Nina Kolleck zum Social-Media-Verbot : "Verbote wirken erstmal wie eine Erleichterung"
Anstatt eine Verbotsdebatte zu führen, die unter dem Label "Social Media" alles in einen Topf wirft, sollte sich der Fokus endlich auf die Plattformen richten.
Frau Kolleck, in den Debatten über Social Media heißt es oft, früher hatten die Menschen auch Angst vor Büchern oder dem Fernsehen. Kann man das vergleichen?
Nina Kolleck: Teilweise ja. Gesellschaften reagieren auf neue Medien fast immer mit Skepsis. Ein historisches Beispiel war die Angst vor der sogenannten Lesesucht. Neu an sozialen Medien ist aber ihre Struktur: Sie sind permanent verfügbar, personalisiert durch Algorithmen und verbinden Unterhaltung direkt mit sozialer Bewertung. Dadurch greifen sie stärker in den Alltag und in die Identitätsbildung ein als frühere Medien. Studien zeigen zudem, dass eine sehr intensive oder problematische Nutzung mit psychischen Belastungen wie schlechterem Schlaf oder Einsamkeit zusammenhängen kann.
Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie wir Menschen soziale Wesen werden und dass heute zu Schule und Elternhaus als prägende Instanzen die digitale Sozialisation hinzukommt. Ist diese einfach nur eine weitere Instanz unter vielen?
Nina Kolleck: Sozialisation ist eine Entwicklung, die ein Leben lang dauert und sich nach Lebensphasen unterscheidet. Nicht alles wiegt zur gleichen Zeit gleich stark. Genauso ist es auch bei den sozialen Medien, die auch nicht bei allen Kindern und Jugendlichen die gleichen Spuren hinterlassen. Sie nehmen aber auf jeden Fall einen erheblichen Teil in dem Leben fast aller junger Menschen ein und sind somit wesentlich für die eigene Identitätsentwicklung.
Warum verschieben sich Gefühlswelten von Jugendlichen, wenn Likes zunehmend über Teilhabe, Anerkennung und Identität bestimmen?
Nina Kolleck: Soziale Medien sprechen zentrale psychologische Grundbedürfnisse an, wie Zugehörigkeit, Autonomie und Kompetenz. Likes oder Kommentare können kurzfristig das Gefühl vermitteln, gesehen und anerkannt zu werden. Aber diese Rückmeldungen sind oft sehr flüchtig und unzuverlässig. Sie ersetzen keine stabilen Beziehungen oder echte Selbstwirksamkeit. Dadurch entsteht leicht ein Kreislauf aus ständigem Nachschauen und Vergleichen, ohne langfristig zufriedener zu werden. Plattformen verstärken das, weil ihre Algorithmen Inhalte bevorzugen, die Aufmerksamkeit und Reaktionen erzeugen. Es geht also weniger um echte Bedürfnisbefriedigung als um ständige Aktivierung.
„Personalisierte Feeds, KI-Bots oder Chat-Interfaces reagieren auf Stimmungen, speichern Verletzlichkeiten und lernen daraus, wie Nutzer am besten gebunden werden können.“
Für Schulen und Eltern scheinen Handy-Verbote ein Mittel zu sein, um ihre Kinder zu schützen. Sie argumentieren gegen diese Verbotslogik. Warum?
Nina Kolleck: Verbote wirken erstmal wie eine Erleichterung. Pauschale Handyverbote an Schulen führen vielleicht in manchen Fällen zu mehr Ruhe. Andererseits können sie bei mangelnder Digitalisierung verhindern, dass sowohl Schüler als auch Lehrer digitale Lernformate nutzen und die Schulen eine substanzielle Medienbildung voranbringen können. Diese brauchen die Schüler aber, um dann nachmittags an ihrem Handy gegen Manipulationen besser gewappnet zu sein.
Politische Inhalte sind auf Social Media dann erfolgreich, wenn sie emotionalisiert, stark vereinfacht und zugespitzt werden. So hat politische Propaganda auch schon früher funktioniert. Was ist das Neue?
Nina Kolleck: Heute reicht die Steuerung von Gefühlen viel weiter. Personalisierte Feeds, KI-Bots oder Chat-Interfaces reagieren auf Stimmungen, speichern Verletzlichkeiten und lernen daraus, wie Nutzer am besten gebunden werden können. Sie sind nicht nur Kanäle, sie sind Verstärker. Botschaften werden nicht einfach gesendet, sie werden geliked, geteilt, Jugendliche werden selbst zu Mitproduzenten.
Nina Kolleck:
Der Kampf in den Köpfen.
Wie Tiktok, Instagram & Co unsere Kinder manipulieren.
Rowohlt Berlin,
Berlin 2026;
256 S., 24,00 €
Welchen Anspruch an Demokratie-Vermittlung sollten Institutionen wie der Bundestag haben? Bleibt ihm nichts anderes übrig, als Inhalte zu emotionalisieren und zuzuspitzen, um auf den Plattformen überhaupt sichtbar zu sein?
Nina Kolleck: Es ist einerseits gut, wenn demokratische Institutionen dort Präsenz zeigen. Aber wir dürfen TikTok oder Instagram nicht als demokratische Plattformen verstehen. Denn ihre Algorithmen entsprechen keiner demokratischen Logik, sie sind vielmehr so gestaltet, dass vor allem stark emotionalisierende und polarisierende Inhalte besonders viel Reichweite erhalten. Videos vom Deutschen Bundestag erhalten deshalb oft weniger Views und Likes und erreichen dadurch häufig weniger Menschen als die Videos von Extremisten. Solange die sozialen Medien nach dieser Aufmerksamkeitslogik funktionieren, sind sie keine neutralen demokratischen Öffentlichkeiten. Daran ändert auch ein Social-Media-Verbot nichts. Die Algorithmen und die Verantwortung der Plattformen sind es, die in den Fokus rücken müssen, und die rechtlichen Instrumente, die es schon gibt, müssen endlich besser durchgesetzt werden.
Sie haben in Studien festgestellt, dass nicht alle Plattformen gleichermaßen Hass und Ressentiments verbreiten.
Nina Kolleck: Insbesondere auf TikTok, X oder Telegram werden enorm viele extremistische und auch potenziell psychisch schädliche Inhalte herumgeschleudert. Auf Messengerdiensten wie WhatsApp weniger. Diese Debatte, welche Apps warum verboten werden sollten, wurde aber noch gar nicht geführt. Stattdessen wird alles in einen Topf geschmissen, unter dem Label "Social Media" zusammengerührt, die Smartphone-Verbote kommen auch noch dazu. Wenn wir die Debatte so oberflächlich führen, wird sie am Ende nicht die erhoffte positive Wirkung zeigen.
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