrierte US-Präsident Barack Obama, als er Russland 2014 wenig diplomatisch als "regionale Macht" bezeichnete, die aus Schwäche und nicht aus Stärke handele. Diese Herabstufung zu einer zweitrangigen Macht musste ein empfindlicher Schlag sein für den prestigebewussten Kremlchef Wladimir Putin, nach dessen Ansicht Russland stets auf Augenhöhe mit Amerika agieren sollte.
Russlands wirtschaftlich-technologische Stärke mag zwar marginal, seine politisch-kulturelle Anziehungskraft nahezu null sein. Doch als führender Atomwaffenstaat mit Vetorecht im Weltsicherheitsrat bleibt es eine Großmacht mit globalem Einfluss, deren Interessen sich nicht ignorieren lassen.
In einer machtpolitisch fragmentierten Welt ist Russland für die EU kein Partner mehr, sondern eine Bedrohung.
Solche Klarstellungen zeichnen das neue Buch von Volker Perthes aus. Der renommierte Außenpolitik-Experte mit UNO-Erfahrung bringt mittels fundierter Analyse Ordnung in unsere Vorstellungen von einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. "Wir erleben die Entwicklung eines multipolaren Systems", konstatiert der Autor. Das heißt: Die Macht diffundiert, sie ist jetzt verteilt auf verschiedene Pole oder Zentren.
Ähnlich wie der Politikwissenschaftler Herfried Münkler sieht Perthes die internationale Politik bestimmt von einer Fünfer-Gruppe globaler Mächte, die als internationale Akteure Entwicklungen auf globaler Ebene maßgeblich mitprägen können. Dazu zählen die USA und China, Russland und EU-Europa; hinzu kommt Indien als ein "globaler Pol im Werden".
China will eine regionale Hegemonie etablieren
Nur die USA und China sind heute Weltmächte, von deren Entscheidungen Frieden, Sicherheit und Entwicklung in allen Regionen der Welt abhängen. Allerdings kann weder Washington noch Peking eine weltweite Hegemonie ausüben. Die USA stellen die stärkste Weltmacht dar und dürften dies auf absehbare Zeit auch bleiben. Laut Präsident Donald Trump soll Amerika weiterhin die Nr. 1 auf der Welt sein.
Doch als Garanten der internationalen Ordnung sieht er sein Land nicht mehr. Das zeigt seine unilaterale Politik, die sich von multilateralen Institutionen abwendet. Für China geht es darum, ein Ende von Amerikas Vorrangstellung zu erreichen, aber nicht die USA als globale Ordnungsmacht abzulösen. "Peking will nicht die Welt regieren, sondern nur eine partielle, in erster Linie regionale Hegemonie etablieren." Russland ist darauf bedacht, alte Größe wiederherzustellen. Seine Politik ist "revisionistisch" und "retro-imperial".
US-Präsident Trump hat das Bündnisvertrauen der Europäer erschüttert
Diese globale Machtaufstellung bringt Europa in eine prekäre Situation: Russland ist für die EU kein Partner mehr, sondern eine Bedrohung. China ist aus europäischer Perspektive ein unverzichtbarer Partner, aber auch ein politischer und wirtschaftlicher Konkurrent. Die USA bleiben für die Europäer zwar "der primäre Wunsch-Bündnispartner", betont Perthes. "Die Trump-Regierung hat das Bündnisvertrauen allerdings erschüttert und Europa gezwungen, Sicherheit auch ohne oder mit weniger USA zu konzipieren." Konsequenz: Als außenpolitischer Akteur muss EU-Europa sich noch dringend weiterentwickeln.
Volker Perthes:
Die Multipolarisierung der Welt.
Ein geopolitischer Wegweiser.
Suhrkamp,
Berlin 2026;
351 S., 26,00 €
Neben den globalen Mächten zeigen auch mittlere Mächte zunehmend Interesse, die Agenda der Weltpolitik mitzubestimmen. Staaten des globalen Südens wie Brasilien, Südafrika oder Indonesien gewinnen an Gewicht. Akteure aus der Zweiten Liga der internationalen Politik verändern das Kalkül der Weltmächtigen. Die afrikanischen Staaten sehen, dass auf ihrem Kontinent ein Konkurrenzkampf auswärtiger Mächte um kritische Rohstoffe entbrannt ist. Dieser Wettlauf bietet ihnen die Chance, einseitige Abhängigkeiten von einzelnen Staaten abzubauen. Eine Konfliktlösung im Nahen Osten kommt gewiss nicht ohne die USA aus. Aber regionale Akteure wie Saudi-Arabien oder Katar spielen dabei eine wichtige Rolle.
Die Rivalität zwischen den großen Mächten geht auf Kosten des Völkerrechts
Die "Multipolarisierung" der Welt bedeutet zugleich ein "Wiederaufleben von internationaler Machtpolitik und von Großmachtrivalitäten". Perthes zeigt in seiner glänzenden Studie, wie massiv dies die weltpolitischen Verhältnisse verändert. Es kommt zu einer Militarisierung der Außenpolitik. Staatenlenker scheuen nicht davor zurück, mit Gewalt zu drohen oder Gewalt anzuwenden, um ihre Interessen durchzusetzen.
Die Betonung von Rivalitäten zwischen den großen Mächten geht auf Kosten normativer Prinzipien der internationalen Ordnung. Sie untergräbt das Völkerrecht und die multilateralen Institutionen wie die Vereinten Nationen. Es ist kein Zufall, dass die Zahl bewaffneter Konflikte seit einem Jahrzehnt weltweit steigt. Viele Akteure wissen, dass sie angesichts der geopolitischen Spannungen keine kollektive Reaktion der internationalen Gemeinschaft befürchten müssen.
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