Emigration und Exil : Flucht vor den Nationalsozialisten auf der ersten Balkanroute
Mit „Balkan-Odyssee 1933-1941" erinnert Historikerin Marie-Janine Calic an eine lange ignorierte Episode der Geschichte und ergänzt das Bild des Fluchtgeschehens.
Es wäre übertrieben, von einem Boom-Thema zu sprechen, aber auffällig ist schon, dass Bücher zum Thema Migration und Flucht - in jüngerer Zeit vor allem der Flucht vor den Nationalsozialisten - einen Nerv treffen: Allein im vergangenen Jahr legten etwa Wolfgang Benz mit "Exil" eine Gesamtbetrachtung zum Thema und Uwe Wittstock mit "Marseille 1940" eine Darstellung über Literaten, die über Südfrankreich aus Europa vor den Nazis flüchteten, vor. Und Ende Februar dieses Jahres wird mit Uwe Neumahrs Publikation "Die Buchhandlung der Exilanten" eine weitere Abhandlung zum Thema erscheinen.
Marie-Janine Calic, Historikerin für südosteuropäische Geschichte, widmet sich in ihrem Buch "Balkan-Odyssee 1933-1941" einer Fluchtbewegung zahlreicher Intellektueller, Künstler, Wissenschaftler und politischer Gegner des NS-Regimes, die nicht in die bekannten Exilzentren Westeuropas oder nach Übersee gingen, sondern in den vermeintlich rückständigen Osten - "mindestens 55.000 allein nach Jugoslawien", wie Calic schreibt. "Ihre einzige Gemeinsamkeit war, dass sie irgendwo auf dem Balkan strandeten, die meisten ohne Beziehungen, Sprachkenntnisse und Vermögen. Viele irrten jahrelang durch Europa und die Welt."
Calic schildert Leidenswege, Hoffnungen und Kämpfe der Emigranten
Im Vordergrund des Buches stehen persönliche Erlebnisse und Erfahrungen des Exils. Calic berichtet von bekannten Persönlichkeiten, wie der Schauspielerin Tilla Durieux, dem Schriftsteller Ernst Toller und dem Onkologen Ferdinand Blumenthal, der an der Charité zehn Jahre Direktor des Instituts für Krebsforschung war - bis man ihm als Juden das Leben schwer machte. Die Autorin schildert Leidenswege, Hoffnungen und Kämpfe der Menschen, die vor politischer Verfolgung und Lebensgefahr flohen.
Marie-Janine Calic:
Balkan-Odyssee 1933-1941.
Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa.
C.H. Beck,
München 2025;
383 Seiten, 28,00 €
Darüber hinaus zeigt die Historikerin, wie und warum Südosteuropa als Zufluchtsraum funktionierte, welche sozialen und politischen Bedingungen vorherrschten und wie dieser Fluchtweg oftmals übersehen wurde. Sie zeigt Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft ebenso wie Elend und Verrat.
Wo Uwe Wittstock sich dem Schicksal der Flüchtlinge in seinem Werk emotional-erzählerisch nähert, mit einem Sinn für Spannungsbögen und dramatische Zuspitzungen, bleibt Calic ihrer Profession als Historikerin treu und geht es eher analytisch an - ohne bei der Anschaulichkeit Abstriche zu machen. Calics Verdienst ist es, mit ihrer Untersuchung das Bild des Fluchtgeschehens aus Hitler-Deutschland ergänzt und komplettiert zu haben. Das ist keine Kleinigkeit.
Mehr Bücher zum Thema
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In seinem Buch "Was gut ist und was böse" betont Kai Sina die Rolle des Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann als politischer Aktivist.