Piwik Webtracking Image

Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS
Nach 491 Tagen in ihrer Geiselhaft übergab die Hamas Eli Sharabi am 8. Februar 2025 dem Roten Kreuz im Gaza-Streifen.

Hamas-Geisel berichtet : "Ihre Freude ist unser Schmerz"

Der Israeli Eli Sharabi beschreibt seine 491-tägige Geiselhaft in den Händen der Hamas als verzweifelten Kampf um das eigene Überleben und das Klammern an Hoffnung.

26.03.2026
True 2026-03-26T10:52:53.3600Z
2 Min

Eli Sharabi nimmt mit in die Finsternis: Die "tut sich für ihn auf", als er und drei weitere entführte Männer nach über 50 Tagen Geiselhaft in einen unterirdischen Tunnel hinabsteigen müssen. Sharabi wurde am 7. Oktober 2023 von der Hamas aus dem Kibbuz Be'eri entführt, von Frau und Töchtern getrennt und zunächst in einem Wohnhaus gefangen gehalten. Sharabi hat Schmerzen von den Fesseln, leidet darunter, dass er nicht weiß, was die Geiselnehmer mit ihm vorhaben und was aus seiner Familie geworden ist: "Die Angst ist allumfassend." 

Gerade die Schlichtheit vieler Sätze geht nahe: Er bekommt kaum Luft, die Hitze macht ihm zu schaffen. Im Laufe der Zeit werden die Essensrationen kleiner und die hygienischen Bedingungen schwieriger. Der Gestank erzeugt Brechreiz, der Hunger "zehrt all unsere Gedanken auf".

Bewacher feiern Siege der Hamas

Beklemmend ist, wie konkret sich die außenpolitische Lage auf die Geiseln auswirkt. Je stärker die israelische Armee bombardiert, je mehr Verluste die Palästinenser erleiden, desto gereizter verhalten sich die Geiselnehmer ihnen gegenüber. Die Demütigungen nehmen zu. In den Feuerpausen entspannen sie sich und versuchen zuweilen, ihren Gefangenen Hoffnung auf baldige Freilassung zu machen. Die Bewacher feiern Siege der Hamas. "Wenn unsere Entführer glücklich sind, sind wir niedergeschlagen", schreibt Sharabi. “Ihre Freude ist unser Schmerz.”


Eli Sharabi:
491 Tage.
In den Tunneln der Hamas.
Suhrkamp,
Berlin 2025;
200 S., 24,00 €


Dazu kommt die ständige Angst, die israelische Armee könnte sie mit Gewalt zu befreien versuchen. Sharabi geht sicher davon aus, dass sie dann sofort von ihren Entführern erschossen würden. Gleichzeitig sorgt er sich, ob Israel sie vergessen habe. Von den israelischen Großdemos für die Geiselfreilassungen weiß er nichts. Aufkommende Gespräche der Geiseln mit ihren Bewachern, denen sie Namen wie Kreis, Dreieck und Ausputzer geben, sind immer ambivalent. Sie wollen auf keinen Fall provozieren, unterdrücken ihre Meinung und manchmal meint Sharabi zu spüren, dass ihre Bewacher sie hassten, nur weil sie Juden seien, dann wieder erkennt er, sie seien "immer noch Menschen".

Um sich nicht von Verzweiflung überwältigen zu lassen, gibt er sich eine "Mission": Er wird überleben, weil seine Familie ihn braucht und auf ihn wartet. Für sie will er durchhalten. Er schafft es. Nach 491 Tagen Geiselhaft wird er bis auf die Knochen abgemagert freigelassen. Umso tragischer liest sich, wie er zusammenbricht, als er erfahren muss, dass seine Frau Lianne und seine Töchter Noiya und Yahel getötet wurden. Ihnen hat er sein Buch gewidmet. Sharabis Perspektive kann die aktuellen Debatten zum Nahostkonflikt nur bereichern.

Mehr Bücher zum Thema

Israelische Polizisten evakuieren eine Frau und ihr Kind
Bücher zum Terror vom 7. Oktober 2023: Stimmen aus dem Abgrund
Der Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023 hat Israel in seinen Grundfesten erschüttert und ein neues blutiges Kapitel in Nahostkonflikt eröffnet.
Mann zündet Plakat von Ayatollah Ali Khamenei mit einer Zigarette an
Krisenregion Naher Osten: Iran und Israel gehören zu den Verlierern
Der Journalist Rainer Hermann analysiert in seinem neuesten Buch die Brennpunkte im Nahen Osten. Hart ins Gericht geht er mit der Regierung Nentanjahus.
Ein Buch mit Brille
Nahostkonflikt: Der Schmelztiegel der palästinensischen Identität
Oren Kessler erzählt die Geschichte und Folgen des arabischen Aufstandes von 1936 in Palästina und legt so die Wurzeln des Nahostkonfliktes frei.